logo




home schiff eigner kontakt impressum berichte routen news










März/April/Mai 2008 - Die Würfel sind gefallen. Aber erst geht's kurz ins Mittelmeer

Neunter Brief


Die Würfel hinsichtlich der Pläne bis Ende 2009 sind gefallen. Nachdem sich für die Atlantiküberquerung Kanaren - Grenada Helmut und für die Rückreise Kanada - Portugal Eddi gefunden haben, kann der Törn stattfinden. Noch ist unklar, wer auf den Zwischenetappen dabei sein wird. Helmut mailt mir seine Ankunft auf Teneriffa für den 27.11.2008. Da es sich um meinen Geburtstag handelt, werden wir es sicher vor der Abreise in die Karibik ordentlich krachen lassen. Für die Feinplanung und weil ich nicht weiß, wann ich wieder unterwegs so eine zuverlässige Postadresse habe, bestelle ich umgehend in Hamburg weitere Handbücher und die erforderlichen Seekarten. Da wir uns überwiegend in englischsprachigen Gebieten aufhalten werden mache ich jetzt Ernst. Kämpfe mich durch 1088 Seiten Ken Follett's "THE PILLARS OF THE EARTH". Bin mal gespannt, ab welcher Seite der Spaß überwiegt. Finde auch endlich meine in vielen Jahren entstandene Proviantliste wieder. Da kann nicht mehr viel schief gehen. Bevor es aber so weit ist, stehen noch spannende Monate an.

Eines Tages der Computergau. Denke, jetzt ist die letzte Stunde meines Laptops eingeläutet. Mache alle Welt verrückt und erwäge ernsthaft einen Neukauf. Bei einem kleinen Stadtbummel treffe ich auf Manfred und Ricarda und schwatze sie auch mit meinem Malheur voll. Manfred meint trocken, ich sehe mir das mal an. Am nächsten Abend erscheint er mit seiner Frau und einer Unmenge von CDs. Zuerst prüft er, ob die Festplatte defekt ist. Für mich schon ein kleines Wunder, dass man der Kiste überhaupt noch was entlocken kann. Meine Beschreibung ist sicher nicht "technical correct", aber ich bin ja auch nur unbedarfter Anwender. Als nächstes stellt er fest, die "C Partition" ist zerschossen. Er zieht wie beim Poker eine weitere CD aus dem Ärmel und installiert ein neues Betriebssystem. Nun kann ich mit meiner Acronis CD ein altes Image wiederherstellen und siehe da, es funktioniert nicht nur, nein, alle meine Daten sind wieder da. Weit nach Mitternacht, die beiden sind lange schon auf ihr Boot verschwunden, führe ich auf der Santa Maria Freudentänze auf. Anderntags lege ich mich ordentlich ins Zeug, um mich bei den beiden zu bedanken.

Wenige Tage später meint Manfred, er müsse mir noch elektronische Seekarten (weltweit) auf meinen Rechner bringen. In einer längeren Aktion, bei viel Rotwein, macht er Ernst. Damit nicht genug. Er installiert mir außerdem einen immerwährenden, weltweiten Tidenkalender sowie die Monatswindkarten für alle Seegebiete der Erde. Im Verlaufe der Tagestörns, die uns nach Gibraltar bringen, lerne ich die zusätzliche Spielerei an Bord schätzen. Mein Laptop ist mittlerweile auch mit einem GPS-Empfänger verbunden. So können wir jederzeit auf dem Bildschirm unseren Reiseverlauf verfolgen. Wenn ich jetzt alle meine Geräte nach unten in die Kajüte verlege, Radar, Autopilot, Laptop, GPS, Echolot und Speedometer, kann ich unter Deck sitzen und segeln. Nur noch zum An- und Ablegen und ggf. Segel bedienen muss ich dann noch an Deck erscheinen. Natur erleben, Delphine beobachten, alle diese Sachen sind dann natürlich passé.

stempel

Es ist außerhalb der Seglerscene wahrscheinlich kaum nachvollziehbar, aber die community hier ist pausenlos voller Gerüchte und Informationen. Es ist einigermaßen sicher, dass ich außerhalb von Europa meine deutschen Gasflaschen nicht gefüllt bekomme. Was es aber selbst in Übersee geben soll, ist Campinggas. Dazu brauche ich wiederum einen Adapter, der an deutsche Schläuche anzuschließen ist. Bernd, der am Ostermontag hier eintreffen wird, bietet sich als Postillion an. Er kündigt an, dass er für dieses Teil wegen Übergepäcks seine Arbeitskleidung (Frack) zu Hause lassen muss. Na ja, Opfer müssen wir alle bringen.

Endlich wieder unterwegs. Bernd und Zdenek treffen im Abstand von einem Tag ein. Am Mittwoch, dem 26.3.2008 verabschiede ich mich von Lagos für mindestens die nächsten 1 ½ Jahre. Die Segelkameraden, die ich hier kennen gelernt hatte, verabschieden die Santa Maria mit Winken und ordentlich Getöse aus den Nebelhörnern. Besonders bei Ricarda und Manfred tut es mir leid, dass ich sie nicht früher kennen gelernt habe. Auschecken im Marinaoffice, Diesel bunkern, dann kann endlich wieder gesegelt werden. Der Wind frischt ordentlich auf, so dass wir mit rauschender Fahrt in wenigen Stunden nach Vilamoura kommen. Meine neuen Mitsegler sind begeistert von den Segelbedingungen an der Algarve. Zdenek hat allerdings leichte Eingewöhnungsschwierigkeiten, wohingegen Bernd sich ganz auf der Genießerseite befindet.



Ayamonte

ayamonte





Am nächsten Tag sind wir schon in Spanien. Ayamonte im Mündungsgebiet des Guadiana erreichen wir mit dem letzten Tageslicht. Hier gibt es nur sehr wenige Touristen. In einer Tapasbar erleben Bernd und ich Stierkampf im Fernsehen. Es ist für mich schon etwas bedrückend, wie lange das Sterben des Stieres dauern kann. Mit Kritik will ich mich aber zurückhalten, da ich über die kulturellen Hintergründe des Stierkampfes zu wenig weiß. Wir sehen drei sehr unterschiedliche Szenarien. Wahrscheinlich gibt es noch eine Vielzahl von Kampfvarianten. Letztlich hat der Stier natürlich keine Chance, manch Torero kommt aber auch nicht ungeschoren davon.



Ayamonte





Spanische Elektrik



Impression



Grenzfluss Guardiana



Über Mazagon, wo wir eine Nacht vor Anker verbringen, geht es nach Cadiz. Hier tauchen wir erneut in die Geheimnisse der Tapasbars ein. Zurück von unserem nächtlichen Streifzug fallen Bernd und ich noch in die Hafenkneipe ein. Eigentlich soll es nur ein Absacker der Sorte Anisschnaps werden. Der Wirt Juan und seine drei erwachsenen Söhne sind sehr schnell auf Verbrüderung aus. Auf einen Schnaps, den wir bezahlen, kommen drei Schnäpse, die auf Kosten des Hauses gehen. Mit etwas Mühe können wir uns gegen halb zwei Uhr Morgens loseisen und an Bord verschwinden.

Am darauf folgenden Tag besteigen wir den Torre Tavira und nehmen an einer Vorführung der Camera Obscura teil. Auf dem Turm ist ein drehbarer Spiegel angebracht, der auf die Stadt ausgerichtet ist. Das Bild, welches der Spiegel einfängt, wird über eine Linse nach unten in einen abgedunkelten Raum geleitet. Hier trifft es auf eine runde weiße Leinwand, die als Hohlspiegel gearbeitet ist. Das faszinierende an der Darstellung ist, dass man die Stadt nicht als Foto betrachten kann, sondern es handelt sich um ein lebendiges Bild. Die Brandung des Atlantiks, sich bewegende Bauarbeiter, fahrende Autos, ja selbst fliegende Vögel kann man in ihren Bewegungen verfolgen.

Von Cadiz aus startete Kolumbus zu seiner 2. Reise nach Westindien. Das ist für die heutige Santa Maria natürlich Verpflichtung. Die Atmosphäre in der Stadt empfinde ich als sehr angenehm. Wahrscheinlich bin ich hier nicht zum letzten Mal gewesen. Erst einmal heißt es aber weitersegeln. Die Überfahrt nach Barbate de Franco, der Geburtstadt des Generalissimo, gerät im Verlauf des Tages zur feuchten Angelegenheit. Wind bis zu 42 Knoten (8 - 9 Bf.) am Kap Trafalgar macht uns das Leben schwer. Meine beiden Mitsegler fragen sich, warum sie sich das antun. Besonders Bernd leidet heftig. Die Hafeneinfahrt ist recht schwierig, da der Wind direkt in die Einfahrt hineinsteht. Wir können ohne Schaden am Besuchersteg festmachen; im Büro weist man uns einen sehr geschützten Platz hinter einer hohen Mole zu. Geschafft.



Bernd

Kleiner Ausflug von Bernd in den Mast



Erdbeertorte

Man muss sich auch mal was gönnen



Barbate de Franco ist besonders bekannt durch seine Fischerei. Insbesondere Thunfisch wird gefangen, verarbeitet und verkauft. Wir erstehen 3 Thunfischsteaks aller erster Qualität auf dem Markt der Marke Wagenrad. Beim Essen an Bord wird klar, dass die Augen größer waren als unsere Mägen. Wer bisher nur Thunfisch aus der Dose kannte ist erstaunt, dass das Fleisch durchaus nicht trocken sein muss.

Meine beiden Mitsegler sind leicht "angeknockt". Die Diskussionen über den richtigen Zeitpunkt für die Überfahrt nach Gibraltar gestalten sich deshalb etwas schwierig. Ein schlauer deutscher Segler rät in der Dusche, die Zeit zwischen dem Wechsel von Levante (Ostwind) auf Poniente (Westwind) zu nutzen und in der windarmen Zeit, ohne Rücksicht auf die vorherrschenden Strömungen mit der Maschine hinüber zu düsen. Ausgehängte Wetterberichte am Hafenbüro sind eher mäßig in ihrer Aussagekraft. Schaue im Internetcafe bei Windguru nach. Dies ist ein amerikanischer Anbieter, der sehr detaillierte Wetterprognosen veröffentlicht, und das für eng begrenzte Seegebiete.

Um 22.00 Uhr ist ein Flamencoabend in einem Kulturraum eines Flamencovereins angekündigt. Gegen 22.30 Uhr finden wir den Ort des Geschehens. Bernd und ich werden von einem Jerezweinschenk in schicker Uniform empfangen, der uns kunstvoll bis artistisch aus einem Sherryfass mit einem kleinen Behälter an einem langen Stock Gläser einschenkt. So gestärkt betreten wir den Klubraum. Wir kommen keineswegs zu spät. 20 Minuten nach unserem Eintreffen beginnt der Presidente mit seiner einführenden Rede. Bernd, der einen Teil der Rede verfolgen kann, meint, der Redner sei ein Poet. Es folgt ein langer musikwissenschaftlicher Vortrag vor einem, wie es den Anschein hat, fachkundigen Publikum. Erkennbar ist das durch kleine Zwischenrufe oder Fragen, die von den übrigen Zuhörern nicht mit Missfallen begleitet werden. So gegen Mitternacht ist es auch für unsere Ohren so weit. Es treten eine Sängerin und ein Gittarist aus Cadiz auf, die begeistern und begeistert gefeiert werden. Im Mittelteil gibt es einen Sänger mit einem Gittaristen, der einen völlig anderen Stil zu Gehör bringt. Wir sind mittlerweile als einzige Touristen erkannt und wohlgelitten. Man bereitet uns darauf vor, dass es im dritten und letzten Teil noch mal zu einem weiteren Höhepunkt kommen wird. Im klassischen Flamenco hat der Tanz keinen hohen Stellenwert. Nun träte aber ein Tänzer auf. In einer hinreißenden Darbietung begeistert er das spanische Publikum und auch uns. Wir erleben Spanien jenseits jeglicher touristischer Vorstellungen. Kurz vor drei Uhr Morgens sind wir wieder an Bord und werden sicher noch lange an diese Nacht zurückdenken.



Abendstimmung



Barbate ist nicht spektakulär. Trotzdem hat es uns hier gut gefallen. Gibraltar ruft. Eine günstige Wetterlage lässt uns die Leinen loswerfen. Wir weichen einem großen Thunfischnetz aus, begrüßen ein spanisches Marinefahrzeug durch Flaggedippen - der Gruß wird erwidert - und können nach ca. 12 sm sogar Segel setzen. Nachdem der Strom gekentert ist, erreichen wir in der Straße von Gibraltar wieder einmal Spitzengeschwindigkeiten über Grund. Über 8 Knoten machen die Segelei zu einem schönen Erlebnis. An Tarifa vorbei, dem südlichsten Punkt Europas, stürmen wir in die Bucht von Algeciras.

Gibraltar empfängt uns wettertechnisch wie hafenmäßig freundlich. Hier war eigentlich das Ziel für meine zwei Mitsegler vorgesehen. Wenn es der Wettergott mit uns weiterhin gut meint, werden wir in den nächsten Tagen sicher noch ins Mittelmeer segeln. Im Verlaufe des ersten Tages hier fängt es an zu regnen. Am zweiten Tag regnet es voll durch. Ich behaupte mal, dass sei typisch. Die Engländer sollen hier, weit vom Mutterland entfernt, nicht den Regen von zu Hause vermissen.

Einkauf in Gib. Da mir der Schreibstil von Ken Follet gefällt (The Pillars of the Earth), erstehe ich im Ort noch weitere drei Bücher im Original. Obwohl Gibraltar voll auf Shopping setzt, gelingt es mir nicht, den von Rick in Lagos so gepriesenen "Goslings Black Seal Rum" zu erstehen. Schnaps und Zigaretten sind einigermaßen preiswert. Ansonsten ist es hier doch recht teuer. Eine halbe Stunde im Internetcafe kostet 4,50 €. Eine kleine Tüte Lakritz 2,50 €. Zdenek fährt morgens mit dem Fahrrad ins benachbarte Spanien nach La Linea, inklusive Grenzkontrolle, um Brötchen zu holen. Am Abend gehen wir in eine typisch englische Kneipe um fish and chips zu essen. Die Engländer sind in ihren Gewohnheiten und Verhaltensweisen schon skurril. Sie scheinen es aber auch zu wissen und zu genießen.



Impression 2



Obwohl der Himmel weiterhin verhangen ist, segeln wir am dritten Tag weiter. Die Windrichtung Südwest stimmt einfach. Bis zum Europa Point motoren wir aus der unruhigen Bucht von Algeciras heraus, dann können wir segeln. Der Wind ist sehr böig. Wir können den mehrfachen Versuch eines Fliegers beobachten, der in Gib landen will. Immer wenn er aus dem Windschatten des Felsen herauskommt, erfasst ihn eine Böe und er muss wieder voll durchstarten. Ob es ihm letztlich gelingt können wir nicht mehr verfolgen, weil wir zu schnell außer Sicht sind. In einer Sturmböe, die uns mal wieder mit 40 Knoten überfällt, reißt das Steuerseil aus dem Ruderquadranten. Die restliche Strecke bis Estepona lassen wir "Alfredo", den Autopiloten, steuern. Das ist möglich, weil er unabhängig von den Steuerseilen direkt auf den Ruderquadranten wirkt. Erst vor der Hafeneinfahrt übernehme ich das Steuern mit der Notpinne. Wir kommen unbeschadet an den Besuchersteg und auch unbeschadet an den uns beim Einklarieren zugewiesenen Steg. Hier können wir den Schaden etwas ausgiebiger begutachten. Ich entscheide mich dafür, am nächsten Tag einen Fachmann hinzuzuziehen. Nachdem wir sieben verschiedene Stationen angelaufen bzw. mit dem Taxi angefahren haben, geraten wir an den Inhaber der Segelmacherei von Estepona. Wir können ihn überreden, sich den Schaden an Bord anzusehen. Mittlerweile haben wir auch zwei neue Drahtseile erstanden. Der Fachmann erläutert Bernd auf Spanisch seine Einschätzung. Ich höre dem Treiben skeptisch zu. Gegen meine Erwartung erklärt der Mann am Ende, er könne Morgen den Schaden beheben. Hoffnung keimt auf. Hoffentlich wird sie nicht enttäuscht. Um 11.00 Uhr ist der Fachmann angesagt. Um kurz vor 13.00 Uhr erscheint er wirklich. Das Auswechseln des ersten Seils geht recht zügig, da der Meister sich gut vorbereitet hat. Beim zweiten Seil reißt leider die Verbindung zum Hilfsseil. Das sei kein großes Problem. Es wächst sich dann doch zu einem Größeren aus. Letztlich wird er an diesem Tag nicht fertig und verspricht, am nächsten Tag, immerhin ein Samstag, um 10.00 Uhr zur Stelle zu sein. Kurz vor 10.30 Uhr ist er da. Mit Zdeneks und meiner Mithilfe schafft er es tatsächlich, den Schaden zu beheben. Ich bin ihm sehr dankbar und jammere auch nicht über die 250 € für diese Aktion. Leider können wir danach nicht sofort auslaufen, weil das Marinabüro bereits ab 13.00 Uhr geschlossen hat, und ich nicht ausklarieren kann.





Für Bernd ist Estepona der letzte Hafen. Er fliegt von Malaga aus nach Deutschland zurück. Mit Zdenek fahre/segle ich nach Fuengirola. Für ihn ist hier das Ziel erreicht. Eigentlich müsste er wissen, dass unsere Auffassungen von einem Zusammenleben an Bord einer kleinen Segelyacht sich gründlich unterscheiden. Trotzdem gibt er mir zu verstehen, er würde gern in der Karibik oder in den USA wieder an Bord kommen. Ich antworte ausweichend, um das Klima an Bord in den letzten Tagen nicht zu verkomplizieren.

Nach Estepona und Fuengirola bin ich von der Costa del Sol landschaftlich ernüchtert. Die Küste ist mit Betonbettenburgen zugebaut. Das Leben in den Orten wird beherrscht von den englischen Touristen und Residenten. Die Restaurants und Bars sind äußerlich wie auch in ihrem Angebot auf englischen Geschmack getrimmt. Eine spanische Tapasbar, in der Spanier ihren Abend verbringen, kann man nur nach langem Suchen entdecken. Wenn ich hier im Süden Spaniens nicht einige Verabredungen getroffen hätte, würde ich wahrscheinlich schnell zurück an die Atlantikküste segeln. Der Wind ist bisher auch so, wie von anderen Seglern prophezeit; entweder ist Flaute und somit Dieselwind, oder es weht die Kühe von der Weide. Vielleicht wird es aber wieder etwas besser, wenn ich weiter nach Osten vorankomme.

Den ersten Tag allein an Bord. Genieße die Unabhängigkeit. Kann ohne den Hinweis "bitte leiser, solange ich an Bord bin" Musik hören. "Bitte leiser" heißt, unterhalb der Hörschwelle. Leider ist der Wind gegen mich. Fahre trotzdem von Fuengirola nach Caleta de Velez (östlich von Malaga), weil ich das jetzt unbedingt brauche. Befreie mich innerlich von den letzten drei Wochen; Bernd möge mir verzeihen, es lag nicht an ihm.

Nach dem ersten Eindruck ist Caleta de Velez nicht von Touristen okkupiert. Keine Bettenburgen, niedrige Bebauung, Spanien. Der Hafen ist nicht in privater Hand, sondern wird von der staatlichen EPPA verwaltet. Freundliche Leute im office. Obwohl sie kein bis grässliches Englisch sprechen, ist die Verständigung äußerst freundlich und entgegenkommend. Da ich allein reise, wird gleich ein Marineiro abgestellt, mir beim Anlegen zu helfen. Entscheide mich für einen weiteren Tag, um den Ort zu erkunden, muss dann aber noch einen weiteren Tag anhängen, weil das Wetter absolut schrecklich wird; Regen, Starkwind, da muss man nicht unbedingt segeln. Am nächsten Morgen klopft ein Marineiro und erklärt mir, dass ich ins office kommen soll. Dort eröffnet mir eine Lady, ich könne nur noch den einen Tag bleiben, da der Hafen voll sei und auch andere Transityachten die Möglichkeit haben müssen, hier festzumachen. Die Logik ist zwar nicht ganz nachzuvollziehen, ich muss mich aber der Staatsmacht beugen.

Nächsten Morgen also Leinen los. Als Ziel habe ich mir Adra ausgesucht, ca. 50 sm entfernt. Das Wetter ist weiterhin "bah". So gut wie kein Wind, dafür verhangener Himmel und immer wieder Regenschauer. Unterwegs entscheide ich mich, doch noch ca. 10 sm weiter zu fahren und in der großen Marina Almerimar festzumachen. Das war im Nachhinein eine gute Entscheidung. Die letzten Meilen vor dem Hafen kommt Wind auf. Im Hafen orgelt es, dass die Heide kracht. Vor dem Büroturm eine lange Pier, an der ich mit Hilfe eines Marineiros in Lee festmachen kann. Im Büro ein ausgesprochen netter Mensch. Die unvermeidliche Bürokratie schlägt zwar wieder mit einem Zeitaufwand von etwa einer Stunde zu, dafür bekomme ich einen schön geschützten Liegeplatz und das alles zum Vorkriegspreis von 11 € die Nacht, incl. Strom und Wasser. Auch hier hilft wieder ein Marineiro beim Anlegen.



In der Ferne ist die Sierra Nevada zu sehen - Almerimar -



Es ist schon spät am Abend, so dass ich den ersten Erkundungsgang auf den nächsten Tag verschiebe. Der begrüßt mich mit einem enormen Orgelkonzert. Es pfeift in den Riggs der Yachten, dass ich froh bin, sicher und geschützt zu liegen. Dazu kommt der unerträgliche Lärm von zahlreichen Windrädern auf den umliegenden Yachten zum Stromerzeugen. Almerimar scheint ein reiner Ferienort zu sein. Es ist unglaublich viel gebaut worden und ein Ende scheint noch nicht absehbar zu sein. Alles wirkt ein bisschen aus der Retorte, aber nicht hässlich. Das einzige was fehlt ist Leben. Wenn ich es richtig einschätze gibt es massenhaft Leerstand. Trotzdem sind weiterhin Rohbauten zu sehen. Ob das alles noch vermietet oder verkauft werden kann ist sehr zweifelhaft. Die Häuser, die die verschiedenen Hafenbecken säumen, stehen komplett leer. Während ich dies schreibe möchte ich mir am liebsten etwas in die Ohren stopfen. Der Wind macht einen unglaublichen Radau. Das Wort "müde" kennt er scheinbar nicht. Ursache ist ein gewaltiges Tiefdruckgebiet, das seinen Kern in der Biscaya hat und sich über fast Gesamteuropa erstreckt. Vom Atlantik her ist auf der Wetterkarte aber bereits ein zaghaftes Hochdruckgebiet erkennbar, welcher vermutlich in der nächsten Woche wirksam werden wird.

Da ich noch über viel Zeit verfüge entscheide ich mich, ein paar Tage hier zu bleiben.

Die Tage nutze ich, um den Ort besser kennen zu lernen. Nach meiner Schätzung erstreckt sich Almerimar an der Küste auf ca. 4 km. In der Breite mögen es 1 ½ bis 2 km sein. Die Bebauung ist etwas angelehnt an den maurischen Baustil. Gleich am Hafen wird ein weiterer Riesenkomplex gebaut, der den Eindruck macht, als wenn hier Scheichs ihre Millionen verbrennen. Der erste Eindruck hat nicht getrogen. Nach meiner Schätzung gibt es 90 - 95 % Leerstand.



Rund um die Hafenbecken sind die Gebäude so gut wie leer






Aber es wird nach wie vor großzügig gebaut




Trotzdem sind Legionen von Gartenarbeitern jeden Tag dabei, die aufwändigen Gartenanlagen zu pflegen, die ausgedehnten Rasenflächen zu schneiden und zu bewässern. Für wen? Andererseits, wenn dieser Aufwand eingestellt würde, sähe es in kürzester Zeit wie in amerikanischen Western aus, in denen Wind durch ein verlassenes Dorf pfeift und Türen von verlassenen Häusern im Wind schwingen. Der ausgedehnte Golfplatz ist auch in einem hervorragenden Zustand und wird eifrig von wenigen Engländern genutzt.

Alle paar Meter gibt es Sitzbänke. Alle paar Meter gibt es Müllbehälter. Diese werden täglich kontrolliert und wenn nötig gelehrt. Selbst am entferntesten Strandabschnitt haben die Müllbehälter immer frische schwarze Säcke. Ein Heer von Arbeitern hält die Straßen und Uferpromenaden sauber. Wer bezahlt das alles? Der einzige Bereich, der scheinbar funktioniert und Geld bringt, ist der Yachthafen. Er ist beliebt bei Winterliegern. Andererseits scheinen hier viele Träume vom Yachtleben zu Ende gegangen zu sein. Massenhaft stehen hier Yachten zum Verkauf. Wer ein Schnäppchen machen will, sollte diesen Hafen nicht außer Acht lassen.

Nach einer Woche entscheide ich mich für Weiterfahren. Die Wetterlage ist gut. Hoffentlich wird es nicht wieder eine reine Motorfahrt. WetterOnline verspricht südliche Winde um 3 Beaufort. Wenn das mal stimmt. Mein Ziel liegt ca. 85 sm entfernt, da kann ich mir eine zu leichte Brise nicht leisten, wenn ich noch bei Tageslicht ankommen will. Auf jeden Fall will ich zwischen 03.00 und 04.00 Uhr auslaufen.

Bevor ich loskomme lerne ich am letzten Tag noch Jemanden kennen. Nennen wir ihn mal "Herrmann" mit seiner kultivierten polnischen Freundin. Herrmann ist erklärter Neonazi und macht daraus überhaupt kein Geheimnis. Im Gegenteil, er hat Sendungsbewusstsein und will mich agitieren. Lasse mich auch auf ein Streitgespräch ein, gehe aber nicht zu weit, damit ich nicht "ein paar aufs Maul" bekomme. Er leugnet alle wesentlichen Teile des Holocaust und beruft sich auf irgendwelche obskuren Historiker. Warum er denen mehr glaubt als den gesicherten historischen Fakten wird nicht recht klar. Seine widersprüchliche Beziehung zu einer polnischen Frau, die ja im Jargon der Nazis zu den "Untermenschen" gehört, ist für mich auch ein Phänomen. Jetzt kommt die Überraschung: Herrmann ist ein Bekannter von Heinrich (der aus Lagos). Leute kennt der! Hermann hat hier in Almerimar eine kleine Yacht gekauft, mit der er nach Irland segeln will. Er lässt sich von mir einige Tipps für die Atlantikküste geben. Nach einigen Monaten erfahre ich durch Heinrich, er habe seine Yacht bei der Einfahrt nach Cadiz auf die Steine gesteuert und verloren. Er sei aber mit seiner Freundin gesund abgeborgen worden.

Die Wettervorhersage stimmte nicht. Als ich um kurz nach 03.00 Uhr den Hafen verlasse, ist Windstille. Um 08.00 Uhr habe ich eine Begegnung mit Delphinen. Sie sind größer als die Tümmler im Nordatlantik. Sie begleiten mich auch nicht, sondern bleiben achteraus, nach dem ich sie passiert habe. Die ersten 40 sm habe ich nur Dieselwind. Dann, aus heiterem Himmel, gibt es achterlichen Wind, nicht zu knapp. Um die 6 bis 7 Beaufort. Nach 37 sm stellt jemand den Windmotor ab und ich muss die letzten 12 sm bis Águila wieder den Dieselmotor arbeiten lassen. Es folgt eine unruhige Nacht am Ankerplatz, denn der Hafen ist nach Süden offen und es steht die ganze Nacht unangenehmer Schwell in den Hafen. Aus diesem Grunde gehe ich am nächsten Morgen, nach einem knappen Müslifrühstück, Anker auf und fahre hinüber nach Cartagena.



Hafen von Águilla*

* Das Bild der elektr. Seekarte wurde vom Monitor abfotografiert, zu einem Zeitpunkt, als ich noch nicht in der Lage war, einen screenshot zu machen (Komm. 2012).



Cartagena wurde 227 v. Chr. von Hasdrubal als Qart Hadasht, also unter gleichem Namen wie Karthago gegründet und war die Hauptstadt der Karthager auf der Iberischen Halbinsel. Die Römer eroberten die Stadt 209 v. Chr. und nannten sie Carthago Nova. Unter Diokletian wurde Carthago Nova Hauptstadt der nach ihr benannten Provinz Carthaginensis. 425 wurde es durch die Vandalen zerstört, 476 westgotisch, 554 erneut (ost)römisch, 624 wiederum westgotisch. 711 wurde es wie fast die gesamte Iberische Halbinsel arabisch. 1269 kam es im Zuge der Reconquista zu Aragón. (Quelle Internet, Wikipedia)





Cartagena hat einen relativ großen Hafen. Immerhin soll hier einer der regelmäßigen Stützpunkte der 6. US-Flotte im Mittelmeer sein. Er beherbergt zwei Yachthäfen. Ich entscheide mich für den "Yacht Port Cartagena" und werde dort überaus freundlich empfangen. Zwei Marineiros helfen beim Anlegen und ich kann komfortabel längsseits am Steg liegen. Als ich zum Hafenbüro will, gabeln mich die beiden Marineiros mit einem Caddy auf und fahren mich zum Office. Das nenne ich Service. Die Stadt hat eine geschäftige Altstadt, Bahnanschluss nach Murcia, Alicante und Valencia sowie einen unvermeidlichen Lidl Laden. Die Touristenhorden sind auch erträglich. Fühle mich recht wohl hier, wenn nur nicht die hohen Liegeplatzgebühren drücken würden. Plane drei bis vier Tage hier ein, und will dann ins Mar Menor südlich von Alicante, einem kleines Binnenmeer, fahren.



Cartagena





Immer wenn ich das nächste Ziel hier im Süden Spaniens ansteuere, gibt es Wind von vorn. Wie schreibt Joyce aus Lagos: "It is the perverse nature of Neptune." Trotzdem will ich weiter. Nachdem ich die Straßenbrücke, die alle zwei Stunden öffnet, passiert habe, bin ich schon im Mar Menor. Es handelt sich um ein Binnenmeer, das recht flach ist. Die größte Tiefe ist mit 7 Metern angegeben. Endlich kann ich zu meinem Ankerplatz hinter einer kleinen Insel, La Espartena, segeln. Der Anker fällt auf 3,5 Meter Wassertiefe. Als es am nächsten Morgen windstill ist, kann ich die Ankerkette bis zum Anker verfolgen. Er hat sich bilderbuchmäßig in den mit Seegras bewachsenen Boden eingegraben.





Hier werde ich ein paar Tage bleiben. In diesen Tagen wird klar, dass meine Solaranlage bei genügendem Sonnenschein völlig ausreichend ist. Ich kann Tag und Nacht den Kühlschrank laufen lassen und sogar ein paar Stunden am Tag einen weiteren gewaltigen Stromverbraucher, meinen Laptop, anhaben.

Aus den paar Tagen ist eine ganze Woche ohne Zivilisation geworden. Die letzten beiden Tage waren dem Wetter geschuldet. Es blies mal wieder mit 7 Beaufort und bei den fünf Ankerliegern hier hinter der Insel, außer mir allesamt Engländer, beginnt das muntere Treiben. Gebe vorsichtshalber zu den 20 m Kette weitere 30 dazu. Habe keine Probleme, der Anker hält wie angeschweißt. Anders bei den um mich herum Ankernden. Wenn man sieht, mit was für einem Anker- und Leinen-/Kettensalat manche Leute ihr Eigentum sichern wollen, kann man sich nur wundern, dass sie es aus dem Mutterland der Seefahrt bis hierher geschafft haben.

Die nächste ruhige Wetterperiode nutze ich spontan, um meinen vorläufigen Zielhafen, Denia anzusteuern. Erst ist mal wieder Maschinenfahrt angesagt. Letztlich kann ich von den knapp 100 sm aber zweidrittel segeln. Morgens um 02.00 Uhr finde ich keinen Marineiro, mache erstmal an der Tankstelle fest und stelle mir den Wecker für 07.00 Uhr. Da habe ich aber die Rechnung ohne die Marinaverwaltung gemacht. Um 04.00 Uhr kommt ein Marineiro, übrigens ein Deutscher, aus einer Bar am Hafen gestolpert, entdeckt mich und nötigt mich, die Santa Maria sofort an einen anderen Liegeplatz zu verholen. So was nennt man nächtliche Ruhestörung. Der Knabe hätte mal lieber bei seinem heftigen Flirt in der Bar bleiben sollen, von dem er mir berichtet.

Um 08.30 Uhr bin ich im Marinabüro. Alles sehr freundlich, alles sehr professionell, aber der Monat, für den ich mich hier einmiete, schlägt auch mit 700 € zu Buche. Dafür erlebe ich eine Überraschung, als ich mir die Sanitäranlagen ansehe. Über Brighton in Südengland hatte ich mich ja schon lobend geäußert. Das wird hier aber deutlich getoppt. Dusche, Toilette, Waschbecken, großzügiges Platzangebot drumherum, alles wieder mal pro Person, ist beeindruckender als in England. Wow! Den Internetanschluss gibt es auch inklusive.

Nach ca. 370 sm, die ich jetzt seit Fuengirola allein zurückgelegt habe, ist hier in Denia erst einmal Schluss. Von Denia aus werde ich zum Airport nach Valencia fahren, um meinen zweiwöchigen Berlinbesuch zu starten. Da ich auf der Strecke überwiegend Wind von vorne hatte, wenn überhaupt, hoffe ich, dass der anstehende Törn zu den Kanaren mit achterlichen Winden gesegnet sein wird.





Blaue Stunde in Denia




© Rüdiger Kreutschmann


1. BRIEF 2. BRIEF 3. BRIEF 4. BRIEF 5. BRIEF 6. BRIEF 7. BRIEF 8. BRIEF 9. BRIEF 10. BRIEF 11. BRIEF 12. BRIEF 13. BRIEF 14. BRIEF 15. BRIEF
16. BRIEF 17. BRIEF 18. BRIEF 19. BRIEF 20. BRIEF 21. BRIEF 22. BRIEF 23. BRIEF 24. BRIEF 25. BRIEF 26. BRIEF 27. BRIEF 28. BRIEF 29. BRIEF 30. BRIEF
31. BRIEF 32. BRIEF 33. BRIEF 34. BRIEF 35. BRIEF 36. BRIEF 37. BRIEF 38. BRIEF 39. BRIEF 40. BRIEF 41. BRIEF 42. BRIEF 43. BRIEF 44. BRIEF 45. BRIEF
46. BRIEF 47. BRIEF 48. BRIEF 49. BRIEF 50. BRIEF 51. BRIEF 52. BRIEF


home schiff eigner kontakt impressum berichte routen news