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Juni/Juli 2013
Azoren

Einunddreißigster Brief



Etwas überraschend teilt mir Michael kurz vor unserer Abreise von Madeira mit, dass er nun doch von Madeira aus zurück nach Hause fliegen will. Mein ursprünglicher Plan, von Madeira zuerst nach Santa Maria zu segeln, wird dadurch wieder aktuell. Wir sind jetzt zu zweit und rechnen für die Überfahrt von rund 500 Seemeilen mit ca. 5 Tagen.

Wir starten bei böigem Wind von der Marina Quinta do Lorde und wollen die Insel im Süden absegeln. Zwischendurch setzt der Wind in Höhe von Funchal weitgehend aus und wir müssen den Daddel anwerfen. Je näher wir dem südwestlichen Kap kommen, umso kräftiger setzt der Wind ein. Das Groß setzen wir mit einem Reff und die Genua wechseln wir sehr schnell gegen die Kreuzfock aus. Auch die müssen wir noch etwas reffen, denn der Kapeffekt bringt uns Wind von satten 7 Beauforts. Die Nacht bricht herein und wir beginnen mit unserer Bordroutine (sprich: Wachsystem). Kurz nach Mitternacht, wir sind jetzt bereits 71 sm von unserem Starthafen entfernt, zeigt das Autopilotdisplay die Meldung "no rudref". Wir übersetzen das mit keine Ruderreferenz, können aber unter diesem Begriff in den Handbüchern nichts finden. Da ich mit dem Autopiloten schon zweimal schlechte Erfahrungen gemacht habe, und unser Ziel, die Azoreninsel "Santa Maria" ist - in 430 sm Entfernung - entschließen wir uns, nach Funchal zurück zu segeln. Hier erhoffe ich mir eventuelle technische Hilfe bzw. die Möglichkeit, aus Deutschland Ersatzteile schicken zu lassen. Um 14.00 Uhr machen wir in der Marina in Funchal fest.



Yachthafen von Funchal



Internetrecherche. Glücklicherweise ist Sonntag und ich kann in Deutschland nicht hektisch etwas bestellen. Der Schweizer Segler, der mir bereits auf Porto Santo geholfen hat, bietet auch diesmal seine Hilfe an. Leider erfolglos. Wir schauen in Internetforen nach. In einem englischen Forum wird zu dem Begriff "no rudref" ziemlich viel Unsinn produziert. Letztlich kommen wir, ob unserer geringen Möglichkeiten, auf die Idee zu einem Reset. Wir nehmen den Kurscomputer des Autopiloten vom Bordnetz und bringen in anschließend wieder ans Netz. Potztausend! Das war die Lösung. Keine Ausgabe im mehrstelligen tausend Euro Bereich, kein tagelanges Warten auf die Ersatzteile aus Deutschland, wir können wieder los.

Am nächsten Morgen unser zweiter Start. Trügerisch ist wieder kein Wind in Lee der Insel. Wir nähern uns dem Kap und es lässt auch diesmal wieder die Muskeln spielen. Mit kleiner Besegelung kämpfen wir uns, 60° am Wind segelnd, voran. Nachdem wir ungefähr zwei Stunden lehrbuchmäßig den Kapeffekt erleben dürfen, hören die schweren Böen auf. Der Wind wird gleichmäßiger, aber nur unwesentlich schwächer. Nach knapp vier Tagen kommt in den frühen Morgenstunden die Insel Santa Maria in Sicht. Um 05.30 Uhr sind wir in der nagelneuen Marina fest und stoßen auf unsere Ankunft an. Die Marina ist auf unserer Seekarte als noch im Bau befindlich eingezeichnet. Es war eine beschwerliche, nasse Überfahrt und wir sind froh, hier zu sein.

Abends, an unserem zweiten Tag auf Santa Maria, nehmen wir an einem Fest im Ort Vila do Porto teil. Bei der Annäherung werden wir schon von einer begeisterten Tänzerin herangewunken. Ich kann mich mit dem Hinweis, fotografieren zu müssen, weitgehend vor dem Tanzen drücken. Klaus muss die Lücke füllen, was er aus Gründen der Höflichkeit auch mit großem Einsatz tut.

Die erwartungsfrohe Tänzerin aus Brasilien



Zu ausgesprochen günstigen Bedingungen bekommen wir einen Tag später einen Mietwagen, mit dem wir die gesamte Insel (97 km²) bereisen. Wir kommen auf sehr gut ausgebauten Straßen an gepflegten Grundstücken und tollen Häusern vorbei. Die Landschaft ist geprägt von landwirtschaftlich genutzten Flächen. Alles sieht unglaublich ordentlich aus. Blumen, wild wachsend oder kultiviert, sind überall zu sehen. Dank des milden und feuchten Klimas wächst hier alles. Wenn die bunten Blumen nicht wären, wäre die Insel eine grüne Oase inmitten des Ozeans.

Ilha do Santa Maria


Lf. Farol de Concalo Velho




Nach vier Tagen auf der Ilha do Santa Maria ist der Wind günstig für eine Überfahrt nach Feial. Am Nachmittag vor unser Ausfahrt klariere ich im Hafenbüro aus, und am nächsten Morgen um 03.15 Uhr machen wir die Leinen los für die 190 sm nach Horta auf Feial. Obwohl es eine relativ kurze Strecke ist, sind wir froh, als wir am nächsten Tag um 17.30 Uhr in den Hafen einfahren. Die Einklarierung beim Hafenbüro, bei der Maritime Police und bei Custom ist schnell erledigt. Uns wird ein Platz im Päckchen, als drittes Schiff an der Kaimauer zugewiesen. Als ich 2009 hier erstmalig war, war der Hafen bei weitem nicht so voll. Selbst im großen Hafenbecken liegen etliche Yachten vor Anker. Der volle Hafen hängt sicher damit zusammen, das etliche Yachten um diese Zeit aus der Karibik zurückkommen, um der beginnenden Hurrikanzeit zu entrinnen. Zu meiner großen Überraschung ist unser damaliges Hafenmauergemälde noch weitgehend in Takt. Ein neues Bild daneben überlappt zwar unser Bild, aber es ist akzeptabel. Wir beschließen, das Bild aufzufrischen und um die neuen Daten zu erweitern.

Altes Bild von 2009



Erneurerungsarbeiten



Frisch für die nächsten Jahre

Mit dem Mietwagen erkunden wir die Insel. Auch hier wieder totale Sauberkeit, gepflegte Grundstücke. Überall an den Straßen und in der Landschaft Hortensien, wilde Rosen und viele andere Blumen, deren Namen ich nicht kenne. Im äußersten Westen der Insel kommen wir zum Ponta dos Capelinhos. Hier gab es 1957/58 eine vulkanische Eruption, die mit ihrem Ascheregen alle Häuser und Felder unter sich begraben hat. Während ringsum alles grünt und blüht, ist hier die nackte Vulkanasche zu sehen. Das Gebäude des Leuchtturms wurde ebenfalls schwer beschädigt. Der Turm selbst steht noch, ist aber vielleicht auch wieder aufgebaut worden.

Vulkankrater



Milchtransporter



Hortensien und wilde Rosen



Vulkanasche am Ponta dos Capelinhos



Hafen von Horta



Typischer Vulkanaschestrand auf den Azoren



In Horta besuchen wir selbstverständlich auch die berühmteste Bar des Nordatlantiks, Peter Café Sport. Man kann nach wie vor dort für kleines Geld essen und trinken. Sie ist auch nach wie vor der Treffpunkt der Segler, aber auch Landtouristen sind immer wieder zu sehen. Nebenan, in dem angeschlossenen Einkaufsladen, gehen auch Klaus und ich auf Einkaufstour.

Peter Café Sport



Wie geplant, heuert Klaus hier ab. Nach fünf Tagen auf der Insel fliegt er zurück nach Deutschland. In den nächsten Tagen werde ich die ca. 150 sm zur Ilha De São Miguel in Angriff nehmen. Dort treffe ich mich Anfang August mit zwei weiteren Seglern aus Deutschland.

Die Überfahrt nach São Miguel gelingt leider nur die ersten 6 sm unter Segeln, den Rest der Strecke muss der zuverlässige Yanmar erledigen. Ich werde überaus freundlich in der Marinaverwaltung aufgenommen, bekomme einen bequemen Liegeplatz zu günstigen Konditionen und muss nicht mal für die Zugangs-keycard ein Deposit hinterlegen. Meiner Meinung nach ist Ponta Delgada bei den Seglern zu Unrecht unbeliebt.

São Miguel, als die größte Insel der Azoren, unterscheidet sich nach meinem Eindruck nicht wesentlich von den anderen Vulkaninseln des Archipels. Alles ist etwas größer, in der Hauptstadt gibt es McDonald's und Burger King, damit ist der Anschluss an die moderne Zivilisation geschafft. Als Fazit für die drei Inseln, die wir hier besucht haben, ist festzustellen, dass die Sonne sich hier sehr rar macht. Meist liegen graue Wolken über den Inseln. Es ist deshalb auch keinesfalls übermäßig warm. Die Überfahrten waren in den Nächten zum Teil kalt, oftmals auch recht feucht - mit anderen Worten, es hätte alles etwas angenehmer sein können. Ich bin gespannt, welche Wetterverhältnisse uns bei der Überfahrt nach Lissabon erwarten. Immerhin 782 sm, bei denen wir nach den Monatskarten überwiegend nördliche Winde zu erwarten haben. Nach Lissabon wird es den nächsten Bericht geben.




© Rüdiger Kreutschmann


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