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Juni/Juli 2014

Die spanischen Rias - Biskaya - Frankreich - Belgien


Achtunddreißigster Brief



Es gibt 4 Rias an der NW-Küste Spaniens. Von Süd nach Nord sind das:

1. Ria de Vigo
2. Ria de Pontavadra
3. Ria de Arousa
4. Ria de Muros

Mit meinen beiden Schweizer Mitseglern Gérard und Thierry, mit denen ich über die Biskaya will, werde ich mich in der Ria de Arosa treffen und zwar in dem Ort "Pobla do Caramiñal" (andere Schreibweise: "Puebla del Caramiñal"). Bis dahin ist allerdings noch etwas Zeit, denn sie sind erst für den 21. Juni avisiert.

Mein erstes Etappenziel von Viana do Castelo ist Baiona, am Eingang der Ria de Vigo. Es ist grottenschlechtes Wetter. Kalt, regnerisch mit böigem Wind. Dazu kommt bei der Ausfahrt noch ein satter Hagelschauer. Aber es ist SSW- Wind und den muss ich nutzen. Schließlich gibt es den nicht so oft. Die Santa Maria und ich werden ordentlich durchgeschüttelt, aber wir schaffen die 32 sm in fünf Stunden. Das ist die Unbequemlichkeit wert.

Baiona empfängt uns mit Dauerregen. Die Wasserfront, die ich auf der Suche nach einem ATM absuche, sieht ziemlich grässlich aus, im Regen allerdings einfach nur trostlos. Am nächsten Tag leichter Sonnenschein. Ich gehe mal in die andere Richtung. So richtig besser wird's nicht. Nach mehrmaligem Nachfragen finde ich einen kleinen Einkaufsladen, der sich hochstaplerisch "Supermercado" nennt. So richtig finde ich kein Argument, warum ich hier verbleiben sollte. Nicht mal die Duschen sind positiv erwähnenswert - und das für 34,28 € die Nacht. Ich beschließe, morgen nach Cangas zu segeln. Der Ort liegt gegenüber von Vigo, auf der anderen Seite des Fjords, und es gibt von dort eine Fährverbindung nach Vigo.

Ich gehe erst einmal vor dem Ort Cangas vor Anker, weil das Wochenende vor der Tür steht und in Spanien die Geschäfte nicht so großzügig geöffnet sind wie in Portugal. Wir sind hier in Galizien und am Ankerplatz ist es schweinekalt. Morgens messe ich in der Kajüte 12° C und am Nachmittag erreichen wir im Sonnenschein mühselig gerade mal 20° C. Am Montagmorgen gehe ich folgerichtig Anker auf und verhole in die Marina von Cangas. Hier kann ich endlich wieder heizen, die Duschen sind warm und so kehren die Lebensgeister langsam zurück. Neben diesen Vorzügen gibt es in der Nähe einen ordentlichen Supermercado, eine laundry, in der ich meine Wäsche waschen kann und alle halbe Stunde eine Fähre nach Vigo.

Impression aus Cangas



Nach einer Woche in Cangas will ich weiter. Vigo war enttäuschend. Obwohl ich mir die Hacken wund laufe, bekomme ich keinen emotionalen Zugang zu dieser Stadt. Heute ist Sonntag und das Marinaoffice hat geschlossen. Ich richte mich schon auf einen weiteren Tag ein, da treffe ich auf dem Weg in den Ort einen Marineiro. Selbstverständlich könne ich bei ihm ausklarieren; nur Bezahlen mit der Kreditkarte ginge nicht. Na, das sollte kein Problem sein. An einem schönen Sonntagvormittag, bei Sonnenschein, segle ich zwei Rias weiter, in die Ria de Arousa. Vor dem Ort Caramiñal gehe ich vor Anker. Als erstes muss ich mich um meinen Außenborder kümmern, der seit dem letzten Herbst nicht mehr gelaufen ist. Ich schraube den Vergaser auseinander und mache ihn sauber. Anschließend ist die Zündkerze dran. Sie muss auch etwas mit der Drahtbürste behandelt werden. Und dann - das Maschinchen läuft.

Ankerplatz in Caramiñal



Mit dem Dingi kann ich an einem kleinen Schwimmsteg anlegen und es sicher vertäuen. Zu einem sehr gut sortierten Supermercado (Gadis) muss ich zwar um das ganze Hafenbecken laufen, aber ein bisschen Bewegung kann ja nicht schaden. Täglich besuche ich den kleinen Ort, gehe auf einen cafe con leche in eine mittelgroße Kneipe, in der ich auch Internetzugang habe. Sogar die Spiele der Fußballweltmeisterschaft werden hier übertragen, obwohl die spanische Mannschaft bereits nach der Vorrunde nach Hause fahren muss. In den Rias gibt es große Muschelkulturen. Jeden Tag bei Niedrigwasser kann ich beobachten, wie Männer und Frauen mit einem Rechen, der einen Auffangbehälter hat, am Ufer den Sandgrund nach Muscheln durchwühlen.

Muschelschürfen bei Niedrigwasser



Gérard und Thierry treffen wie vereinbart ein. Wir rüsten uns für die Biskaya und legen bei moderatem Wetter ab. Das bleibt leider nicht so. Nachdem wir aus der Ria de Arousa heraus sind nimmt der Wind deutlich zu - 6 bis 7 Beaufort - und er bläst uns direkt auf die Nase. Das Groß wird eingerefft und die Genua teilweise eingerollt. Damit laufen wir natürlich keine Höhe. Schmerzlich vermisse ich das kleinere Segel am zweiten Vorstag. Wir segeln an diesem Tag 48 sm. Aber zu unserem Ziel Brest haben wir es gerade mal in die Ria de Muros geschafft.

In Muros konnte man im Jahre 2007 nur ankern. Im letzten Jahr wurde eine komfortable Marina in das Hafenbecken eingebaut, das vorher ausschließlich den Fischern vorbehalten war. Wir genießen noch einmal eine Nacht den Hafenkomfort mit Duschen, Heizung und kein Geschaukel. Am nächsten Morgen starten wir aber endlich die Biskayaquerung.

Der Wind hat sich scheinbar gestern verausgabt. Der Atlantik empfängt uns mit satter Flaute und alter Dünung. Am Kap Finisterre motoren wir vorbei und sehen dann auf unserem Kurs nach Brest noch lange das spanische Festland. Auch die Fischer von La Coruña sehen wir noch 100 sm vor der spanischen Küste. Am nächsten Tag um 15.30 Uhr können wir endlich die Segel setzen. Es gibt auf der Überfahrt keine spektakulären Ereignisse, so dass der Besuch von Delphinschulen immer wieder ein Highlight ist. Die ungefähr 400 sm bis Brest können wir zur Hälfte segeln und erreichen nach dreieinhalb Tagen die West-Ansteuerungstonne Brest. Wir haben natürlich keinen Einfluss auf die Ankommenszeit und somit müssen wir die Gezeiten hinnehmen, wie sie bei unserer Ankunft vorherrschen. Es ist klar, wir haben auslaufendes Wasser und müssen uns in die Bucht gegen den Strom durchkämpfen. Für die 32 sm, die uns jetzt noch von der Marina de Château trennen, benötigen wir gute 5 Stunden, obwohl wir mit der Maschine 7,6 Knoten durchs Wasser machen.

Begegnung in der Biskaya



Die Marina wurde erst im letzten Jahr eröffnet und das Gelände gehörte bis dahin der Marine. Es sollten überall auf der Welt militärische Anlagen der zivilen Nutzung übergeben werden - Träumer!

Brest, die Bretagne, ist die Hochburg der Austernzucht. Meine beiden Mitsegler genießen das jeden Tag. Im Restaurant lassen sie mich auch mal eine Auster kosten, mit dem Ergebnis, dass dieses Meeresgetier, lebend genossen, nicht auf meinem zukünftigen Speisezettel stehen wird. Muscheln dagegen werden mit verschiedenen Saucen angeboten und finden in mir einen willigen Abnehmer. Brest wird mir besonders unter lukullischen Aspekten in Erinnerung bleiben. Auf Anregung von Thierry besuchen wir eine Crêperie und essen dort bretonische Crêpe. Die bretonischen Crêpe sind aus sehr dunklem Teig, belegt mit Scallops (Jakobsmuscheln) und weiterem Meeresgetier schmecken sie köstlich.

So isst man in Brest



In Brest steigt Johannes zu, der nunmehr schon seit 2008 immer wieder seinen Weg auf die Santa Maria findet. Zu viert geht's weiter nach Roscoff. Hier kann ich zum bisher einzigen Mal meine neue Fernsehantenne ausprobieren, die mir die Crew der Sea Star 2 in Lagos überlassen hat. Wir sehen uns das Fußballspiel der deutschen Mannschaft gegen die Franzosen an, weil ich befürchte, dass wir in einer französischen Kneipe keinen Platz finden werden. Von Roscoff aus fahren Gérard und Thierry zurück in die Schweiz. Mit Johannes geht's dann weiter zur Kanalinsel Guernsey. In Peter Port sehen wir uns abends das legendäre Fußballspiel zwischen dem WM Gastgeber Brasilien und Deutschland an. Die ersten beiden Tore der deutschen Mannschaft bejuble ich noch, die restlichen 5 Tore bin ich nur noch sprachlos.

Sonnenuhr in der Bretagne



In Peter Port müssen wir über eine Barre, die bei Niedrigwasser nicht passierbar ist. Unsere Ausreise ist deshalb auf unchristliche 04.30 Uhr festgelegt. Wir haben zwischen den Channel Islands mitlaufenden Strom und kommen sehr gut voran. Ich terminiere unsere Ankunft in Cherbourg auf zwischen 11.00 und 12.00 Uhr. Da habe ich aber die Rechnung ohne den Mond gemacht. Am Cap de la Hague bekommen wir Gegenstrom, der in der Spitze 7,5 Knoten beträgt. Wir machen zeitweise nur noch 0,2 Knoten über Grund und werden manchmal 30 bis 40° seitlich versetzt. Obwohl wir nicht besonders viel Wind haben, kocht das Wasser um uns herum. Wir kommen in Cherbourg erst um 14.30 Uhr an, also dreieinhalb Stunden später als meine optimistische Prognose. Der Yachthafen von Cherbourg ist recht groß mit viel Platz für Gastyachten. Als Gäste dominieren eindeutig die Engländer. Als besondere Sehenswürdigkeit in Cherbourg ist die Basilique Sainte-Trinité aus dem 14. und 15. Jahrhundert, zu nennen. Ansonsten bietet die Stadt nichts Besonderes. Das durchaus sehenswerte Theater im italienischen Stil können wir leider nur von außen bewundern. Nach drei Tagen fährt Johannes mit der Bahn zurück in die Schweiz. Nun bin ich bis Deutschland allein an Bord.

Am nächsten Tag breche ich morgens um 06.30 Uhr in das 107 sm entfernte Dieppe auf. Die ersten knapp 42 sm kann ich schön segeln. Der Strom hilft ordentlich mit, so dass wir bis zu 9 Knoten über Grund laufen. Leider ändern sich nach ein paar Stunden die Gezeiten und zu dem abflauenden Wind gesellt sich auch noch Gegenstrom. Der zuverlässige Yanmar Dieselmotor bringt uns dann pünktlich um Mitternacht nach Dieppe. Auch Dieppe ist nicht der große burner. Ich beschließe, keinen weiteren französischen Hafen mehr anzulaufen, sondern direkt bis Oostende (Belgien) durchzufahren. Bis dorthin sind es rund 116 sm.

Gewaltiger Tidenhub in Dieppe (wir haben Springzeit)


Französisch-Englische Freundschaft selbst in der Sprache (Dieppe 2014)

In Frankreich gibt es Dieseltankstellen, die voll automatisiert sind. So bin ich nicht auf einen Tankwart angewiesen und kann um 06.00 Uhr 123 Liter tanken. Danach geht's bei spiegelglattem Wasser mit Maschine hinaus. Nach dem Tidenkalender habe ich erst einmal Gegenstrom, der sich mit 2,5 Knoten bemerkbar macht. Als ich in der Höhe von Boulogne-Sur-Mer bin, wird die Santa Maria plötzlich auf Kanal 16 gerufen. Es ist die französiche Coastguard. Sie sind bereits ein paar Kabellängen hinter mir. Erst denke ich, mit ein paar Auskünften am Funk sei die Sache erledigt. Dann aber bitten sie mich, meine Fahrt auf 4 Knoten zu reduzieren, weil sie an Bord kommen wollen. Sie setzen ein Schlauchboot aus und kommen mit 4 Mann angeprescht. Drei von ihnen kommen an Bord. Während einer in holprigem Englisch ein Protokoll aufnimmt, gehen die anderen Beiden unter Deck und schauen in jede Ecke des Bootes, in jede Schublade, in jede Backskiste. Das ganze dauert ungefähr 45 Minuten. Als sie weder Drogen, noch Tiere noch sonstige verbotene Sachen finden, sind sie ganz freundlich und machen sich dann vom Acker. Eine Kleinigkeit haben sie allerdings übersehen.

Ich setze meine Fahrt fort und komme jetzt in den Genuss des mitlaufenden Stroms. Calais wird passiert, die Nacht bricht herein. Dunkerque wird passiert, dann fahre ich über ein sehr flaches Gebiet mit entsprechenden Stromkabbelungen. Obwohl ich mich tagsüber und am Abend prächtig gefühlt habe, werde ich so ab 02.00 Uhr extrem müde. Nur mit Mühe kann ich die Augen offen halten. Mit dem ersten Morgengrauen komme ich in Oostende an. 116 sm liegen hinter uns und ich lege vor der Schleuse des Merkator Hafens an. Auf meinen Funkruf antwortet um diese Zeit noch niemand. Aber nach zwei Stunden kann ich endlich in die Schleuse einfahren. Hier werde ich ein paar Tage verbringen, ehe es weiter Richtung Deutschland geht.

© Rüdiger Kreutschmann


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