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Biskayaüberquerung

Vierter Brief


Wetterkarte vor der Ausreise

Es ist bereits schon über eine Woche vergangen. Das graue, kalte, regnerische und windige Wetter Englands liegt hinter uns. Diese ersten Zeilen schreibe ich am Ankerplatz vor dem pittoresken spanischen Ort Muros, etwa 15 sm südlich von Cabo Finisterre. Es ist 06.00 Uhr, die Mannschaft schläft noch. Die Lucken und Niedergänge können wir nun, auch nachts, offen lassen. Wir sind seit über einem Monat unterwegs, dies ist aber neu für uns. Es soll schließlich noch Sommer sein.

Vor einer Woche kommt Helmut mit Bus und Taxi aus London an Bord. Wir sind nun für die Biskaya zu viert an Bord. Am Morgen nach seiner Ankunft, beim Frühstück, diskutieren wir unser weiteres Vorgehen. Die Wetterkarten, seit drei Tagen im Internet verfolgt, sagen nördliche Winde um 6 Beaufort mit anfänglichen Böen von 7 bis 8 voraus. Ein Blick nach draußen bestätigt die Wetterfrösche und macht die Prognose glaubhaft. Es ist dazu grau und regnerisch verhangen. Da wir bis jetzt überwiegend Wind aus den westlichen Quadranten hatten, stimmt nunmehr jedenfalls die Richtung. Wir entschließen uns um 11.00 Uhr, mit den letzten Stunden Hochwasser, aus dem Hamble River auszulaufen. Unmittelbar vor der Steganlage werden die Segel gesetzt. Schnell merken wir, dass das erste Reff ins Großsegel eingebunden werden muss. Durch den Solent kommen wir bei glattem Wasser und mitlaufendem Strom gut voran. Als der Strom kentert wird's mühselig. Immerhin schaffen wir noch knapp 4 Knoten über Grund.



Wir passieren "The Needles" (Isle of Wight)



Reffs werden schnell fällig

Nachdem die Needles passiert sind nimmt der Seegang zu. Wir wollen zuerst an der südenglischen Küste bleiben, um bei einer Wetterverschlechterung Plymouth, etwas über 100 sm entfernt, anlaufen zu können. Zum anderen wollen wir auf jeden Fall nördlich des Hauptschifffahrtswegs bleiben, der bei Brest (Ile d'Quessant) zu einem Verkehrstrennungsgebiet wird. Erst in Höhe von Start Point, dem letzten Kap vor Plymouth, wollen wir eine Entscheidung in Richtung Biskaya fällen. Die ist in den frühen Morgenstunden des nächsten Tages fällig. Wir entscheiden uns für weitersegeln. Dabei vertrauen wir darauf, dass das Azorenhoch, welches sich langsam nördlich und ein bisschen nordöstlich ausgeweitet hat, uns weiterhin auf der Vorderseite mit nördlichen Winden versorgt. Also horrido, die Pferde gesattelt.



Für's leibliche Wohl wird gesorgt



Es ist jetzt 07.45 Uhr, langsam wird's hell. Die Männer schlafen immer noch. Im weiteren Verlauf der Reise gewöhnen wir uns an spätere Aufstehenszeiten. Für uns Ostseesegler ungewöhnlich.

Bereits nachdem wir den Solent verlassen, wird das 2. Reff ins Großsegel gebunden. Bis Spanien wird es nicht mehr ausgeschüttelt. Den unterschiedlichen Windstärken der nächsten Tage tragen wir mit Verkleinerung oder Vergrößerung der beiden Vorsegel Rechnung. Die nächsten vier Tage pendelt der Wind immer um 6 Bf. herum. In der Richtung bleibt er konstant. Wir laufen selten Höchstgeschwindigkeit. Alfredo, unser Autopilot, hat bei dem herrschenden Seegang mit mehr speed leichte Probleme. Trotzdem haben wir Etmale (in 24 Stunden gesegelte Meilen) von 115 bis 130 sm mit einem Spitzenetmal von 140, 6 sm.

An jedem Tag können wir uns mindestens eine warme Mahlzeit zubereiten. Es handelt sich dabei nicht um Fertiggerichte aus der Dose, sondern wir wollen weiterhin unserem Anspruch, ein Gourmetschiff zu sein, gerecht werden. Erst am 25.8., dem 5. Tag auf See, haben wir keine warme Mahlzeit mehr. Im Laufe des Nachmittags und des frühen Abends nimmt der Wind zu. Bis in die Morgenstunden des Sonntags haben wir Sturm der Stärke 8, phasenweise bläst er mit 9 Bf. Die See baut sich gewaltig auf, wobei es noch keine brechenden Kämme gibt. Die Höhe der Seen zu schätzen ist äußerst schwer. Wir einigen uns auf eine durchschnittliche Wellenhöhe von 6 Metern, wenn sich die Wellen überlagern etwas höher. Wir müssen die Segelfläche enorm verkleinern, damit Alfredo noch Kurs halten kann. Das Großsegel ist mittlerweile geborgen. Nach zahlreichen Versuchen haben wir noch ca. 2 ½ qm der Kreuzfock stehen. Es ist erstaunlich, wie die Santa Maria sich bei diesen Verhältnissen benimmt. Zu keinem Zeitpunkt hat die Mannschaft ein ungutes Gefühl.



acim

So fällt man auf dem rollenden Schiff nicht aus der Koje



Meist haben wir raumen oder achterlichen Wind



Am frühen Sonntagmorgen ist der Spuk zu Ende. Wir haben das Verkehrstrennungsgebiet bei Cabo Finistere gekreuzt. Mit 19 "Dampfern" hatten wir es zu tun. Alle sind uns vorschriftsmäßig und vorbildlich ausgewichen. Wir überqueren den Kontinentalschelf und haben im nu statt 4500 m Wassertiefe nur noch ca. 200 m. Nun müssen wir nur noch das Kap runden und schon wartet ein Ankerplatz vor dem Ort Finistere auf uns. Kurz vor dem Runden des Felsens sehen wir noch reichlich Tümmler, die diesmal nicht mit uns um die Wette schwimmen, sondern Nordkurs steuern.

Da wir alle vier in den letzten 24 Stunden nicht geschlafen haben, genießen wir die Ruhe am Ankerplatz. Alle nassen Sachen werden erst einmal in die Sonne gehängt. Das nützt zwar wenig, da sie in der nächsten Nacht durch kalte und feuchte Luft sofort wieder klamm sind, der emotionale Effekt ist aber die Aktion wert. Nach einer Riesenpfanne Bratkartoffeln fallen wir in die Kojen.



Alles muss an die frische Luft



Finistere



Fischer im Morgendunst



achim uns helmut

Der Skipper wird ...

mastaktion

... in den Mast gezogen

Sehr einladend ist der Hafen von Finistere nicht, deshalb gehen wir anderntags Anker auf, um zu dem ca. 17 sm entfernten Muros zu segeln. Es beginnt jetzt die Zeit der kurzen Distanzen und des entspannten Segelns. Muros erweist sich, wie im Handbuch beschrieben, tatsächlich als "picturesque old fishing town". Mit dem Beiboot setzen wir über und uns empfängt eine quirlige kleine Hafenstadt. Offene Märkte und gut ausgestattete Läden laden dazu ein, die Bordkasse zu plündern und unsere Vorräte zu ergänzen. Vor allem frisches Obst und Salatzutaten waren schon knapp geworden. Unsere rudimentären englischen Sprachkenntnisse helfen uns nicht so recht weiter. Es gibt wohl wenig Ausländer im Ort. Unsere spanischen Sprachkenntnisse beschränken sich auf buonas dias, hola und grazias. Wir bekommen trotzdem alles was wir brauchen.



Abendstimmung in Muros

Bei bedecktem Wetter und wenig Wind (1 bis 2 Bf.) segeln wir am übernächsten Tag den langen Törn nach Aguino (22 sm entfernt). Laut Hafenplan soll an unserem Ankerplatz bei Niedrigwasser noch 3 m Wasser sein. Um 23.00 Uhr haben wir schon die erste leichte Grundberührung. Es ist Springzeit (Vollmond). Bis 00.15 Uhr fällt das Wasser noch etwas weiter. Gott sei dank müssen wir nicht in schiefen Kojen schlafen. Der Wind erreicht in der Nacht wieder Stärken von 7 bis 8 Bf. Unser Anker hält jedoch. An richtiges Schlafen ist bei diesen Verhältnissen nicht zu denken. Am Morgen, das nächste Niedrigwasser kündigt sich schon wieder an, gehen wir 50 m weiter, in tieferem Wasser neu vor Anker, frühstücken und setzen dann Segel um Bayona anzusteuern. Bei frischen 6 Bf. von achtern reicht es, die Genua auszurollen. Mit durchschnittlich 6 Knoten kommen wir gut voran.

Am späten Nachmittag fahren wir dort in den Hafen. Ein Marineiro fragt vom Steg aus, wie lange wir bleiben wollen. Nach unserer Antwort "drei Tage" bedeutet er uns, dass der Hafen belegt sei. Nach unserer Einschätzung sind mindestens 10 % der Liegeplätze nicht belegt. Das Leben ist hart, aber ungerecht. Wir entscheiden uns für das ungefähr 13 sm entfernte Vigo und müssen in einen tiefen Fjord einfahren. Hier legen wir in einer nagelneuen Marina mit allem Komfort, etwas außerhalb der Stadt, an. Der Hafenmeister ist freundlich zu uns, und unsere Seele versöhnt sich wieder mit Spanien.

Die Stadt ist nicht der ganz große Reißer. Von hier aus kommt Eddi aber gut mit dem Zug nach Santiago de Compostella, von wo aus er den Rückflug nach Deutschland antreten wird.



Muntere Begleiter



Achim in Vigo



© Rüdiger Kreutschmann


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