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April 2014

Kurs Nord

Lagos - Lissabon


Sechsunddreißigster Brief



Nun soll es in diesem Jahr also wirklich nach Norden gehen? Nach der letztjährigen Reise war ich soweit, die Santa Maria nach Deutschland zu bringen und dachte sogar über einen Verkauf nach. Die Wunden sind mittlerweile vernarbt, außerdem haben Ricarda und Manfred erfolgreich den Winter über für ein Verbleiben in, bzw. Wiederkommen nach Lagos geworben. Aber letztlich hat sich bei mir die Erkenntnis durchgesetzt, es sei noch zu früh für solch eine Entscheidung. Trotzdem segle ich dieses Jahr nach Deutschland, weil an der Santa Maria einige Dinge gemacht werden sollen, die besser dort zu erledigen sind. Danach, also 2015, will ich zurückkehren nach Portugal und dann "schaun wir mal".

Die Winterüberholung an Land geht trotz des schlechten Wetters zügig voran. Dann ist da noch das Problem der Ruderwellenabdichtung. Um den Dichtsimmering in das Wellenlager zu bekommen muss die Welle neu gefluchtet werden. Dafür ist es erforderlich, sechs dreizehner Löcher in das massive, aus Niro bestehende untere Wellenlager zu bohren. Mit Bordmitteln ist das nicht zu schaffen, deshalb beauftrage ich die Firma Sopromar. Der Schlosser macht sich ans Werk und nach den ersten Vorbohrungen höre ich ihn nur noch fluchen. Er benötigt eineinhalb Stunden und vergurkt dabei ca. 15 Bohrer. Aber dann ist es geschafft und die Löcher sind, von Manfred präzise angezeichnet, durch das Material geschossen, und sie sind absolut passgenau.

Am 3. April kommt die Santa Maria wieder ins Wasser.

Klaus, der fleißige Helfer, ist zurück in Deutschland, und so bin ich bis Lissabon allein an Bord. In der Marina de Lagos ist etwas Aufbruchsstimmung bemerkbar. Die Segelyacht Sea Star 2, mit Gudrun, Wolfgang und Daniel an Bord, haben den Hafen bereits verlassen. Vielleicht sehen wir uns im Winter in der Karibik wieder. Gegenüber liegt ein Holländer, der auch nach Norden will. Ich starte mit der Santa Maria am 9. April zu meinem Deutschlandtörn. Erstes Ziel soll Sines sein, an der Westküste Portugals gelegen. Ein Törn von ca. 75 sm.

Ricarda und Manfred laden mich am Abend vor meiner Abfahrt zum Essen bei sich an Bord ein und beschenken mich mit einem Glücksbringer. Außerdem hat Ricarda für mich ein Paar warme Socken gestrickt, damit es mir im unwirtlichen Norden nicht zu kalt wird. Am anderen Morgen helfen sie mir beim Ablegen, Manfred fährt noch bis zum office mit. Dann der Abschied. Wenn man zögert, fährt man nicht mehr los.



Draußen erwartet mich bis Piedade erst einmal eine chaotische See. Nach dem Runden des Kaps kann ich die Genua ausrollen und alles normalisiert sich. Der Wind ist in seiner Richtung nicht beständig, so dass ich häufig die Seite des Segels ändern muss (schiften). Mit der Genua ist das sehr unbequem, deshalb wechsele ich auf die Kreuzfock. In Höhe von Sagres merke ich, es war eine sehr gute Entscheidung. Der Kapeffekt am Cabo de Sao Vicente macht sich mit starken Böen bis zu 37 Knoten bemerkbar. Ich muss die Fock zur Hälfte einrollen, damit der Autopilot noch steuern kann. Unter dieser Besegelung läuft die Santa Maria in der Spitze 7,6 Knoten. Wow! Der Effekt ist bis zu 10 sm nach dem Kap zu spüren, dann normalisiert sich alles wieder und wir können moderat segeln. Abends, um 21.30 Uhr verlässt uns leider der Wind nach knapp 55 sm unter Segeln. Die Reststrecke bis Sines, 18,8 sm, müssen wir motoren. Um 01.50 Uhr fällt im Hafen von Sines der Anker und es ist Ruhe im Schiff.

Die Ruhe wird am Morgen durch ein Boot der Policia Maritima gestört. Sie wollen alle Papiere sehen und sind dabei sehr nett. Eine viertel Stunde später kommt ein Boot der GNR (Republikanische Nationalgarde) und die gleiche Prozedur ist erneut erforderlich. Heiliger Bürokratius. Die beiden Uniformträger machen mich noch darauf aufmerksam, dass ich mich zu dicht am Ankerfeld der Fischer befinde und bitten mich, in der Nähe der Marina zu ankern. Das gelobe ich umgehend. Aber damit fängt auch schon ein kleines teures Drama an.

Locker begebe ich mich aufs Vorschiff und winche die ersten 20 Meter Ankerkette ein. Dann ist Schluss. Eine Stunde lang wirtschafte ich mit der Maschine hin und her, der Anker ist nicht auszubrechen. Da muss nachts einer mit dem Schweißgerät den Anker am Grund fixiert haben. Schweren Herzens gebe ich meinen schönen CQR Anker auf. Aus der Backskiste hole ich den Ersatzanker und bringe in aufs Vordeck. Dann die Aktion: wir sägen eine Ankerkette durch. Mit Getöse gehen 10 m Ankerkette zu ihrem Gefährten, dem Anker, auf den Grund. Jetzt habe ich nur noch 90 m Ankerkette. Der Neue ist schnell angeschäkelt und dann ankere ich erneut, wie mir "befohlen" wurde.

Es ist nicht richtig gemütlich am Ankerplatz. Die Temperatur bewegt sich so um die 16° C. Langsam wird alles ein bisschen klamm unter Deck. Drei Tage beobachte ich das Wetter und hoffe auf einen ordentlichen Segelwind. Am Sonntagmittag setzt sich ein leichter Südwind durch und ich beschließe, Anker auf zu gehen. Diesmal kommt der Anker ohne zu zögern. Leider habe ich mich mit dem Wetter total verschätzt und der Wind schläft draußen sehr schnell wieder ein. Also daddeln wir Richtung Lissabon. Einige Meilen vor dem Cabo Espichel verschlechtert sich die Sicht erheblich und ich kann meine neue Technik sehr gut zum Einsatz bringen. Mit der Sichtverschlechtung kommt auch Wind auf und zwar geradewegs auf die Nase. Es brist bis zu 20 Knoten auf und auch hier ist wieder der Kapeffekt deutlich spürbar. Kurz vor der Einfahrt in den Tejo ist der Spuk wie weggeblasen und ich kann die Lichter und die Befeuerung von Lissabon sehr gut erkennen.

Im Prinzip kann ich ein Loblied auf meine neue Technik singen. Das Radar ist noch etwas gewöhnungsbedürftig, weil es erheblich mehr Einstellungsmöglichkeiten als mein altes hat. Toll ist die Möglichkeit, elektronische Seekarte und Radarbild nebeneinander auf dem Bildschirm zu haben. Mit Radaroverlay, also dem Übereinanderlegen beider Bilder, habe ich dagegen noch keine Erfahrung gemacht. Eine Besonderheit möchte ich noch zum AIS erwähnen. Es empfiehlt sich, einen Alarmkreis um das eigenen Schiff einzustellen. Beispielsweise 2 sm. Alle Schiffe mit AIS, die in diesen Kreis einfahren, ergeben ein nervtötendes Signal, das solange besteht, bis man es quittiert hat. Prinzipiell eine feine Sache. Im Tejo ging es mir aber mittelschwer auf den Senkel und zwar aus folgendem Grund. Links und recht im Fluss befinden sich Kaianlagen, an denen Frachter und andere Berufsfahrzeuge liegen (SAR, Behördenfahrzeuge u.a.). Diese haben nun selbstverständlich auch im Ruhemodus ihr AIS eingeschaltet und erzeugen bei der Vorbeifahrt einen Alarmton. Ich hetze also jedes Mal runter an den Kartentisch um dann festzustellen, es ist keine gefährliche Begegnung, sondern nur ein Festlieger.

Um 23.30 Uhr ist die Santa Maria sicher fest im Doca de Alcântara.

Anderntags mein erster Rundgang in der Nähe des Hafens. In erster Linie betreibe ich etwas scouting, um Motive zum Fotografieren zu entdecken. Zuerst komme ich durch eine Bahnunterführung, in der die Wände interessant bemalt sind. Ich würde es als anspruchsvolles Graffiti bezeichnen. Anschließend entdecke ich eine gewerbliche Häuserzeile, deren Fassaden in Gedenken an die Nelkenrevolution bemalt sind. Der Jahrestag jährt sich am 25. April zum 40. Mal. Zum Schluss schlendere ich am Tejo entlang bis zur Brücke PONTE DE 25 ABRIL. Das ist die Brücke, an deren anderen Ende ein monumentales Denkmal vom Junior steht. Auch der Brückenname ist eine Hommage an die Nelkenrevolution.

Nelkenrevolution:

1974 war Portugal die älteste Diktatur Europas. 1926 putschte sich eine Militärjunta unter General Carmona an die Macht. 1932 kam als Nachfolger Carmona's der berüchtigte Salazar an die Macht. Er festigte sie 1933 durch eine Verfassungsänderung, die die Abschaffung des Parlamentarismus beinhaltete. Immerhin bis 1968 blieb er an der Macht und wurde dann von Marcelo Caetano abgelöst.

"Die Nelkenrevolution (portugiesisch: Revolução dos Cravos oder einfach 25 de Abril) bezeichnet den linksgerichteten Aufstand großer Teile der Armee in Portugal am 25. April 1974 gegen die autoritäre Diktatur des sogenannten Estado Novo. Sie verdankt ihren Namen der roten Nelken, die den aufständischen Soldaten - im Rahmen des allgemeinen Volksfestes und der Freude angesichts der Ereignisse - in die Gewehrläufe gesteckt wurden. Sie verlief beinahe unblutig - es gab vier Tote, als verbleibende regimetreue Truppen vor dem Sitz der portugiesischen Geheimpolizei auf unbewaffnete Demonstranten feuerten - und eröffnete den Weg zur demokratischen Dritten Republik." Quelle: Wikipedia

Obwohl das Licht am anderen Tag nicht optimal ist, gehe ich meine Fotoprojekte an. Zuerst eine kleine Auswahl der Bilder zum 40. Jahrestag der Revolução dos Cravos:








TARRAFAL - ALDEIA DA MORTE - Tarrafal Dorf des Todes
Tarrafal ist ein Ort im Nordwesten der Insel Santiago (Kapverden - ehem. Kolonie Portugals), in dem das Salazar-Regime ein berüchtigtes Konzentrationslager betrieb.



Nun ein paar Fotos aus dem Untergrund. Train Station Alcântara:













Soweit erste Eindrücke aus Lisboa. Ende April kommen meine Mitsegler für die nächste Etappe. Mal schaun, was ich in der Hauptstadt Portugals bis dahin noch so erlebe.





© Rüdiger Kreutschmann


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