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Mai/Juni 2015

Amsterdam - Brest


Dreiundvierzigster Brief



Nun bin ich voraussichtlich bis Portugal allein an Bord. Neben einigen anderen Vorzügen gibt es einen entscheidenden Vorteil, ich bin zeitungebunden. Ich muss nicht zu einem Termin irgendwo sein, sondern kann abwarten, bis der Wind passt, dann geht's weiter. Noch habe ich zwar eine Anzeige bei Hand gegen Koje für die Biskaya, es ist aber zu erwarten, dass sich kein ernst zu nehmender Interessent mehr meldet. Insgesamt war die Resonanz auf meine diesjährigen Anzeigen recht bescheiden. Vielleicht ist es nicht mehr die richtige Plattform, um Mitsegler zu finden.

Ich starte also am Samstag, dem 23. Mai von Amsterdam aus, nachdem Windguru, ein amerikanischer Wetteranbieter, nordöstlichen Wind vorhergesagt hat. Das verspricht eine gute Segelreise für diesen Tag zu werden. Ich starte um 06.00 Uhr bei leichtem Nieselregen. Bis zur Schleuse Ijmuiden sind es 13,5 sm und um 09.00 Uhr haben wir die Schleusung bereits hinter uns. Es ist danach nur noch ein kurzes Stück bis auf die Nordsee, wo wir dann Segel setzen können. Plan A ist, heute bis nach Scheveningen zu segeln. Dort kommen wir aber bereits um 13.30 Uhr an und es wäre ein Frevel, bei dem schönen Segelwind aufzuhören. Also entscheide ich mich für Plan B, Weiterfahrt nach Oostende. Der Wind hält tatsächlich durch und so machen wir morgens um 03.45 Uhr nach 95 sm unter Segeln, vor der Merkatorschleuse fest. Vier Stunden Schlaf sind jetzt noch möglich, aber um 07.30 Uhr klopft bereits der Hafenmeister. Ich erkläre ihm, dass ich durch die Schleuse möchte, und er ist zufrieden. Wenn ich jetzt schon wieder wach bin, kann ich die Schleusung auch gleich vorbereiten. Gesagt, getan.

S/S Merkator - Oostende -



Oostende ist fotografisch nicht die große Offenbarung, aber man kann hier hervorragend, wenn auch teuer, einkaufen. Die Lebensmittel sind deutlich teurer als in Holland, ein Vorgeschmack auf Frankreich, wo es auch so sein wird. Es hält mich nicht viel in Oostende. Wind zum weitersegeln gibt es in den nächsten Tagen nicht. Ein kleines Wetterfenster öffnet sich aber mit ganz schwachem westlichem Wind in vier Tagen. Danach schließt sich das Fenster wieder und wir bekommen strammen West bis Südwest. Wenigstens bis Dunquerke sollte ich also motoren. Ein belgischer Segler hat mir den Tipp gegeben, nicht nach Dunquerke zu gehen, sondern weiter zu fahren bis Boulogne Sur Mer, am Eingang zum Englischen Kanal. So machen wir das dann auch. Abends, mit dem letzten Büchsenlicht mache ich in einem kleinen Yachtclub fest, der witzigerweise " Yacht Club Boulonnais" heißt.

Boulogne Sur Mer hat seinen Namen von den Römern, welche die von ihr gegründete Oberstadt in Erinnerung an Bologna "Bononia" nannten. Die Stadt ist ebenfalls keine große Offenbarung. Ich habe den Eindruck, wie auch bereits im letzten Jahr in Cherbourg und Dieppe, die Orte in der Normandie (an der Küste) sind während des zweiten Weltkriegs stark beschädigt worden. Beim Wiederaufbau der Städte haben sich die Architekten und Städteplaner nicht gerade mit Ruhm bekleckert.

Boulogne Sur Mer bei Niedrigwasser



Über eine Woche warte ich hier auf günstigen Wind für die Weiterreise. Der Hafen ist sehr geschützt. Woran ich mich hier in Nordfrankreich wieder gewöhnen muss ist der gewaltige Tidenhub (hier bis zu 8 m) und die damit verbundenen kräftigen Tidenströme. Erwähnenswert ist das schnelle Internet hier im Hafen. Der WLAN Empfang ist so gut, dass ich sogar Filme im Lifestream ohne Verzögerung sehen kann.

Die Abfahrtszeiten werden hier bestimmt durch die Gezeiten, deshalb starte ich morgens um 04.00 Uhr bei Hochwasser. Die ersten Meilen nach der Hafenausfahrt haben wir noch sehr kabbeliges Wasser. Nachdem wir dann frei von Land sind beruhigt sich alles und wir haben relativ gleichmäßigen Seegang. 143 sm bis Cherbourg sind natürlich nicht in einer Tageslichtphase zu schaffen. Erst am nächsten Tag um 06.30 Uhr erreichen wir unser Ziel. In dieser Zeit erleben wir mehrfach Gegenstrom, der unsere Fahrt über Grund um 2 bis 2 ½ Knoten hemmt, und wir erleben mitlaufenden Strom, der unsere Fahrt über Grund auf 8 bis 9 Knoten steigert. Bei unserer Ankunft in leichtem Nieselregen erlebe ich eine nette Überraschung. In dem sehr großen Vorhafen von Cherbourg werde ich beim Fender ausbringen von einer kleineren Delphinschule begleitet. Ich begrüße sie mit einem "moin ...".

Meine Weiterreise nach Saint Malo plane ich sehr sorgfältig, da ich wieder das Cap de la Hague passieren muss und hier gewaltige Tidenströme zu erwarten sind. Aber auch zwischen dem Festland und den Kanalinseln Jersey und Guernsey strömt es gewaltig. Ich benutze die Stromkarten des Reeds Nautical Almanac (englische Publikation) und die Escales Atlantique (französische Publikation). Der Reeds ist ein bisschen komplizierter (mehr Rechenoperationen), weil die Bezugsdaten sich immer auf das Hochwasser von Dover beziehen. Bei der französischen Publikation wird immer ein bestimmter Abschnitt des Kanals dargestellt, und gleichzeitig ein Bezugsort aus der jeweiligen Region gewählt (z.B. Cherbourg). Bei den Franzosen muss ich nur erst einmal den Unterschied zwischen "avant" (vor HW) und "après" (nach HW) lernen.

Um 02.00 Uhr mache ich die Leinen bei Hochwasser los. Obwohl ich am Anfang meinen Rechnereien gegenüber etwas skeptisch bin, stelle ich nach zwei Stunden fest, ich habe absolut präzise gerechnet. Die nächsten 50 sm haben wir immer mitlaufenden Strom. Während wir ums Cap de la Hague mit etwa 9 Knoten über Grund laufen, erreichen wir östlich der Insel Jersey über 10 Knoten. Allerdings hat der Wind mittlerweile auch noch etwas aufgefrischt und ich muss reffen. Auf Kanal 16 höre ich jetzt alle halbe Stunde von Jersey Radio eine "navigational warning". Sie kratzt mich aber nicht, da wir vor raumem Wind dahin preschen. Um 15.00 Uhr stehen wir vor der langgezogenen Hafeneinfahrt von Saint Malo, jetzt ist aber leider auslaufendes Wasser, also geht's gegen den Strom. Halb so wild, aber ein anderes Problem tut sich jetzt auf. In der Einfahrt zur Marina befindet sich eine Barre (Unterwasserhindernis), die gemäß Reeds nur bis 4 ½ Stunden nach Hochwasser passierbar sein soll. Bei unserer Ankunft ist diese Zeit schon erreicht. Ich fahre sehr vorsichtig an die Einfahrt heran und sehe auf der Mole eine Anzeige, die 2.80 anzeigt. Ich traue mich also doch noch über die Barre, weil ich die Anzeige als eine Meterangabe über der Barre interpretiere - zu Recht. Im Marinabecken ist wenig Platz und wir haben strammen Wind. Hektisch bringe ich die Fender und Festmacherleinen aus, immer wieder unterbrochen von Fahrmanövern. Dann stehen aber auf dem Steg drei Männer bereit, die beim Anlegen die Leinen wahrnehmen. Geschafft.

Saint Malo verspricht mal wieder was fürs Fotografenauge zu sein. Es gibt eine historische Altstadt, die sehr deutlich den alten bretonischen Baustil zeigt. Die Altstadt ist von einer gewaltigen Mauer umgeben, auf der man fast komplett um die ganze Stadt herum laufen kann. Also bewaffne ich mich mit zweien meiner Schwergewichtsboliden (Kameras) und laufe los. Auf dem Weg muss ich über eine Brücke, die über eine Schleuse zu den inneren Hafenbecken führt. Kaum habe ich die Brücke passiert, sehe ich einen Großsegler. Es ist die "Seacloud II". Ein Segelschiff, auf dem man in luxuriöser Umgebung Kreuzfahrten unter Segeln erleben kann. Als ich näher komme sehe ich zwei Schlepper, die sich bereit machen. Aha…, da kann ich doch mal ein Ablegemanöver und das Schleusen eines Großseglers erleben und vielleicht ein paar nette Fotos machen.

Die stolze Seacloud II


Etwas verwundert bin ich schon, als der erste Schlepper die Schlepptrosse von der Steuerbordseite übernimmt. Mit der Steuerbordseite liegt die Seacloud an der Pier und der Wind ist auflandig. Merkwürdig, aber hier sind schließlich Profis am Werk. Die Schlepptrosse drückt schon gefährlich an den Wasserstagen des Bugspriets. Aber die Schiffsoffizierin, die auf einer kleinen Plattform das ganze unter Kontrolle halten soll, hat scheinbar keine Einwände. Mittlerweile hat der zweite Schlepper am Heck des Segelschiffes festgemacht, und zwar auch nach meiner Meinung auf der richtigen Seite, nämlich in Luv. Na, das scheint ja noch interessant zu werden. Die Seacloud hilft mit ihrem Bugstrahlruder mit und so schaffen es die drei Schiffe, ungefähr 30 bis 40 Meter von der Pier frei zu kommen. Na, sind vielleicht doch Leute an Bord, die was davon verstehen.

Eigenwillige Schleppmethode


Das ganze sieht nun ordentlich aus und jetzt müsste der Konvoi in einem großen Bogen in Richtung Schleusenkammer fahren. Die Brücke ist bereits geöffnet, der Verkehr steht still. Der vordere Schlepper fährt aber keinen großen Bogen, sondern nähert sich in einem spitzen Winkel der Schleuseneinfahrt. Wie will er so den Großsegler in die enge Kammer bekommen. Ich schüttle ungläubig den Kopf. Aber hier sind schließlich Profis … der Gedanke sitzt bleischwer in meinem Gehirn. Es kommt wie es kommen muss. Der Winkel zur Pier und zur Schleusenkammer wird immer ungünstiger, der vordere Schlepper kann die Seacloud nicht von der Pier wegziehen, weil natürlich die Schlepptrosse immer noch an der verkehrten Seite festgemacht ist. Die Seacloud benutzt in dieser Situation auch nicht ihr Bugstrahlruder, und so knallt sie mit ihrer Steuerbordseite gegen die Pier. Es sind natürlich auch keine Fender draußen, die den Rums irgendwie etwas abmildern könnten, obwohl genug Decksmatrosen glotzend an der Reling stehen. Nachdem das Schiff sich jetzt ordentlich Beulen eingefangen hat, wird man an Deck mittelschwer hektisch. Überall werden jetzt Fender herabgelassen, nur sie können nicht zwischen Bordwand und Pier gebracht werden, weil das Schiff auf der ganzen Länge platt an der Pier liegt. Profis?


Hier ein paar Fotos von dem "Drama". Würde mich interessieren, wie der Kapitän das seiner Rederei erklärt.






Nachdem etwas Ruhe eingekehrt ist, wird die Seacloud erst einmal in ihrem Zustand fixiert. Dann wird für den vorderen Schlepper die Trosse an Backbord ausgebracht. Na endlich haben sie's begriffen. Zwei Schlepper ziehen nun an der richtigen Seite, unterstützt vom Bugstrahlruder der Seacloud. Sie ziehen sie aber nicht in die Schleuse, sondern an ihren alten Liegeplatz. Dort kann ich sie zwei Tage später immer noch sehen - dumm gelaufen. Bei einem meiner zukünftigen misslungenen Manöver mit der Santa Maria werde ich mich mit dem gerade Erlebten trösten.

Nach diesem unerwarteten Erlebnis verfolge ich mein eigentliches Ziel, die Altstadt von Saint Malo. Fast komplett umrunde ich die Stadt auf der Mauer. Dabei gibt es einige spektakuläre Aussichten zu bewundern. Im Inneren der Altstadt ist zwar alles alt und bretonisch, aber die Geschäftsleute sind auf das Geld der zahlreichen Touristen aus. Boutiquen, Souvenirläden, Restaurants, alles was der Touri so braucht.

Altstadtsilouette von Saint Malo



Stadtmauer



Beim Rundgang um die Stadt



Auf der Stadtmauer



Typische bretonische Bauweise



Blick von der Stadtmauer Richtung Nord, zum Englischen Kanal



Meine nächste Reisestation soll Roscoff sein. Dort waren wir bereits letztes Jahr. Nicht sehr spektakulär, aber mit einer recht neuen, sehr komfortablen Marina. Der Törn dorthin beginnt morgens um 02.30 Uhr, wegen der Tide. Wir können gut segeln und kommen auch gut voran. Irgendwann kentert die Tide aber und die Fahrt wird deutlich langsamer, aber immer noch 3,5 Knoten über Grund. Na ja, damit bin ich dann immer noch zufrieden, bis wir gegen 13.00 Uhr ein Kap auf der Position 48° 55' N und 003° 07' W erreichen (eine andere Bezeichnung kann ich auf der Karte leider nicht finden, die das Kap eindeutig zuordnen würde). Erst stehen wir auf der Stelle, dann segeln wir sogar rückwärts. Es dauert einen kleinen Moment, bis ich begreife, dass wir den Strom nicht mehr aussegeln können. So sind also früher viele Segelschiffe auf den Klippen gelandet. Ich dagegen habe ja immer noch meinen Daddel. Also Segel geborgen, Feile an und den Rest bis Roscoff motort. Kurz vor der Ankunft in Roscoff zieht vor mir ein mächtiges Gewitter auf. Aber es bringt glücklicherweise nur sehr ergiebigen Regen. In der Hafeneinfahrt hat sich alles wieder beruhigt und so kann ich locker dem Marineiroschlauchboot folgen, das mir einen sehr komfortablen Liegeplatz zuweist und beim Anlegen hilft.

Jetzt sind es nur noch 68 sm bis Brest. Zu Beginn meines Berichts habe ich geschrieben, ich ginge davon aus, den Rest der Reise allein zu stemmen. Überraschenderweise habe ich aber doch noch einen Mitsegler, Lutz, gefunden. Er wird am 25. Juni in Brest ankommen.

Seefahrt im Englischen Kanal ist immer auch was für Frühaufsteher und so mache ich um 05.00 Uhr morgens die Leinen los. Ich bin nicht der einzige Bettflüchtling. Ein Ankömmling sucht bereits einen freien Liegeplatz und draußen begegne ich zwei weiteren Sportbooten, die Roscoff ansteuern. Leider haben wir ganz schwachen Wind und das auch noch direkt auf die Nase. Das ist kein Segelwetter für die Santa Maria. Der Wetterbericht hatte zwar leichten nordwestlichen Wind vorhergesagt, in Wirklichkeit haben wir aber leichten südwestliche Wind und dazu langsam zunehmende Altlantikdünung. Eine Aufgabe für 50 Kw Maschinenleistung. Etwa 15 sm vor Brest fängt der Drehzahlmesser des Motorpanels an zu spinnen. Die Nadel springt bis zum Anschlag und verharrt dort zitternd. Ein bisschen beunruhigt bin ich schon. Ich gebe meinen Plan auf, bei Ankunft zuerst an die Dieseltankstelle zu fahren. Es ist nicht sicher, ob der Motor mit einem defekten Startpanel wieder anspringt. Also suche ich mir direkt einen freien Liegeplatz. Als ich dann festgemacht habe und den kleinen Test starte - Motor aus, Motor an - ist alles wieder ganz normal. Technik ohne Tücken gibt es wohl nicht.


© Rüdiger Kreutschmann


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