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August 2013
60°


Zweiunddreißigster Brief



Vier Wochen Ponta Delgada. Alles ist soweit prima. Die Marina ist komfortabel, die Duschen sind ok. Die Versorgung mit Lebensmitteln ist nicht schwierig, da es in der Nähe ausreichend Supermärkte gibt. Aber das graue Wetter geht mir auf den Zeiger. Nur selten ist die Sonne zu sehen und wenn, dann nicht ganztägig, sondern nur immer für kurze Zeit. Die Temperaturen sind zwar angenehm, aber die fehlende Sonne nervt.

Abhilfe ist in Sicht, als Anfang August zwei Mitsegler aus Deutschland anreisen. Bernd und Gerhard kommen wie verabredet pünktlich hier an und wir können die üblichen Vorbereitungen für unsere Reise nach Lissabon in Angriff nehmen. Wenn ich nicht mit den beiden hier verabredet wäre, hätte ich bei günstigem Wind sicher schon längst die Leinen los gemacht.

An dem Wochenende vor unserer Abreise erwischen mich böse die Moskitos. Sowas habe ich überhaupt noch nicht erlebt. In der Nacht werde ich von den Viechern in einer Menge erwischt, so dass ich insbesondere am Rücken und im Brustbereich mit Mückenstichen übersät bin. Auch Arme und Beine bleiben nicht verschont. Aber es hilft alles nicht, wir wollen und müssen los.

Die Wetterprognose von drei Anbietern ist einigermaßen übereinstimmend und im Ganzen kommod. Uns sollen nördliche Winde in gemäßigter Stärke erwarten. Na, mal sehen.

Bernd



Gerhard



Ausklarieren, Diesel bunkern, los geht's. Im Süden von São Miguel haben wir wechselnde flaue Winde, kommen aber trotzdem gut voran. Vor dem östlichen Ende der Insel brauchen wir etwas Motorunterstützung, nachdem wir aber das Kap passiert haben geht es bei frischem nördlichen Wind flott voran. Wir können sogar etwas nördlicher als unseren Sollkurs nach Lissabon segeln und somit etwas Reservehöhe heraussegeln. Unser Kurs am Wind beträgt 60°. Das geht zwei Tage so und wir sind noch guten Mutes.

Am dritten Tag dreht der Wind auf Nordost und legt zu. Wir müssen einen deutlich südlicheren Kurs segeln und werden so unser Ziel Lissabon nicht erreichen. Wenn es so weiter weht, dann werden wir etwas südlich von Rabat, an der Westküste von Afrika landen. Aber wir sind noch weiterhin guten Mutes und hoffen für die nächsten Tage auf eine Winddrehung zu unseren Gunsten. Unser Kurs am Wind beträgt weiterhin 60°.

Der Wind nimmt zu und mit einem Knall kommt die Genua von oben und rauscht ab ins Wasser. Es ist finstere Nacht, und das Segel aus dem Wasser zu bergen und an Deck fest zu zurren dauert eine ganze Weile. Es erfordert den vollen Einsatz von Bernd und Gerhard. Danach können wir die Ursache erforschen und stellen fest, dass eine Schweißnaht am Topwirbel der Rollfockanlage gebrochen ist. Das Fall hängt oben im Masttop. Aber selbst wenn wir das Fall herunter holen würden, würde es uns nichts nützen, weil wir die gebrochene Schweißnaht nicht mit Bordmitteln unterwegs reparieren können. Mehrere Male muss auf dem Vorschiff die Verzurrung verbessert werden, weil Wind und Wellen immer wieder Teile des Segels freilegen. Aber irgendwann ist auch dieses Problem gelöst und wir können die Arbeitsfock an der zweiten Rollreffanlage ausrollen. Der Wind pendelt zwischen 18 und 27 Knoten (5 bis 6 Beaufort). Unser Kurs am Wind beträgt immer noch 60°.

Der gebrochene Beschlag am Topwirbel

Das nächste Malheur dann einen Tag später. Wir wollen uns irgendetwas kochen und versuchen den Gasherd anzuzünden. Keine Flamme will entstehen. Ich brauche einen Moment um zu begreifen, dass die Gasflasche leer ist. Für meine Nachlässigkeit könnte ich mich ohrfeigen. Jetzt auf dem Vorschiff eine geschätzt 20 kg schwere Gasflasche zu wechseln ist ein Ding der Unmöglichkeit. Die Verletzungsgefahr wäre bei diesem Seegang viel zu groß und außerdem könnte eine vagabundierende Stahlflasche dieses Kalibers erhebliche Schäden am Schiff verursachen. Wir vertrösten uns mit der Aussicht auf eine Winddrehung und auf das Abflauen des Windes. Unser Kurs am Wind: 60°.

So gehen die Tage dahin und es ändert sich fast nichts. Unsere Versorgungslage ist miserabel, obwohl wir natürlich nicht hungern müssen. Aber es gibt kein warmes Gericht mehr. Die Getränkeauswahl beschränkt sich auf Milch, Nesquik, Coca Cola und Wasser. Nichts Warmes. Irgendwann ist der Zeitpunkt gekommen, an dem wir feststellen müssen, Lissabon ist in der zur Verfügung stehenden Zeit nicht zu erreichen. Als Ausweichziel entscheiden wir uns für Lagos. Am achten Tag unserer Reise stehen wir genau südlich von Lagos, aber auch südlicher als die geographische Breite von Gibraltar. Die Distanz nach Lagos beträgt noch 106 sm. Der Wind hat etwas abgenommen und auf Nord gedreht. Wir können jetzt noch zwei Tage aufkreuzen, oder die Maschine starten und in einem Tag Lagos erreichen. Wir entscheiden uns für die zweite Variante, weil wir für die Strecke jetzt schon 2 Tage mehr brauchten als im Jahre 2009.

Die Strecke Ponta Delgada nach Lagos beträgt 810 sm. Wir benötigten zum Ankommen gemäß GPS-Distanzen 997,6 sm. Davon wurden 832,9 sm unter Segeln zurückgelegt. Morgens um 06.30 Uhr machen wir am waiting pontoon der Marina de Lagos nach knapp neun Tagen auf See die Santa Maria fest. Als erstes wird eine neue Gasflasche angeschlossen und danach das erste Heißgetränk seit Tagen zubereitet.


© Rüdiger Kreutschmann


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