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April 2015

Zurück in die Wärme


Einundvierzigster Brief



Getreu dem Motto, "was stört mich mein Geschwätz von gestern", habe ich mal wieder meine Pläne geändert. Im Winter 2013/2014 schrieb ich, ich wolle zurück in den Norden. Jetzt war ich den ganzen Winter über "im Norden" und stelle fest, es reicht. Am meisten macht mir die Kälte zu schaffen. Während es im Binnenland schon frühlingshafte 20° C sind, haben wir hier an der Ostsee bei eisigem Wind einstellige Temperaturen. Wie soll es also weiter gehen?

Um den 1. Mai herum werde ich Heiligenhafen verlassen. Bis zum Ende des Sommers will ich wieder zurück an die Algarve, um den Winter erneut in Lagos zu verbringen. Und nun kommt ein wirklich neuer Gedanke, der sich auf der Atlantiküberquerung mit der SY Lucky entwickelt hat (siehe 40. Bericht). Das Segeln im Passat und der kurze Aufenthalt in der Karibik hat mir soviel Spaß gebracht, dass ich es noch einmal mit der Santa Maria wagen will. Wegen einiger Ausrüstungserfordernisse soll die Überfahrt aber nicht schon Ende dieses Jahres beginnen, sondern erst 2016. Mein Plan ist etwas langfristiger angelegt als bei meinem ersten Aufenthalt in der Karibik. Meine grobe Planung sieht also folgendermaßen aus:

Anfang November 2016 Start in Lagos.
Via Kanaren (mit kurzem stopover auf Fuerteventura) soll es dann in die Karibik gehen, mit Zielhafen Martinique.
Silvesterfeier auf Union Island, danach via Grenada nach Trinidad.
Im Februar 2017 Karneval in Trinidad, mit anschließendem Aufenthalt Trinidad/Tobago. Übersommern außerhalb des Hurrikansgürtels.
Winter 2017 Überfahrt zu den holländischen ABC Inseln (Aruba, Bonaire, Curaçao).
2018 Aufenthalt auf den drei Inseln und Übersommern dort (außerhalb des Hurrikansgürtels).
Winter 2018 Überfahrt nach Jamaika
2019 Kuba, im Frühjahr über die Bahamas, Bermuda, die Azoren zurück nach Europa.

Interessenten für einzelne Abschnitte sind jetzt schon aufgerufen, sich bei mir zu melden (ruedi.kreutsch@gmail.com).

So, aber nun mal zurück zur Gegenwart.

Am 27. März ist Krantermin. Hoffnungsfroh habe ich im Besantop einen Windgenerator installiert. Als der Mast steht, kommen die ersten Zweifel. Da wir Flaute haben (glücklicherweise!) ist von unten nicht zu entscheiden, ob die Flügel des Generators am Genickstag (Verbindung zwischen Großmasttop und Besantop) vorbei kommen. Ein junger Mann der Bootswerft Götsch wird per Bootsmannsstuhl nach oben gekrant, um die Angelegenheit zu klären. Dann die Ernüchterung: das Führungsrohr ist 3 cm zu kurz. Sch… Der junge Mann wird unverzüglich damit beauftragt, den Generator samt Führungsrohr zu demontieren. Das gelingt ihm auch, in luftiger Höhe, ohne Bruch. Die Bootswerft ist in der Lage, das Rohr zu verlängern. Dazu muss aber der Mast erneut gelegt werden, denn für einen einzelnen Mann ist es nicht möglich, den Generator neu zu montieren, weil die Elektrik, drei Kabel, neu verbunden werden muss. Ein Mann mit vier oder fünf Armen wäre natürlich dazu in der Lage. Erst einmal ist aber Wochenende.

Gekrant wird bei Götsch



Montag früh kann die Santa Maria dann wieder zum Mast legen unter den Kran. Am Nachmittag wird der Besan, samt verlängertem Rohr, wieder gestellt. Mittlerweile sind die ersten Vorboten von Orkantief "Niklas" zu spüren. Die Flügel des Windgenerators drehen sich schon gehörig und es kommt zu einer Berührung der Flügel mit dem Kranseil. Ein hässliches Geräusch! Ich kann nicht sicher sein, ob es zu Schäden an einem oder mehreren Flügeln gekommen ist. Bei Flaute muss ich das mal per Fotos überprüfen.

Das neue outfit der Santa Maria, mit Windgenerator im Besantop



Aber von Flaute kann erst einmal nicht die Rede sein. Ich muss vom Kran weg und will in die Marina Heiligenhafen. Bei der Einfahrt haben wir schon bis zu 30 Knoten Wind (7 Beaufort). Ich will in den Liegeplatz dicht unter Land, in dem ich bereits im Herbst gelegen habe. Bei der Annäherung sehe ich eine ca. 12 m große Yacht, die an den Heckdalben einer gegenüberliegenden Steganlage festgemacht hat. Ich denke noch ‚die haben sich wohl nicht weiter getraut…', da sehe ich auf dem von mir angesteuerten Steg zwei weitere Segler aufgeregt winken. Kurz bevor ich sie erreiche, sehe ich zu meinem Entsetzen, dass ein Seil quer von einer Steganlage zur anderen gespannt ist. Das will ich mir nicht in die Schraube fangen und gebe Vollgas rückwärts. Glücklicherweise reagiert die Santa Maria in meinem Sinne (das macht das Mädel nicht immer), und so kann ich der prekären Situation erst einmal entrinnen. Doch was jetzt tun?

Ich entscheide mich, kein weiteres Risiko einzugehen. Mit Gewalt in eine Box bei starkem Seitenwind einzufahren ist unvernünftig. Da erst sehr wenige Yachten in der Marina liegen, lege ich die Santa Maria längsseits an eine Steganlage. Das hat den Vorteil, dass ich fast genau gegen den Wind anlegen kann. Es müssen nur schnell mindestens zwei Leinen ausgebracht werden, damit die Santa Maria nicht abtreiben kann.

Während ich noch mit meinen Leinen hantiere, erscheint eine Frau auf dem Steg und stellt sich als eine der Winkenden vor. Der an den Heckdalben liegende Segler habe eine Leine in der Schraube und sei manövrierunfähig. Sie versuchen mit einer quer ausgebrachten Leine den Segler zu sichern und an den Steg heranzuziehen. Sie bedankt sich für meine schnelle Reaktion und bietet an, wenn ich Hilfe benötige, stünden ihr Mann und sie zu Verfügung. Erst einmal verzichte ich aber auf das Angebot und richte mich an dem Steg ein.

Die Nacht bricht herein und der Wind heult in den Wanten. Irgendwann, so gegen 01.00 Uhr, versuche ich etwas zu schlafen. Gegen 04.00 Uhr bin ich aber wieder auf den Beinen. Der Wind hat etwas nachgelassen, aber der Wasserstand ist gefallen. Wenn der Wind auf NW dreht, wie vorhergesagt, droht die Santa Maria mit ihrer Reling unter den Steg gedrückt zu werden. Ich koche erst einmal Tee, um meine Nerven etwas zu beruhigen. Gegen 06.30 Uhr wird es langsam hell und ich will es wagen. Doch als ich an Deck komme merke ich, dass ich den Wind unter Deck unterschätzt habe. Außerdem haben wir jetzt dichtes Schneetreiben. Ich breche die Aktion ab und bringe die schon gelösten Leinen wieder an. So hat das keinen Sinn. Ich brauche Hilfe. Aber es ist noch keine 07.00 Uhr.

Gegen 09.00 Uhr traue ich mich, das Angebot von gestern auszuprobieren und klopfe bei den hilfsbereiten Seglern an. Der Mann ist sofort bereit, er müsse sich nur etwas mehr anziehen (Ölzeug). Zu zweit ist es kein Problem, die Santa Maria in die von mir ausgeguckte Box zu legen. Der Wind ist auch gnädig - die Ruhe vor dem Sturm.

Am Nachmittag geht der Tanz dann los. In der Spitze messe ich 54 Knoten Wind. Das sind satte 10 Beaufort, an der Grenze zu 11 Bf. Ich bin heilfroh, die Santa Maria hier in der Box zu wissen. Nach Luv habe ich doppelte Leinen ausgebracht. Im Nachhinein eine gute Entscheidung, da eine der Leinen zum Ende des Sturms fast durchgescheuert ist. Der neue Windgenerator macht ungebremst Terror im Masttop. Da das Gerät elektrisch noch nicht angeschlossen ist, kann ich auch nicht den manuellen Bremsschalter betätigen. Drei Tage nach der Sturmorgie spricht mich ein Segler vom Ende des Stegs an. Sie hätten wegen der großen Geräuschentwicklung in den Böen größte Sorge gehabt, der Generator könne vom Sturm losgerissen werden und unkontrolliert Schäden an den Booten anrichten. Na ja, zu mindestens war das mal ein extremer Härtetest.

Nach dem Sturm Wunden lecken. Es ist nicht wirklich ein Schaden entstanden. Nur die Plastikhalterung für den Außenborder ist zerbröselt. Aber die wollte ich sowieso erneuern. Über Ostern sind dann Anne und Lars an Bord. Mit vereinten Kräften bringen wir die Santa Maria in ihren bestimmungsmäßigen Zustand und können dann an einem Nachmittag bei herrlichem Sonnenschein sogar einen Minisegeltörn bis hinter die Fehmarnsundbrücke unternehmen. Den Rest des Aprils verbringe ich weitgehend in Heiligenhafen mit diversen kleineren Arbeiten an Bord. Am 28.4. kommt ein Mitsegler (Felix) und wir wollen als erstes nach Cuxhaven. Dort steigt ein weiterer Mitsegler (Florian) zu und es soll weiter gehen nach Holland.

© Rüdiger Kreutschmann


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