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Überwintern in Lagos

Sechster Brief


Mit reichlich Übergepäck, alle Geschenke zum Geburtstag sowie zum Berufsabschied mussten mit, starte ich am Donnerstag, den 29.11.2007. Meine extra angeschaffte Reisetasche XXL ist kaum von mir zu bewegen. Beim Zwischenstopp auf Mallorca muss ich mich, Gott sei dank, nicht mit dem Ungetüm abplagen. Am Flughafen Faro will die Taxifahrerin die Tasche in den Kofferraum bugsieren. Mein Hinweis "it's very heavy" lässt sie abrupt innehalten. Ich wuchte das gute Stück über die Kante und stehe kurz vor dem Exitus. Am Bahnhof gibt es glatten Untergrund, so dass die Tasche mit mir im Schlepptau erstmal rollern kann. Die Taxidriverin hätte mich am liebsten für 78 € nach Lagos gebracht, ich lehne dankend ab. Für 10 € Taxi plus 6,40 € Bahnfahrkarte bringt mich eine nicht sehr komfortable, aber doch akzeptable Kleinbahn nach Lagos.

Die erste Überraschung, es ist um 17.30 Uhr nicht nur noch hell, es scheint auch die Sonne. Ist es dass, warum ich hierher wollte? Mit mir im Zug, Reisende verschiedenster Couleur. Der hagere, etwas abgehalfterte Señor mit seiner schwer übergewichtigen, asthmatischen Frau, der er pausenlos die Wange tätschelt. Dann aber überkommt ihn die Sucht, er verabschiedet sich liebevoll und muss erst einmal der Lunge auf dem Perron Feuer geben. Ein paar junge Männer reisen mit, vom Typ extracool. Bierflasche in der Hand latschen sie durchs Abteil und schnorren eine schräg vor mir sitzende junge Frau um Zigaretten an. Zu meinem Erstaunen ist sie auch willig und so wechseln die Sargnägel den Besitzer. Ist für die junge Frau auch besser so. Drei, vier Stationen weiter steigt eine Gruppe deutscher (!) Schüler ein. Lautstark albern sie im Abteil herum. Was die hier machen hätte ich zwar gern gewusst, bin aber zu faul, ein Gespräch mit ihnen anzufangen. Trotzdem ist es interessant ihnen zuzuschauen. Die etwas größeren, vielleicht auch älteren Mädchen zeigen den Jungen deutlich ihre Überlegenheit. Diese haben dem nichts entgegenzusetzen, außer dass sie noch alberner werden. Später erfahre ich, dass es hier eine internationale Schule gibt.

Nach eineinhalb Stunden und ca. 80 Bahnkilometern komme ich in Lagos an. Ich will ja nicht mit der Tasche langweilen, aber jetzt, über Kopfsteinpflaster, wird es richtig gemütlich. Obwohl der Bahnhof direkt hinter dem Yachthafen liegt, bin ich schwer angeschlagen. Bevor ich das Ungetüm über die Reling wuchten kann brauche ich erst einmal eine Auszeit. Gott sei dank ist es jetzt dunkel, niemand sieht meine kläglichen Verrenkungen. Aber dann ist alles geschafft. Die Santa Maria ist unversehrt und ich habe das Gefühl, zu Hause zu sein.





Dieses untätige geflogen und gefahren zu werden löst in mir einen Aktionsreflex aus. So fange ich noch am Abend an auszupacken. In der Kajüte stapeln sich unglaubliche Dinge. Ich brauche Tage um für alles einen Platz zu finden.

Am nächsten Morgen will ich einen kleinen Bootscheck durchführen. Die Maschine hat es mal wieder nötig zu laufen. Ich drehe den Schlüssel herum - wie Sie hören, hören Sie gar nichts. Ich verbreite erstmal hektische Betriebsamkeit. Obwohl ich die Batterien vor der Reise neu gekauft habe, werden diese zuerst überprüft. Dazu muss ich die Backbordbackskiste komplett ausräumen, dann eine Aluabdeckplatte abschrauben und schon kann ich mein Messgerät in Stellung bringen. Die Starterbatterie zeigt 12,7 Volt, ist also voll. Das war's nicht. Ich baue den Hauptschalter aus, verbinde beide Kabel mit einer dicken Schraube und siehe da, die Maschine springt an. Die Greifswalder "Fachleute" haben wahrscheinlich einen Hauptschalter aus Vietnam eingebaut.

Obwohl ich einen Ersatz an Bord habe, begebe ich mich auf den Weg zur shipschandlery Sopromar. Auf dem Weg dorthin höre ich vertraute Klänge. "Hi, wie geht's in Berlin?" So lerne ich Heinrich kennen. Er hängt sich gleich an mich und so tapern wir gemeinsam zum Händler. Der hat natürlich erst einmal Mittagspause. Heißt das hier eigentlich auch Siesta? Natürlich nicht, sondern "sono curto" (Schlaf von geringer Dauer). So gebremst in meinem Aktionismus beschließen wir, auf einen Kaffee am Hafen einzukehren.

Jetzt erfahre ich, Heinrich hat etwas außerhalb von Lagos ein Haus (gemietet?). Er ist verkappter Weltumsegler. Sein erster Versuch scheiterte mehr oder weniger in Dover; er schaffte es dann noch nach Frankreich (Dünkirchen). Dort liegt sein Stahlboot nun im Hafen und er will im nächsten Jahr einen neuen Versuch machen. Heinrich erzählt und stellt geschickt Fragen. Ich habe das Gefühl, er will Honig saugen und sich andererseits in seinen Meinungen bestätigen lassen. Dabei wirkt er nicht unsympathisch. Nach mehreren Kaffees, wann habe ich jemals soviel Kaffe getrunken, trollen wir uns wieder Richtung Sopromar. Ich bin von dem Angebot nicht beeindruckt, kaufe trotzdem zwei Ersatzhauptschalter. Da kommt der "Gustav" in mir durch. (Gustav ist eine Figur aus den Kurzgeschichten von Wolfgang Kraus, der für alle Probleme der Welt und an Bord sehr eigenwillige Lösungen hat). Ich schwöre aber, dass ich nie, wie Gustav, beim Einparken mit dem Auto vorher Fender ausgebracht habe. Auf dem Rückweg verabschiedet sich Heinrich und wir verabreden uns lose. Er lädt mich zum Grillen in sein Haus ein und ich soll dann gleich einen Schlafsack mitbringen. Sollte ich zurückhaltender sein?

Am Montag frage ich in der Rezeption nach meinem Packet aus Bremen. Es ist da. Als ich es sehe, bin ich froh, bereits in Berlin eine faltbare Sackkarre gekauft zu haben. Wieder eine Aktion der Sorte "wir stemmen Gewichte". Auf dem Steg will ein kanadischer Segler von einer amerikanischen Yacht beim an Bord wuchten helfen. Ich erkläre ihm, die Sore erst einmal am Steg auspacken zu wollen, um sie dann einzeln an Bord zu tragen. Er trollt sich. Eigentlich schade, denn hier wäre Gelegenheit gewesen, die Hauptverkehrssprache in Lagos zu üben.

Diese Gelegenheit kommt dann am nächsten Tag. Auf dem Nachbarboot an Steuerbord regt sich etwas. Ich lerne Konrad kennen. Der Schwede ist heute aus Göteborg eingeflogen und wird bis kurz vor Weihnachten allein an Bord sein. Zum Fest erscheint dann auch seine Familie. Hoffentlich wird das nebenan nicht zu rührselig. Konrad macht aber eigentlich nicht den Eindruck. Er erzählt mir, in Englisch, versetzt mit ein paar Brocken Deutsch, dass er in den nächsten Tagen mit seinem Boot nach Alvor fahren will. Dort legt er sich vor Anker, besteigt sein Dingi und wird von dort im Sonnenschein sein Boot fotografieren. Die Bilder verschickt er dann als Weihnachtskarten an seine Familie und Freunde in Schweden. Die sollen gefälligst in ihrem kalten Schweden neidisch werden.



Etwas weihnachtliche Stimmung in der Marina



Um kommunikativer zu werden, habe ich mir vorgenommen, jeden Tag mein Lernprogramm Englisch anzuwerfen. Mittlerweile habe ich auch das Prinzip der CDs verstanden. Jetzt macht es richtig Spaß. Warum war ich als Schüler nur so faul?

Innerhalb einer kurzen Woche ist schon allerhand passiert. Trotzdem kann ich nicht verhehlen, meinen Rhythmus noch nicht gefunden zu haben. Ich will so vieles tun. Fotografieren, schreiben, lesen, Bootspflege, Reparaturen, besser in der englischen Sprache werden, mit den Nachbarn kommunizieren. Der Tag eines Zeitmillionärs hat leider auch nur 24 Stunden. Dies macht mich zurzeit etwas unglücklich. Ich will vieles - zu vieles auf einmal? Wahrscheinlich bin ich in meinem neuen Leben noch nicht angekommen. Würde ich sofort lossegeln, wären diese Gedanken und Gefühle vermutlich übertüncht. Ich würde dann jammern, dass ich vor lauter Seefahrt zu gar nichts komme. Sei's wie es sei, ich bin wild entschlossen das zu finden, was ich suche.



Lagos



Hafeneinfahrt von Lagos



Treffe Heinrich lungernd im Hafen. Ein Kaffee scheint unausweichlich zu sein. Ich will aber schnell weiter und so verabreden wir uns für den nächsten Tag an Bord der Santa Maria.

Heinrich ist pünktlich. Das ist schon einmal ein Pluspunkt. Wir verbringen fast den ganzen Tag miteinander. Von der Santa Maria ist er sehr angetan. Ich bringe ihm bei, wie man mit skype weltweit kostenlos telefonieren kann, er verrät mir im Gegenzug, wie man bei McDonalds kostenlos mit dem eigenen Laptop ins Internet kommt. Wir sind dann noch mit seinem Auto, einem dreißig Jahre alten Golf mit 500.000 km auf dem Tacho, auf der Suche nach einer Gasfüllstation, was aber erstmal ergebnislos abgebrochen wird. Er will in den nächsten Tagen für 2 bis 3 Tage nach Lissabon. Ob ich mitkäme. Ich signalisiere grundsätzliches Interesse. Wir trennen uns.

Am nächsten Tag abends erscheint er an Bord für zwei Informationen. Er hat eine Gasfüllstation ausfindig gemacht. Am nächsten Tag soll es um 10.30 Uhr mit dem Zug nach Lissabon gehen. Seine Mutter, deren Lebensgefährte sowie eine Freundin der beiden kämen auch mit. Ich bin überrascht. Sage nicht zu. Verspreche aber morgens am Bahnhof zu sein, um meine Entscheidung deutlich zu machen.

Lerne am anderen Tag die ganze Bande kennen. Mutter ist sehr kommunikativ. Die Freundin ist dringend auf der Suche nach einem Mann, obwohl sie eine grottenschlechte Meinung von Männern hat. "Träge, bequem ...". Ich frage mich, warum will sie dann einen? Mutter Gerdi preist mir ihre Freundin mit großer Deutlichkeit an. Die wird doch nicht etwa mich meinen? Heidi, so heißt das gute Geschöpf, gehört nun so gar nicht in mein Beuteschema. Ich hatte mich schon vorher entschlossen, nicht mit nach Lissabon zu fahren, jetzt habe ich einen zusätzlichen Grund. Will meine portugiesische Unschuld noch ein wenig behalten. Ich verabschiede die vier und handele mir noch eine Einladung zum Grillen ein. Wenn das mal gut geht. Das Haus gehört übrigens Heinrich.

stempel

Heinrich ist immer für eine Überraschung gut. Er erscheint einen Tag früher als geplant. Ich soll leichtes Marschgepäck packen und dann mitkommen. In seinem Schlepptau Heinz, der sich als wahre Goldgrube entpuppt. Als Fahrer eines Wohnmobils hat er eine Adresse kurz vor Faro, wo ich meine Gasflasche garantiert gefüllt kriege. Gesagt, getan. Nach etwas hektischem Aufbruch von Bord düsen wir zu dieser Quelle. Hier wird's besser, als ich es erträumt habe. Der Händler plempert mir nicht nur 22 Liter Propan in den Behälter, für 35 € kann ich sogar einen Adapter für deutsche Flaschen kaufen, mit dem ich zukünftig Gas an Autogastankstellen abzapfen kann. Ein Großeinkauf bei Lidl (!) schließt sich an. Abends erscheinen wir etwas abgekämpft im Haus von Heinrich, sehnsüchtig von den Damen erwartet. Das Haus liegt etwa 50 km nördlich von Lagos.

Da es bei der Ankunft stockfinster ist, komme ich erst am nächsten Morgen dazu, die Umgebung zu erkunden. Aus den Fenstern der Wohnstube kann ich auf den Atlantik hinausschauen. In 5 Minuten bin ich an den Klippen und habe einen fantastischen Badestrand vor mir. Dort hinunter führt eine sehr sichere Holztreppe. Davor steht ein Wohnreisebus mit Berliner Kennzeichen. Er wird bewohnt von einer jungen Frau mit Kleinkind und zwei verlausten Typen. Ich wusste gar nicht, dass es noch Blumenkinder gibt. Die Zeit dafür ist doch eindeutig vorbei. Die Jungs gucken grimmig, die junge Frau gibt maulfaul zum Besten, schon seit einiger Zeit hier zu sein. Na ja, es gibt von allem.

Zum Mittag steigt das Grillfest. Eingeladen sind noch zwei Nachbarn. Alexander, ein Deutscher, der beim Studium der Forstwirtschaft in Lissabon seine portugiesische Frau kennen lernte, und sich nunmehr mit ein bisschen Schweinezucht und Weinanbau mehr schlecht als recht über Wasser hält. Seine Frau geht derweil als Lehrerin in Lagos schaffen. Dann ist da noch der 74jährige Evangelista mit seiner wohl gleichaltrigen Frau. Obwohl sie schwer unter Arthrose leidet, kann sie herrlich verschmitzt lachen. Eine reizende alte Dame. Sie bringt selbstgebackenen Erdnusskuchen mit. Die Erdnüsse sind aus eigenem Anbau. Sie sagt auch bei Bier und Roséwein nicht nein. Alle haben guten Appetit und selbst der Hund kommt nicht zu kurz.

Gestern haben wir bereits dem Wein ordentlich zugesprochen, deshalb sind wir heute etwas zurückhaltender. Kurz nach 23.00 Uhr sind alle verschwunden. War gestern vielleicht doch etwas viel.

Da Heidi am Sonntag und Heinrich am Montag nach Deutschland fliegen, bringt dieser mich bereits am Samstag mit seinem legendären Golf zur Santa Maria zurück. Anfang Januar wird er für ca. drei Monate nach Thailand, Kambodscha und Vietnam fliegen. Ich konnte mich gerade noch zügeln, um nicht auf sein Angebot des Mitreisens einzugehen. Stattdessen wünsche ich ihm viel Glück und wir versprechen uns, per Internet in Verbindung zu bleiben. Übrigens, wen es interessiert, habe meine portugiesische Unschuld bei diesem Trip nicht verloren.



Sylvesterangebot des deutschen Bäckers in Lagos



© Rüdiger Kreutschmann


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