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Juli/August 2014

Oostende bis Heiligenhafen


Neununddreißigster Brief



Die Fahrt von Oostende nach Scheveningen (73 sm) beginnt recht unspektakulär um 07.00 Uhr mit dem Ausschleusen aus dem Merkator Hafen. Der Wind ist schwach. Am Abend nähern wir uns der Einfahrt nach Rotterdam und müssen den Großschifffahrtweg dorthin bzw. von dort kreuzen. In beide Richtungen ist mächtig viel Verkehr. Dazu kommt noch, dass wir jetzt Wind gegen Strom haben. Das Wasser kocht mal wieder um uns herum. Ich sehe, dass ein Containerfrachter nach Rotterdam hinein will und beobachte ihn eine ganze Weile. Als ich mich endlich entschließe, ein Ausweichmanöver zu fahren, kommt der große Bruder mir zuvor. Er ändert kurz vor der Einfahrt seinen Kurs und fährt am Heck der Santa Maria vorbei. Obwohl er natürlich ausweichpflichtig ist, habe ich nicht unbedingt damit gerechnet, zumal wir uns schon sehr dicht an der Einfahrt befinden. Als wir endlich Rotterdam passiert haben, fällt mir doch ein Stein vom Herzen. Das Wasser um uns herum beruhigt sich danach auch, so dass ich vermute, zu Wind und Strom kam zusätzlich noch Strom aus der Zufahrt nach Rotterdam. Bis Scheveningen ist es jetzt nicht mehr weit und ich mache um 21.10 Uhr als viertes Schiff im Päckchen fest.

Die Gastlieger in Scheveningen haben einen kleinen Teil der Marina zur Verfügung und es gibt keine einzelnen Liegeplätze. Das Becken wird solange mit Yachten zugestopft, bis man trockenen Fußes von einer Seite auf die andere gehen kann. Das scheint mir überhaupt das Prinzip in Holland zu sein. Auch in den Schleusen, die ich im weiteren Verlauf benutze, wird immer solange gepackt, bis kein Schiff mehr hinein passt.

In Scheveningen



Nach einem Tag des Ausruhens geht's weiter. Amsterdam wartet auf uns. Erst müssen wir ein Stück über die Nordsee (ca. 24 sm), dann, in Ijmuiden, schleusen wir in das Binnenfahrwasser nach Amsterdam. In Scheveningen hatte mir ein Belgier den Tipp gegeben, nicht in den Sixhaven zu gehen, sondern die neue Marina Amsterdam zu besuchen. Die sei preisgünstiger, moderner und großzügiger. Solche Tipps sind unterwegs immer sehr wertvoll. Ich treffe die Marina genauso, wie sie mir beschrieben wurde. Zu den Vorzügen ist noch anzumerken, es gibt kostenlos ein sehr schnelles W-Lan und in 7 Minuten ist man bei der kostenlosen Fähre, die einen auf die andere Seite, nahe dem historischen Zentrum bringt.



Moderne Büroarchitektur direkt am Ychthafen



Amsterdam ist eine touristische Hochburg. Es wimmelt vor Menschen. Eigentlich wollte ich das "Anne Frank Haus", sowie das "Van Gogh Museum" besuchen. Als ich die langen Schlangen vor den Eingängen sehe, bin ich aber nicht nervenstark genug, die langen Wartezeiten in Kauf zu nehmen. Vielleicht beim nächsten Mal?!

Wichtigstes Fortbewegungsmittel in Holland: das Fahrrad - dazu die kostenlosen Fähren





Typisch im historischen Stadtbild: Hausboote



Ursprünglich wollte ich von Amsterdam wieder zurück zur Nordsee. Jetzt entscheide ich mich aber für die "stehende Mastroute". Das heißt, drei Schleusen sind zu bewältigen, um von Amsterdam aus ins Markermeer und von dort aus ins Ijsselmeer zu kommen. Vom Ijsselmeer aus kommt man dann über die Kornwerderzand-Schleuse wieder zurück ins Wattengebiet. Nach Passieren der letzten Schleuse sind es nur noch gut 8 sm bis Harlingen. In Harlingen liegen wir direkt in der Stadt, was einerseits sehr schön ist, andererseits aber auch mit viel Dreck an Deck verbunden ist. Den ganzen Tag über flanieren die Touristen an den Yachten vorbei und schmeißen ordentlich mit Dreck. Der Tidenhub beträgt ungefähr vier Meter, so dass man immer ein bisschen mit den Leinen hantieren muss (vor allen Dingen nachts). Obwohl ich mich sehr auf Harlingen gefreut hatte, bin ich letztlich froh, wieder ablegen zu können.

In der Kornwerderzand-Schleuse



Hinter Vlieland gehe ich vor Anker und lege mich am frühen Abend ein paar Stunden schlafen. Um Mitternacht passen Wind und Strom und ich gehe Anker auf. Ich habe jetzt zwei Optionen. Entweder ich gehe nach Helgoland oder direkt in die Elbe. Da der Wind für die Elbe günstig ist, setze ich erst einmal den Kurs auf die Elbmündung ab und verschiebe noch etwas die endgültige Entscheidung. Irgendwann im Laufe des Tages macht Helgoland dann keinen Sinn mehr und die Entscheidung wird mir quasi abgenommen. Es geht also in die zweite Nacht. Am späten Abend erreiche ich das betonnte Fahrwasser der Elbe und wir fahren hinter einem Schleppverband her. Es ist erheblicher Verkehr hier in der Nacht. Der Kudamm um 17.00 Uhr ist dagegen eine Dorfstraße. Ich halte mich so dicht bei den Steuerbordtonnen, dass, wenn ich grüne Farbe dabei hätte, ich immer wieder Ausbesserungsanstriche vornehmen könnte. Trotzdem habe ich einen Überholer, der die Santa Maria auf Kanal 16 mit unverständlichem Zeug zutextet. Zu allem Überfluss richtet er auch noch einen Scheinwerfer mit geschätzten 5.000 Watt auf uns. Ich gebe ihm zu verstehen, dass er diesen Unsinn lassen soll. Wozu gibt's eigentlich Positionslaternen, wozu gibt es Radar, wozu gibt es AIS und wozu gibt es aussagefähige Seekarten? Dann ist der Verrückte vorbei und wir können weiter, mit auflaufendem Wasser, Richtung Brunsbüttel fahren. Locker erreichen wir bei mittlerer Drehzahl über 9 Knoten über Grund. In den frühen Morgenstunden ist die Schleuse des Nord-Ostsee-Kanals Brunsbüttel erreicht und um 05.00 Uhr können wir in die Schleuse einfahren. Gleich hinter der Schleuse gibt es einen kleinen Yachthafen in dem wir festmachen. Jetzt ist erst einmal schlafen angesagt. Danach aber, gegen Mittag, ist die angesagteste Lokalität ein Bäcker, bei dem ich "deutsches" Brot erwerbe.

Morgenstimmung im Yachthafen Brunsbüttel



Der Yachthafen von Brunsbüttel, wie auch der Ort, laden nicht unbedingt zum längeren Verweilen ein. Also starte ich am nächsten Tag die Kanalfahrt. Kurz vor Kiel-Holtenau, am frühen Abend, gehe ich im Flemhader See vor Anker, um erst am nächsten Tag die Schleuse zur Ostsee in Angriff zu nehmen. Mein vorläufiges Ziel, Heiligenhafen, liegt gleich um die Ecke.

Bereits im Nord-Ostsee-Kanal nehme ich telefonischen Kontakt zu verschiedenen Anbietern für Winterlagerplätze auf. Weder Greifswald noch Kröslin an der Peene haben freie Plätze. Also werde ich mein Glück in Heiligenhafen suchen. Und dort bin ich dann auch erfolgreich.

Am 29. September geht's ins Winterlager, aber bis dahin möchte ich noch ein bisschen zu dem einen oder anderen Platz aus der Vergangenheit. Kopenhagen, meine europäische Lieblingshauptstadt, steht als erste auf dem Plan. Nachdem die Firma Oleusegel meine Rollfockanlage repariert hat und einige kleinere andere Arbeiten erledigt hat, kann es los gehen. Mit einem schönen Südwestwind starte ich Richtung Gedser. Unterwegs wird mir klar, den Wind muss ich nutzen, zumal in zwei Tagen schon wieder Starkwind angesagt ist. Also segle ich nonstop in die dänische Hauptstadt. Für die 129 sm benötige ich 28 Stunden. Mittags um 12.00 Uhr mache ich im Yachthafen Langelinie an einer Heckboje fest. Viel hat sich hier in den letzten acht Jahren nicht verändert. Nur die Hafenmeisterei ist auf vollautomatischen Betrieb umgestellt. Mit der EC oder Kreditkarte kann man am Automaten seinen Liegeplatz bezahlen; für Stromentnahme und Duschen bekommt man eine Karte. Der Hafenmeister geht nur noch durch den Hafen und kontrolliert, ob alle ihrer Pflicht nachgekommen sind.

Ich gönne mir eine knappe Woche Kopenhagen. In der Nähe von Nyhavn, wo vor acht Jahren schon gebuddelt und gebaut wurde, ist nach wie vor eine Riesenbaustelle. Nyhavn selbst, das alte Hafenviertel, ist quirlig wie immer. Zu den Massen von Touristen gesellen sich aber auch viele Einheimische, die hier ihr Feierabendbier trinken.

Nyhavn



Seemannsheim in Nyhavn



Nyhavn



Bei einer einigermaßen passenden Wetterlage geht es zurück nach Deutschland. Es geht den Öresund nach Süden. Am Nachmittag erreichen wir die Kreidefelsen von Mön und ich entschließe mich, weiter bis auf die Ostseite von Falster zu fahren. Dort gehen wir mit dem letzten Büchsenlicht vor Anker. Obwohl es sich um eine offene Küste handelt, habe ich doch eine einigermaßen ruhige Nacht. Am nächsten Morgen fahren wir weiter nach Wismar.

Westhafen von Wismar



Wismar



Schöne alte Stadtarchitektur in Wismar



Im Westhafen von Wismar finde ich einen Liegeplatz. Um das Positive vorwegzunehmen: die Stadt mit ihrer alten Bebauung, sehr schön restauriert, gefällt mir sehr gut. Was mir nicht gefällt ist der Hafenmeister. Er ist ein echter Kotzbrocken. Auf meine Fragen gibt er mürrische bis anmaßende Antworten. Auf meine Frage, was denn der Liegeplatz pro Tag koste, erhalte ich zur Antwort: "Das steht doch in jedem Hafenhandbuch". Bei soviel Freundlichkeit bleibe ich dann auch nur übers Wochenende und richte dann meinen Kurs nach Travemünde, knapp 29 sm entfernt.

Travemünde - ältester deutscher Leuchtturm - nicht mehr in Betrieb, durch den Bau des "Maritim-Hochhauses" nach See hin verdeckt



Die Passat in der Travemündung



Im alten Fischereihafen von Travemünde erlebe ich eine Hafenmeisterin, die das genaue Gegenteil ihres Kollegen von Wismar ist. Sie ist kommunikativ, schenkt mir drei Bücher und ruft sogar den Liegeplatzinhaber an um zu erfragen, wie lange denn der Platz frei sei.

Schon die ganze Zeit über habe ich mich auf die Marzipantorte von Niederegger gefreut. Folgerichtig führt mich mein erster Weg, nach den Formalitäten, in die Konditorei von Niederegger. In den folgenden Tagen komme ich nicht an diesen Gaumenfreuden vorbei. Etwas enttäuscht bin ich allerdings, dass ich kein Restaurant finde, in dem ich Grünkohl essen kann. Überall wird ausschließlich Fisch angeboten, außer beim Italiener und beim Chinesen. Aber auch dort: kein Grünkohl.

Nach vier Tagen muss ich den Liegeplatz verlassen. Es geht zurück nach Heiligenhafen. Hier hoffe ich, noch einige Reparaturen an der Santa Maria und an mir (Zahnarzt) erledigen zu können.

Rathaus Heiligenhafen



Heiligenhafen - Am Markt -



Der nächste Bericht wird vom "Fremdgehen" handeln. Eine weitere Atlantiküberquerung wartet auf mich, allerdings nicht mit der Santa Maria, sondern mit der SY Lucky.


© Rüdiger Kreutschmann


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