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November/Dezember 2016

Meine 4. Atlantiküberquerung


Siebenundvierzigster Brief



Meine optimistische Sicht, es gäbe an Bord keine Probleme vor der Abreise, muss ich leider revidieren. Mit dem Austausch der Flügel des Windgenerators dachte ich, sei es getan. Als der Austausch vollzogen ist, macht das Gerät einen Höllenlärm. Der Besanmast vibriert, als wenn wir in einem schweren Sturm wären. So können wir nicht fahren. Also zurück zum boatyard und unter den Kran. Zuerst werden neue Kugellager geordert und eingebaut. Keine Veränderung. Das war's nicht! Der Chef der Elektronikgang schaut vorbei und er findet auch gleich den Fehler. Die Aufnahmescheibe der Flügel ist ausgeschlagen. Nachdem diese ebenfalls ausgetauscht wird ist alles in Ordnung. Keine Vibration im Mast und der Geräuschpegel ist auch erträglich.

Reparatur des Windgenerators



Eigentlich wollte ich noch eine neue LED-Deckslampe installieren. Wo aber gerade die für Elektrik zuständigen Männer an Bord sind beauftrage ich sie, dies für mich zu erledigen. Dieser Auftrag wächst sich zu einer ganztägigen Arbeit aus. Auf der Suche nach dem Fehler werden die Männer erst am späten Nachmittag fündig. Ein Kabel, das von einem Schrank in den WC-Raum führt, ist defekt.





Bunkern für die große Reise



So, nun sollte aber alles bereit sein. Meine beiden Mitsegler sind auch bereits eingetroffen. Jetzt verhindert ein strammer Südwind, dass wir zu den Kanarischen Inseln aufbrechen können. Da wir noch ein Mietauto haben, machen wir etwas Sightseeing. Wir fahren nach Feragudo, schauen uns die wilde Küste bei Piedade an, und versäumen auch nicht, das Cabo Sao Vicente und Sagres zu besuchen.

Am 3. Und 4. November gibt es noch eine Sicherheitseinweisung. Der Gebrauch der Schwimmwesten wird geübt. Die Männer werden mit der Epirbboje vertraut gemacht. Der Einsatz der Rettungsinsel wird besprochen und auch der Einsatz des Dingis wird dabei erwähnt.

Als nächstes folgt die Segeleinweisung. Reffen des Großsegels, der Fock und der Genua werden erklärt. Der Gebrauch der beiden Spibäume, die auf der langen Strecke zum Einsatz kommen sollen, wird ebenfalls erläutert.

Zum Schluss sind noch die beiden Seefunkgeräte (stationäres Gerät und Handfunke) und der Gebrauch des Motors und der Bilgepumpe dran.

Und nun kann es los gehen. Am 5. November beginnt unsere Reise. Der Wetterbericht sagt erst auf West drehende Winde und dann weiter auf Nord drehend voraus. Wir treffen es wie vorhergesagt an. Der Wind ist stramm und wir müssen erst hoch am Wind segeln. Insofern ist unser erstes Etmal (in 24 Stunden gesegelte Meilen) mit 113 sm ganz beachtlich. Meine beiden Mitsegler fallen erst einmal aus, aber ich glaube noch, in zwei bis drei Tagen werden sie sich an den Seegang gewöhnt haben. Ein folgenschwerer Irrtum.

Der zweite Tag bringt dann die entscheidende Wetteränderung. Der Wind wird erst ganz schwach - wir müssen sogar vier Stunden motoren. Dann setzt er aber aus Nord wieder ein. Das Großsegel wird geborgen und die Genua ausgebaumt. Am dritten Tag kann ich auch die Fock zusätzlich ausbaumen. Das Schiff läuft jetzt deutlich ruhiger. Meine beiden Mitsegler sind mir bei den Segelmanövern keine Hilfe.

Die nächsten beiden Tage läuft die Santa Maria wie auf Schienen und stürmt Fuerteventura entgegen. Etmale von 132 sm und 144 sm sind der Lohn. Am fünften Tag frühmorgens kommen wir in Gran Tarajal an. Hier steigt einer meiner Mitsegler planmäßig aus. Er hat festgestellt, Seesegeln ist nicht sein Ding. Der zweite Mitsegler, der für die Reise in die Karibik angeheuert hat, erklärt mir, er würde hier ebenfalls aussteigen. Das hatte ich unterwegs schon befürchtet. Was für ein Unsinn! Wie kann man sich derart schlecht selbst einschätzen. Eine Atlantiküberquerung ist schließlich kein Kindergeburtstag. Dort kann es zwar auch turbulent zugehen, es ist aber nach einem Tag vorbei. In der Folgezeit kommt es noch zu einer unschönen Auseinandersetzung über die Kostenbeteiligung, weil der Mitsegler ("Passagier") nicht einsehen will, dass er durch sein Verhalten verhindert hat, dass ein geeigneter Mitsegler sich an den Kosten beteiligt hätte. Dies unkameradschaftliche Verhalten wird mir in Zukunft nicht mehr passieren, weil ich keine low budget Mitreisegelegenheit mehr anbieten werde. Zukünftig ist neben der Bordkasse eine wöchentlich Kostenbeteiligung zu entrichten.

Jetzt wird ein neues Kapitel begonnen. Refik erscheint pünktlich aus Deutschland. Wir hatten uns bereits auf einer Reise von Malta nach Kreta kennen gelernt. Im Gepäck hat er unter anderem Mettwürste aus Germansky. Die werden einige Gerichte aus meiner Liste verfeinern (z. B. Grünkohl, Grüne Bohnensuppe). Ein Tag bleibt Refik zum Eingewöhnen und am Montag, dem 14.11.2016 machen wir die Leinen los, um nach Martinique zu segeln. Da uns der dritte Mann fehlt, werden wir natürlich nicht mehr so komfortabel lange Freiwachen genießen können. Nachts (ab 20.00 Uhr) werden wir drei-Stunden-Wachen und tagsüber (ab 08.00 Uhr) werden wir vier-Stunden-Wachen gehen.

Letzter Blick auf Europa, die Südspitze von Fuerteventura



Der erste Tag beginnt vielversprechend. Unter doppelten Vorsegeln (Passatbesegelung) machen wir gute Fahrt und können zwei andere Segler, die jeweils nur unter Genua fahren, deutlich hinter uns lassen. Obwohl ich nicht ganz zufrieden bin, wird sich das Etmal von 107 sm am Ende der Reise letztlich zu den Besseren einreihen. Auch die nächsten beiden Tage sind noch einigermaßen zufriedenstellend (mit 122 und 101 sm). Dann aber kommt der große Einbruch. Vierzehn Tage lang erreichen wir kein Etmal mehr von 100 oder mehr Seemeilen. Der Tiefpunkt wird am 14. Tag mit 56 sm erreicht, das sind im Schnitt 2,3 sm pro Stunde. Jeden Tag erzähle ich Refik von dem nun bald einsetzenden Passat. Tapfer hält er durch. Ich glaube bald selbst nicht mehr an mein Geschwätz. Meine Stimmung geht immer mehr in den Keller. Umso erstaunlicher ist das Verhalten von Refik, der alles stoisch über sich ergehen lässt. Eigentlich wäre jetzt der Punkt für Crewkonflikt, aber er bleibt aus. Danke Refik.

Flaute auf dem Atlantik



Am 10. Tag fangen wir unsere erste kleine Goldmakrele. Gierig wie wir sind, landet sie in der Pfanne. Keine gute Idee. Das kleine Tierchen bestand überwiegend aus Gräten. In der Folgezeit fangen wir weitere kleine Goldmakrelen, die aber allesamt wieder zurück ins Wasser gegeben werden. Am 3.12.2016, dem 20. Tag unserer Reise, fangen wir dann endlich eine Goldmakrele, die wir auf mindestens 5 kg schätzen. Mittlerweile wird klar, mit der schnellen Reise der Santa Maria 2008 über den Atlantik können wir nicht konkurrieren. Aber auch die Leistung der Lucky 2014 werden wir nicht annähernd erreichen. Obwohl wir die letzten 10 Tage gute Fahrt machen, mit Etmalen bis zu 145 sm, brauchen wir letztlich 30 Tage für die Überquerung. Am 13.12.2016 gehen wir um 07.30 Uhr (local time) in der Anse Le Marin von Martinique vor Anker.

Unser erstes mickriges Hühnchen



Hier muss Refik sich nach eigener Aussage schon anstrengen



Weiterhin Flaute im Morgengrauen



Unser erster fliegender Fisch an Deck





Die Genua löst sich langsam auf - wir haben aber Ersatz an Bord -



Nachdem wir unseren Ankunftschampagner getrunken haben, wollen wir erst einmal ausgiebig schlafen. Nach kurzer Zeit macht sich die Ankerwinde selbstständig. Dadurch werde ich wach, stolpere nach draußen und stelle fest, dass wir mit ganz kurzer Kette ins Treiben geraten. Motor starten, Refik wecken, alles muss sehr schnell gehen. Wir treiben schon in Richtung der anderen ankernden Boote. In kürzester Zeit wird klar, die Ankerwinde ist im Moment unbrauchbar und wir müssen den Anker von Hand einholen. Refik müht sich vorn mit dem Ankergeschirr ab, während ich hinten unter Maschine manövriere. Der nächste Schreck, die Kühlwassertemperatur steigt schon wieder bedrohlich an. Ich kann nur noch mit kleiner Drehzahl die Maschine benutzen. Zwei Probleme auf einmal, die sich auch noch gegenseitig beeinflussen. Das hat man doch nach einer 30 tägigen Atlantiküberquerung gerne.

Auf dem Weg zu einem anderen Ankerplatz mit genügend Raum kommt uns ein deutscher Segler mit seinem Dingi in die Quere und will mir gute Ratschläge geben, wo ich überall nicht hinfahren soll. Der Mann kommt mir gerade recht und meine Gelassenheit wird auf eine harte Probe gestellt. Letztlich schaffen wir es aber, die Santa Maria sicher vor Anker zu legen. Jetzt müssen wir den Problemen auf den Grund gehen, denn wenn ich später allein bin, ist eine elektrische Ankerwinde unerlässlich.

Als erstes bauen wir das Schaltrelais aus in der Hoffnung, bei den Bootshändlern vor Ort Ersatz zu bekommen. Mit dem Teil wollen wir an Land fahren und kommen auf dem Weg an der SY Lajoja vorbei. Die Crew der Lajoja lernte ich 2014 in Arrecive auf Lanzarote kennen. Also erst einmal kurzer Stop um "Hallo" zu sagen. Der Skipper der Lajoja kennt unser Problem und bietet sich an, das Relais zu inspizieren. Nach dem Aufschrauben meint er, es sähe alles prima aus und das Relais könne nicht die Ursache unserer Probleme sein. Er tippe auf die beiden Fußtaster, die an Deck installiert sind. Ich habe noch zwei Ersatztaster an Bord, und so fahren wir erst einmal zurück zur Santa Maria. Schnell sind die Ersatztaster provisorisch am Relais befestigt und der erste Test zeigt, das war's. Na, das war ja dann doch noch einfach.

Unser zweites Problem, der Motor. Wir schrauben die Motorabdeckung auf, starten die Maschine und Refik ruft: "da läuft ja Wasser aus dem Motor". Ich hatte mich schon gewundert, warum die Bilgepumpe dauernd lief. Bei laufendem Motor war dies nicht so ohne weiteres zu erkennen. Eine Schlauchschelle war gerissen und mittlerweile war der Schlauch vom Rohr gesprungen. Ungehindert pladderte das Wasser in die Bilge und der Motor wurde nicht mehr ausreichend gekühlt. Auch dieses Problem konnten wir mit Bordmitteln lösen. Was folgte war: Impellerwechsel, Ölwechsel einschließlich Filterwechsel, Separfilterwechsel und einen neuen Keilriemen aufziehen. Als alles erledigt ist, schnurrt das Maschinchen wie eh und je.

Santa Maria im großen Ankerfeld vor Le Merin - Martinique -



Jetzt können wir ein bisschen die Umgebung erkunden und für zwei Tage ein Auto mieten. Mit dem Auto fahren wir an einem Tag in die Hauptstadt Fort de France und am zweiten Tag machen wir eine Inselrundfahrt mit Stop auf dem Vulkan Mont Péele. Der Mont Péele brach letztmalig am 8. Mai 1902 aus. Die Bewohner der damaligen Hauptstadt St. Pierre hatten die Anzeichen in den Tagen vorher ignoriert und so brach über sie die Katastrophe herein. Ein glühender Ascheregen ging auf die Stadt nieder. Sämtliche Einwohner kamen um bis auf einen Mann, der wegen Trunkenheit in einer Gefängniszelle saß. Heute ist St. Pierre nur noch ein kleines unbedeutendes Dorf, ein paar Mauerreste der alten Stadt können noch besichtigt werden.

Auf der Fahrt über die Insel Martinique kommen wir durch große Bananenplantagen



Dann wird es Zeit, weiter zu ziehen. Als nächstes wollen wir in die Rodney Bay im Norden von St. Lucia. Die Überfahrt (etwas über 20 sm) wird recht stürmisch. Regen ohne Ende und Wind bis zu 33 Knoten. Zuerst will ich mit gerefftem Groß und Kreuzfock fahren, merke aber schnell, dass wir viel zu viel Segelfläche haben. Also Groß wieder runter und nur unter Fock weiter. Der Wind, anfänglich aus Nordost, dreht immer weiter und kommt letztlich aus Südost. Neptuns perverse nature! Für die Nacht gehen wir in der Bay erst einmal vor Anker, am nächsten Morgen dann aber in die bekannte Marina, die jährlich der Zielhafen der ARC (Atlantic Rally for Cruiser) ist. Empfangen werden wir von zwei deutschen Seglern, die uns raten, sofort wieder umzukehren. Sie seien hier am hellichten Tag überfallen worden. Wir lassen uns aber nicht beeindrucken.

Refik fährt zweimal mit dem Sammeltaxi in die Hauptstadt Castries und kommt jeweils ernüchtert zurück. Die Armut sei dort allgegenwärtig sichtbar. In den Supermärkten sind die Preise astronomisch (5 kleine Stangen Porree und 500 gr. Hackfleisch für umgerechnet über 13 €). Wer kann das außer den Bootstouristen bezahlen?

Nach Weihnachten wollen wir weiter in den Süden. Dann wird's einen neuen Bericht geben.




© Rüdiger Kreutschmann


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