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Scheveningen bis Hamble River

Dritter Brief


Am Mittwochmorgen (8.8.), unserem Abreisetag aus Scheveningen, erscheint Marcel mit Brötchen. Nach einem gemeinsamen Frühstück nehmen wir ihn noch zum Bunkerboot mit, wo wir ca. 150 Ltr. Diesel übernehmen. Setzen ihn danach im Yachthafen wieder ab und begeben uns auf die Reise nach Oostende (Belgien). Das Wetter meint es ausnahmsweise einmal gut mit uns. Zwar ist es nicht sehr warm, dafür haben wir aber den Wind aus der richtigen Richtung und mit der richtigen Stärke. Es geht ab "wie Schmitz Katze". Nachdem mittags die Tide gekentert ist, segeln wir zeitweise mit über 8 Knoten über Grund. Ein beachtlicher Speed, wenn man bedenkt, dass die theoretische Rumpfgeschwindigkeit der Santa Maria bei 7,2 Knoten liegt.

Nach einer rauschenden Fahrt, die ansonsten aber ereignislos ist, erreichen wir um 22.30 Uhr die Hafeneinfahrt von Oostende. Mit Radarunterstützung kommen wir trotz hochgehender See im Rücken und einem Lichtermeer vor uns problemlos in den Hafen. Im Yachthafen ist es wieder knüppeldicke voll. An einer holländischen Yacht können wir längsseits gehen, wo wir am nächsten Morgen, vor 07.00 Uhr, von einem unfreundlichen Hafenmeister verjagt werden. Zwei Stunden später schleusen wir in den gezeitenfreien Mercatorhafen ein. Bereits in der Schleuse empfängt uns ein sehr freundlicher Hafen- und Schleusenmeister. Er weist uns einen guten Platz mitten im Zentrum der Stadt zu. Bevor wir mit der Santa Maria dort sind, steht der Hafenmeister schon bereit und nimmt unsere Anlegeleinen war.

Hier ist die Reise für Frank nach 630 Seemeilen zu Ende. Wir verabschieden ihn mit einem von ihm gewünschten Heringssalat mit Pellkartoffeln. Die Heringsfilets hatten wir auf Anraten von Ellen bereits beim besten Fischhändler Scheveningen's, "Simonis", gekauft. Frank wird am Freitag (10.8.) mit dem Zug nach Wertheim zurückfahren. Das bisher überwiegend miserable Wetter haben wir auf diesem Reiseabschnitt mit extremer Kochleidenschaft kompensiert. Zeitweilig überlegten wir, die Reise zu beenden und die Santa Maria als Spezialitätenrestaurant in einen Hafen zu legen. Als besonderes Highlight könnte zweimal in der Woche der berühmte Hobby- und zeitweilige Profikoch Marcel eingeflogen werden.

Am Samstag erwarten wir Eddi aus dem Harz. Da er von einem Bekannten mit dem Auto gebracht wird, hat er einige Mitbringaufträge erhalten. Eingekochtes Gulasch, einige Flaschen Rum, Salami, für die Santa Maria geeignetes Toilettenpapier sollen unsere Vorräte wieder vervollständigen.

Er wird von Anne und Chris mit dem Auto nach Oostende gebracht. Die jungen Leute verbringen eine Nacht an Bord. Nach dem gemeinsamen Frühstück verabreden wir mit dem Hafenmeister, um 08.00 Uhr aus dem Hafen auszuschleusen. Noch im Vorhafen setzen wir die Segel. Mit einer moderaten Brise segeln wir zum Verkehrstrennungsgebiet, welches an Dover vorbei in den Englischen Kanal führt.


Achim ist währenddessen, wie immer, fleißig

Um 15.00 Uhr ist der schöne Tag leider vorbei. Nach kurzer Flaute nimmt der Wind kontinuierlich zu. Gegen durchschnittliche 6 Bf. Windstärken, in Böen 7 - 8 Bf. knüppeln wir mit der Maschine gegenan. An Segeln ist in der sich verengenden Doverstreat nicht zu denken. Keiner an Bord ist fröhlich. Uns treibt die Vorstellung voran, dass nach ca. 35 Seemeilen der Hafen von Folkestone auf uns wartet.

Als wir dort nachts um 01.00 Uhr ankommen, finden wir keine Möglichkeit, an der Hafenmole fest zu machen. Wir sind körperlich so runtergekommen, dass wir in den nautischen Unterlagen den kleinen, trocken fallenden Hafen nicht bemerken. Wir entschließen uns, nach Brighton weiter zu fahren. Eddi macht uns im Schutz der Hafenmole einige Brote; wir trinken endlich mal wieder etwas. Nachdem wir einigermaßen zu Kräften gekommen sind, fahren wir aus dem Hafen heraus. Der weitere Verlauf der Nacht ist einigermaßen moderat. Erst in den Morgenstunden nimmt der Wind wieder zu. Nach dem Runden der Huk Beachy Head können wir Brighton schon auf dem Radar sehen. Die letzten Meilen wird's wieder ein harter Tanz.

In die Hafeneinfahrt einzutauchen ist Rummelplatz pur. Sobald wir den Molenkopf passiert haben wird's auch für Damen angenehm. Wir legen an der Brücke für Visitor an. Beim Hafenmeisterbüro wird uns ein Platz in der Riesenmarina zugewiesen. An der Tür zum Hafenmeisterbüro sehe ich erstmalig einen Anschlag, der auf den gewünschten dresscode hinweist. Badehose ist nicht erwünscht, als wenn einer in diesem kalten, windigen und oft regnerischen England auf eine solche Idee käme. Als wir die sanitären Anlagen begutachten, kommen wir aus dem Staunen nicht heraus. Für jeden einzelnen Menschen gibt es einen abgeschlossenen Raum, in dem sich Toilette, abgetrennte Dusche und ein Handwaschbecken mit großem Spiegel befinden. Außerdem ist sehr viel Platz, um seine Sachen abzulegen bzw. aufzuhängen. Keine Sammelduschen, keine Kloverschläge. Dazu eine bestechende Sauberkeit. Wir sind beeindruckt. Aber alles hat natürlich auch seinen Preis.

Annähernd 46 Seemeilen sind es bis Southhampton, wo wir Helmut, unseren 4. Mann erwarten. Bis er kommt, haben wir eine knappe Woche Zeit. Es ist also easy going angesagt. Das ist auch nötig, weil es draußen (auch im Hafen) wieder hart weht, und das auch noch aus der falschen Richtung (Westwind). Weil das so ist, beschließen wir, erst einmal hier zu bleiben. Ernüchtert werden wir, als wir mit dem Bus in die City von Brighton fahren. Es gibt nicht so richtig was anzusehen. Einkaufsstraßen in alle Richtungen. Die berühmte Seebrücke von Brighton entpuppt sich als Rummelplatz. Kinder haben ihre helle Freude. Für uns ist es mäßig interessant.



Brighton Marina



Wir arbeiten mal wieder am Pumpensystem



Für die nächsten Tage ist weiterhin Westwind vorhergesagt. Es soll aber etwas abflauen. Wir wollen mal sehen, ob wir morgen früh (17.8.) gegen den Wind aufkreuzen können. Bei Gegenstrom, der hier länger nach Osten läuft als der Schiebestrom nach Westen, wird das keine leichte Aufgabe werden. Sollte es früh wieder hart wehen, müssen wir eine neue Strategie beratschlagen. Vom Motoren haben wir allerdings die Nase ziemlich voll.

Am Freitagmorgen stehen wir also um 05.00 Uhr auf, nehmen ein frugales Frühstück ein und wollen dann Richtung Solent auslaufen. Der Wetterbericht ist relativ günstig.

Im Hafen setzen wir das Großsegel; nach dem Passieren der Hafenmole wird die Genua (Vorsegel) ausgerollt. Zu Beginn können wir einen Kurs von 235° laufen. Wir freuen uns, aber zu früh. Der Wind dreht weiter zurück und wir können nur noch ca. 200° über Grund segeln. Der Kurs verschlechtert sich weiter, so dass wir um 11.15 Uhr beschließen, eine Wende zu fahren. Um 13.20 Uhr ist die nächste Wende fällig. Danach verschlechtern sich die Bedingungen dermaßen, dass wir nicht mal mehr Südkurs segeln können. Dazu jetzt auch noch Gegenstrom. Wir beschließen, zum wiederholten Male die Maschine anzuwerfen. Wenn ich das Wort Diesel schreiben soll, sträuben sich schon die Finger auf der Tastatur.

Diese Entscheidung erweist sich aber als richtig. Vor der Einfahrt in den Solent (nördlich der Isle of Wight) baut sich eine Welle auf, die in den Spitzen wieder 3 m beträgt. Das hätten wir realistisch nicht aufkreuzen können. Um 23.00 Uhr machen wir in der Hamble Pt. Marina fest. 1987 war ich bereits mit der Potosi meines Freundes Dieter dort. Alles scheint sich verändert zu haben. Millionärsyachten so weit das Auge reicht. Das Hafenbüro zu erreichen erweist sich in der Nacht als schwierig, außerdem wird dort um diese Zeit auch niemand mehr sein. Das Tor zu den Stegen ist nur von innen zu öffnen. Von außen benötigt man einen Schlüssel. Wir entscheiden uns für Schlaf und verholen im Morgengrauen in die Port Hamble Marina. Dort ist vor 07.00 Uhr bereits das Hafenmeisterbüro besetzt. Wir werden sehr freundlich aufgenommen. Zu 11.00 Uhr will der Hafenmeister uns einen Liegeplatz für 3 Tage zuweisen. Zuerst haben wir am Kopfsteg festgemacht, wo wir aber nicht verbleiben können. Er kommt dann doch etwas früher und wir bekommen einen komfortablen Platz zugewiesen. Hier haben wir Strom, Wasseranschluss und WLAN Empfang. Abends telefoniere ich ausführlich mit Freunden in Berlin via Internet.



Marinaumfeld



Brighton Beach



Cowes



kanonen

Cowes

Am nächsten Tag betreten wir in Cowes (Isle of Wight) historischen Seglerboden. Von hier aus haben Kings und Queens die wichtigsten Segelregatten der letzten 150 Jahre beobachtet. Hier hat einer der berühmtesten Yachtclubs der Welt, der R.O.R.S., seine Heimat. Etwas erfurchtsvoll werden die 22 hochglanzpolierten Bronzekanonen fotografiert, mit denen die großen Regatten (Admiralscup, Cowes Week u.a.) angeschossen werden. Alles atmet Segelhistorie. Der Teemagnat Sir Thomas Lipton segelte hier, und auch Prinz Philipp frönt hier seiner Segelleidenschaft. Die Cowes-Week ist gerade beendet. Die Crews streben zur Siegerehrung ins Klubhaus. An ihrer Körpersprache ist abzulesen, dass sie mächtig stolz sind, dabei gewesen zu sein.



solent

Segler im Solent



beken

Berühmte Segelfotografendynastie aus Cowes

Bevor morgen unser vierter Mann, Helmut, eintreffen wird, entsorgen wir noch die alte Rettungsinsel. An Deck, auf dem Vorschiff, haben wir sie bis hierher mitgeschleppt. Bei etwas angenehmeren Bedingungen hätte ich sie gern draußen auf See ausprobiert. Das blieb uns leider versagt. Trotzdem, wer hat schon Gelegenheit, eine aufgeblasene Rettungsinsel zu begutachten. Gesagt, getan. Nachdem wir die Tasche ins Wasser geworfen haben, bläst sie sich in angemessener Zeit zügig auf. Wie lange sie die Luft hält, können wir natürlich nicht abwarten. Erstaunt bin ich, dass sie keinen Doppelboden hat. Das einfache Bodengummi hat ein winziges Leck, durch das Wasser eindringt. Gott sei Dank mussten wir das nicht auf See feststellen. Wir räumen alles aus, Eddi steigt auch einmal probeweise ein, dann hat Achim die Chance, seinen Messergelüsten zu frönen und die Insel zu zerstören.



eddi

Eddi arbeitet an den Reglern für die Solaranlage



eddi

Die alte Rettungsinsel bläst sich vorschriftsmäßig auf



Nun wird sie entsorgt



vorbereitungen

Vorbereitungen für den Aufbruch

Sobald Helmut eingetroffen ist, wollen wir eine günstige Wetterprognose nutzen, um unsere Biskayaüberquerung zu starten. Zurzeit sieht es nicht besonders gut aus. Die englischen Wetterberichte geben gale warning (Sturmwarnung) heraus, der Deutsche Wetterdienst sagt immerhin noch Starkwind voraus. Wir hoffen auf das Azorenhoch, dass sich etwas nördlich ausweiten soll. Es ist zwar schon ein abgedroschener Satz, aber die Hoffnung stirbt zuletzt.

Alles muss noch seefest verzurrt werden. Das Beiboot (Dingi) soll in seine Halterung auf dem Vorschiff. Wir wollen die letzten Einkäufe tätigen (insbesondere Frischproviant) und dann "schaun wir mal".


© Rüdiger Kreutschmann


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