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Sommer 2016

Lagos - Faulenzen - Fuengirola - Faulenzen - Lagos


Sechsundvierzigster Brief



Diesen kleinen Bericht schreibe ich am Scheitelpunkt meiner diesjährigen "Sommerreise". So sehr viel zu berichten gibt es eigentlich nicht, weil sich alles an Bord der Santa Maria mit der Vorbereitung auf den November beschäftigt. Das erneute Wagnis, nochmal in die "Neue Welt" aufzubrechen - außer Faulenzen natürlich.

Vorbereitung heißt einerseits natürlich die Technik an Bord checken. Hier gibt es kaum etwas zu tun, außer eine neue Reffleine für die Genuarollanlage zu ordern und eine neue Automatiksicherung für den Windgenerator zu installieren (die defekte Sicherung war noch eine Schmelzsicherung). Hier ist mir Markus aus Lörrach dankenswerterweise behilflich, der übrigens die Crew auf dem Weg von Lagos nach Fuerteventura verstärken wird. Andererseits habe ich mich ausgiebig mit dem Essensplan für unsere Überfahrt beschäftigt. Dafür habe ich auch testweise das eine oder andere Gericht schon mal gekocht, um keine unliebsamen Überraschungen unterwegs zu erleben.

Mitte Juni bin ich von Lagos aus gestartet. Der Plan war, überall lange Ankerliegezeiten und zwischendurch dann mal in Fuengirola ankommen. Fuengirola ist für mich deshalb so wichtig, weil ich bei einem hiesigen Gewürzhändler Kräuter und Gewürze für unsere Reise kaufen will.

Am Ankerplatz im Rio Arade lerne ich Peter von der Segelyacht Tanee kennen. Die Tanee ist eine alte 14 m Amel Maramu. Mit an Bord hat Peter seine 78jährige (!) Mutter. Wir treffen uns dann am Ankerplatz in Culatra wieder und Peter kann mir ausgiebig von seiner Zeit in der Karibik berichten. Insbesondere gibt er mir wertvolle Tipps für Trinidad, wo er sieben Sommer verbracht hat. Trinidad ist für mich deshalb so wichtig, weil die Insel außerhalb des Hurrikansgürtels liegt. Man kann in der gefährdeten Zeit, Juni bis November, recht gefahrlos sein Schiff auf der Insel lassen. Zumindest was die Naturgewalten angeht.

Von Culatra aus segle ich nach Spanien, zum Guadiana, und gehe dort für ein paar Tage vor Anker. Wie gesagt - faulenzen. Als ich dann endlich mal zum Einkauf in die Marina will, erlebe ich beim Anker einholen eine Überraschung. Mit dem letzten Stück Kette hat die elektrische Ankerwinde erhebliche Probleme. Am Anker hängt ein mittelgroßes Tongefäß mit einer Nylonleine, die am Grund verknotet sein muss. Leider handelt es sich nicht um eine antike Amphore, die alten Phönizier kannten wohl noch keine Nylonleinen. Der Fluch des modernen Materials ist, ich kriege das Zeug nicht über die Pflugschar des Ankers gehievt. Da hilft nur noch ein scharfes Messer. Mit einem ordentlichen Platscher geht die Sore auf Grund.

Dann geht's in die Marina von Ayamonte und hier will ich mal einer Merkwürdigkeit auf den Grund gehen. Das Cockpit der Santa Maria hat vier Lenzrohre, durch die eindringendes Wasser wieder zurück geleitet werden soll. So richtig erfüllen sie aber nicht ihren Zweck, zumindest dauert es immer unverhältnismäßig lange, bis eingedrungenes Waser wieder abgeflossen ist. Keine schöne Situation. Erst stochere ich in den Schläuchen herum, weil ich denke, vielleicht haben dort Muscheln ein neues Zuhause gefunden und verstopfen jetzt alles. Das ist aber nicht wirklich erfolgreich. In der Bordwand sind für jeden Schlauch, also insgesamt vier, Ventile eingelassen. Ich traue meinen Augen nicht. Ein Ventil ist geschlossen. Ich weiß nicht wie lange dieses Ventil schon geschlossen ist. Ich habe es jedenfalls nicht verschlossen. Im Jahre 2006, also ein Jahr vor meiner Abreise aus Deutschland, hatte ich noch in Greifwald vier neue Ventile einbauen lassen. Ich habe ja im Nachhinein einige unliebsame Überraschungen bei den Arbeiten erlebt, die die Experten dort fabriziert hatten. Dies gehört mal wieder zu ihren negativen Highlights.

Von Ayamonte aus geht's über die Cadiz Bucht weiter Richtung Gibraltar. In der Bucht von Algeciras, vor dem spanischen Ort La Linea gehe ich vor Anker. Ich bin noch mit gutem Westwind (Poniente) hier her gekommen. Aber von nun an herrscht Levante (Ostwind) und zwar der strammen Sorte. Kein Gedanke an Fuengirola. Ich überlege schon, ob ich mit dem Bus dorthin fahren soll. Aber, beim aufmerksamen Verfolgen der Wetterentwicklung tut sich nach fünf Tagen ein kleines Wetterfenster auf. Der Levante hört zwar nicht auf, wird aber für zwei Tage (bzw. Nächte) ganz schwach, so dass es für mich heißt Dieselwind, Hebel auf den Tisch und rüber gedüst. Danach schließt sich das Fenster und wir haben wieder strammen Levante. Kann mir aber nur recht sein, so komme ich jedenfalls wieder gut zurück.

Thema Fotos: durch mein Fußhandikap war es mir nicht möglich, aushäusige Fotosafaris durchzuführen. Deshalb hier nur zwei Fotos, ein Stimmungsbild von den ankernden Frachtern in der Bucht von Algeciras und das Zweite Foto von der nunmehr zugebauten Skyline von Gibraltar, dort wo sich früher die alte Sheppard Marina mit ihrem Weltumseglerflair befand. Alles weg, nur noch riesen Beton-, Glas- und Aluminiumklötze.

Der nächste Bericht wird dann wahrscheinlich von unserer Atlantiküberquerung handeln, meine dann immerhin bereits Vierte. Ich bin gespannt, was es dabei für Erlebnisse und vielleicht Überraschungen geben wird.





Und dann doch noch ein Bild von meinem Einkauf beim Kräutermann. Nach jedem gelungenen Abwiegen meinte er: "perfecto"





16.8.2016


Kleiner Nachtrag zu meiner Überfahrt von der Bucht von Algeciras nach Rota am gestrigen Tag.


Alles ist gut vorbereitet. Alle Sachen sind gut verstaut, denn es erwartet uns viel Wind bei Tarifa. Tarifa ist bekannt für stramme Windverhältnisse und starke Strömungen, deshalb kommen auch gern die Surfer hierher.

Der Wetterbericht sagt für meine Strecke folgendes voraus: Windrichtung generell Ost bis Südost. Gibraltar relativ moderater Wind, im Schatten des Rocks. Bei Tarifa strammer Wind mit Sturmböen um die 35 Knoten. Richtung Kap Trafalgar weiterhin starker bis stürmischer Wind, leicht nachlassend. Nach dem Kap, Richtung Cadiz, nachlassender Wind, zum Ende hin mit Tendenz zur Flaute.

Die Besegelung für diese Verhältnisse ist einfach. Das Großsegel ist tabu. Es kommt die Kreuzfock mit 27 qm zum Einsatz, die im Zweifel noch weiter gerefft werden kann.

Um 07.30 Uhr lichte ich den Anker und beginne meinen 73 sm langen Törn. Aus der Bucht von Algeciras herauszusegeln ist wegen des noch schwachen Windes (Abdeckung durch den Felsen) etwas mühsam. Außerdem muss ich etlichen ankernden Frachtern ausweichen. Aber kurz nach 09.00 Uhr ist es geschafft und schon nimmt der Wind zu. Wir machen gute Fahrt und bereits nach zwei Stunden liegt Tarifa Steuerbord querab. Unsere Fahrt beträgt in der Spitze über 9 Knoten über Grund (die theoretische Rumpfgeschwindigkeit der Santa Maria liegt bei 7,2 Knoten). Der Autopilot hat so seine Mühe und neigt bei dem böigen Wind häufig zum Übersteuern, obwohl ich ihn schon in den Leistungsbereich eingestellt habe. Zum Teil gehe ich selbst Ruder, nachher kreuze ich vor dem Wind. Damit kommt der Autopilot besser zurecht. In Richtung Kap Trafalgar muss ich doch sehr aufmerksam segeln und immer wieder Manöver fahren - Segel ein- und ausreffen, Halsen fahren. Da ich nach Tarifa eine durchaus kräftige Kursänderung vornehmen muss, glaubt man, der Kurs zum Wind würde automatisch besser. Aber Rasmus hat da immer andere Pläne. Wir segeln ja einigermaßen in Landnähe, und der Wind hat leider die Eigenschaft, nicht etwa seine Richtung beizubehalten, sondern er passt sich der Küstenlinie an und kommt damit weiterhin platt von achtern.

Um 16.35 haben wir unseren Wegpunkt bei Kap Trafalgar erreicht und somit müsste es nach der Vorhersage bald moderatere Windverhältnisse geben. Und tatsächlich, der Wind nimmt so auf 10 bis 15 Knoten ab. Das ist für mich das Signal zum Segelwechsel. Die Kreuzfock wird eingerollt und die Genua wird ausgerollt. Ich begebe mich unter Deck, um mir feine Lachsschnittchen zuzubereiten. Da es leicht angefangen hat zu regnen, stecke ich zwei Schotten in den Niedergang und ziehe das Schiebeluck zu. Dann lasse ich es mir gut gehen, ohne gleich zu merken, dass sich von achtern nochmals eine Sturmböe heranschleicht. Als ich es merke, ist es schon ein bisschen spät, um mühelos die Genua zu bergen. Jetzt muss ich alle Kraft und Geschicklichkeit aufbieten, um das große Biest zu bändigen. Es gelingt mir auch nicht vollständig. Nach ungefähr einem Drittel ist Schluss. Da hilft auch keine kraftsparende Winde. Nichts geht mehr. Es steht noch viel zu viel Segelfläche, und ich kann nur hoffen, dass die Böe nicht zu lange anhält und in der Zwischenzeit nichts bricht. Ich habe Glück. Die Böe hört auf und es kommt danach auch keine mehr. Ich kann mir also den Schaden auf dem Vorschiff ansehen. Ich ziehe meine Schwimmweste an, lege den neuerworbenen Lifebelt an, picke mich in den an Deck gespannten Lifegurt und wandere zum Vorschiff. Die Reffleine für das Segel hat sich vor dem ersten Leitblock gestaut und aufgehäufelt. Die Reffleine wird nur noch von einer "hauchdünnen" Seele gehalten, die auch jederzeit brechen kann (siehe Foto). Ich muss hier was tun. Mit den Händen kann ich die verbleibende Leine von der Refftrommel abwickeln und somit das Segel einrollen. Die abgewickelte Leine sichere ich am Bugkorb, weil ich die Klampen ja noch zum Festmachen brauche. Ein bisschen bin ich an der Misere selbst Schuld. Die Reffleine hatte schon eine kleine beschädigte Stelle. Deshalb sollte sie ja auch vor der Atlantiktour im November ausgetauscht werden. Dummer Skipper.

Aber das ist leider noch nicht alles!

Der Wind hat mittlerweile so weit abgeflaut, dass ich mit der kleinen Fock nicht weitersegeln kann. Also muss der Dieselsegler seine Arbeit machen. Nach kurzer Zeit hört sich das Motorengeräusch seltsam an. Ein Blick auf die Anzeigengeräte und ich gerate schon wieder in heftige Aktivität. Hatten wir doch gerade erst. Das Kühlwasserinstrument zeigt bereits 100° an. 80° ist die Solltemperatur. Das Instrument für den Öldruck ist auch schon erheblich über den Normbereich geklettert. Also sofort Maschine Stopp. Nun dümpeln wir hier auf dem Atlantik erst einmal antriebslos herum.

Ich hebe die schwere Motorraumabdeckung an, um an die Maschine zu kommen. Als erstes prüfe ich den Ölstand, obwohl ich den erst vor drei Tagen geprüft hatte und etwas Öl nachgegossen hatte. Erwartungsgemäß ist das Öl in Ordnung. Jetzt prüfe ich den Wasserfilter. Er enthält ein bisschen Seegras, was ich entferne, aber das ist auf keinen Fall bedrohlich. Als nächstes prüfe ich den 2. Kühlwasserkreislauf. Auch hier alles im grünen Bereich. Nun ist der Impeller dran. Obwohl ich beim letzten Ölwechsel einen neuen eingebaut hatte, baue ich ihn aus. Erwartungsgemäß ist er tiptop. Also, alles wieder zusammen bauen. Nun bin ich etwas ratlos. Meine Kenntnisse sind auch weitgehend erschöpft. Es bleibt mir nur die Vermutung, es könne sich etwas vor den Kühlwassereintritt Außenbords gesetzt haben, zum Beispiel eine Plastiktüte.

Da jetzt doch wieder etwas Wind aufgekommen ist, rolle ich die Kreuzfock aus und wir bewegen uns wieder Richtung Ziel. Nach einiger Zeit wage ich es, den Motor wieder zu starten. Tatsächlich kommt hinten aus dem Auspuff auch Kühlwasser heraus - im Leerlauf! Ich erhöhe die Drehzahl und bei 2000 U/min steigen die Nadeln in den Anzeigengeräten wieder an. Merde. Motor aus. Also segeln. Nach weiteren 10 sm segeln traue ich mich erneut den Motor zu starten. Es kommt Kühlwasser. Ich erhöhe die Drehzahl des Motors in 200 U/min Schritten. Die Kühlwassertemperatur steht wie angenagelt bei 80° und der Öldruck erhöht sich geringfügig mit steigender Drehzahl. Ich traue dem Braten natürlich noch nicht und kontrolliere die Instrumente in hecktischen Abständen. Aber alles bleibt gut. Glück gehabt. Knock on wood.





© Rüdiger Kreutschmann


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