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Juni 2012 Kalamata bis Malta

Sechsundzwanzigster Brief



Nach der Aufregung um die Maschine starte ich erneut, um Johannes in Lixouri zu treffen. Gemeinsam wollen wir die Passage nach Malta segeln. Von Wind kann leider keine Rede sein. Es scheint hier bezüglich des Windes einige Grundtendenzen zu geben:
Erstens:
Entweder ist kaum Segelwind oder es bläst die Ziegen von den Bergen.
Zweitens:
Wenn denn ausnahmsweise mal der richtige Wind in der Stärke bläst, dann kommt er garantiert aus der Richtung, in die man will.
Drittens:
Wetterberichte sind gut für die, die sie machen. Um jede Insel, um jedes Kap, in jeder Bucht gibt es spezielle Wetterbedingungen, die sich dazu auch noch augenblicklich verändern können.
Als Fazit:
Wenn ich hier auf Dauer bleiben wollte, würde ich auf eine Motoryacht umsteigen. Übrigens, die meisten Segler die ich unterwegs sehe, fahren mit der Maschine - als Alibi haben sie manchmal noch das Großsegel zusätzlich gesetzt. Das hat aber m. E., anders als in der Literatur dargestellt, nur den Effekt, dass man sich das Groß frühzeitig durch Sonne und schlagen im Schwell kaputt macht.



Wir starten also auch standesgemäß mit der Maschine. Als ich nach ca. 16 sm ums erste Kap herum komme, bläst es mir zwischen 6 und 7 Beaufort entgegen. Sofort baut sich eine kurze, steile Welle auf, die das Fahren so angenehm macht, pfui. Am frühen Abend kommen wir in Methoni an und gehen hinter dem breakwater vor Anker. Zwar gibt es hier keine Windwellen, dafür aber einen Grundschwell zum abgewöhnen. Ich halte es nur bis kurz nach Mitternacht aus, dann ist an Schlaf sowieso nicht mehr zu denken. In 8 sm gibt es eine Lagune (Pilos), von der ich mir mehr Ruhe erwarte. Leider ist die Zufahrt zur Lagune so groß, dass der Schwell von draußen auch hier hinein steht. Am frühen Morgen habe ich die Schnů gestrichen voll und fahre weiter, meinem eigentlichen Ziel, Lixouri entgegen. Eine weitere Nachtfahrt erwartet mich.



Turkish tower and Venetian Fort in Methoni



Unterwegs hatte mir jemand den Tipp gegeben, nicht nach Lixouri, sondern gegenüber nach Argostoli zu gehen. Mein Greek Waters Pilot ist dazu leider nicht besonders aussagefähig, also versuche ich es auf gut Glück. Aus einiger Entfernung kann ich schon mal sehen, dass im Hafen von Lixouri kein einziges Sportboot liegt. Anders in Argostoli, die Stadtpier ist von einigen Seglern und Motorbootfahrern bevölkert, wobei sich die Zusammensetzung täglich ändert. Der Tipp war gut. Nette kleine Stadt mit guten Einkaufsmöglichkeiten und null Liegeplatzkosten. Negativ sind der fehlende Stromanschluss sowie kein Internet an Bord. Aber Leonardo ist gleich über die Straße, und bei einem Eiskaffee kann man bei ihm ins www.



Argostoli






Eines Nachmittags werde ich von zwei Wiener Studentinnen angesprochen. Sie fragen mich unter anderem, ob es wahr sei, dass man hier noch Wasserschildkröten sehen könne. Ungläubig wie ich bin verweise ich das ins Reich der Fabel. Schließlich ist hier doch so viel Unruhe im Hafen, dass die Tiere sich sicherlich gestört fühlen müssten. Zwei Tage später gehe ich morgens zum Einkauf und komme an den Fischerbooten vorbei, die ihren spärlichen Fang der Nacht anbieten. Und tatsächlich schwimmt um eins der Boote eine beträchtliche Schildkröte. Sie hat eine Länge von ungefähr 70 cm, der Panzer hat eine Breite von ca. 45 cm. Gemächlich schwimmt sie hin und her und wartet scheinbar darauf, dass die Fischer beim Ausnehmen der Fische den Abfall ins Wasser werfen. Eine bequeme Art der Nahrungsfindung. Sorry ladies, das war für mich dann doch zu überraschend. In den nächsten Tagen sehe ich noch weitere große Schildies. Wer hätte das gedacht?



schildi



Am verabredeten Tag, noch vor dem Aufstehen, steht Johannes auf der Pier. Da er nur eine Woche Zeit mitbringt, wollen wir Morgen, nach dem Einkauf der frischen Lebensmittel, Richtung Malta aufbrechen. Am Abend gehen wir noch in das von Leonardo empfohlene Restaurant, in dem ich mal ein typisches griechisches Gericht, Stifado, probiere. Auch dabei entdecke ich keine neue Leidenschaft für die griechische Küche in Griechenland. Also kein Grund hier zu bleiben, zumal in Griechenland nächste Woche zum zweiten Mal Wahlen innerhalb von sechs Wochen sind. Wenn ich die Kommentare im Internet verfolge, macht sich so was wie Endzeitstimmung breit. Nicht nur die Wohlhabenden, die ihre Kohle längst ins Ausland geschafft haben, sondern auch die "Normalbürger" plündern ihre Konten. Strümpfe werden knapp, weil sie für das Ersparte gebraucht werden.



Überraschend können wir, nachdem wir etwas frei von der Insel sind, Segel setzen. Fast 52 sm ist unsere Segelausbeute an diesem Tag und wir sind voller Hoffnung, dass es ähnlich weiter geht. Leider wird diese Hoffnung aber gänzlich enttäuscht. Die nächsten zwei Tage haben wir entweder keinen Wind, oder so von vorn, dass nicht mal eine Seite die bevorzugte wäre, wenn wir segelten. Da Johannes nur begrenzte Zeit hat (s.o.), ergeben wir uns in unser Motorbootschicksal.



Nach drei Tagen kommen wir morgens um 09.30 Uhr in Valetta an. In Msida gibt's für uns keinen Liegeplatz, weil an den Steganlagen gebaut wird. Im Lazzeretto Creek, in dem wir letztes Jahr noch zwischen zwei Bojen kostenlos liegen konnten, ist jetzt eine Marina im entstehen. Sie haben auch Bojen ausgelegt und es erscheint Aurel mit seinem Gummiboot, um uns beim Festmachen zu helfen. Das System mit je zwei Vor- und Achtergrundleinen, die auch noch miteinander durch Leinen verbunden sind, und die auch noch Strippen haben, an denen die kleinen weißen Bojen befestigt sind, ist so kompliziert, dass wir uns folgerichtig eine der vielen Leinen in die Schraube wickeln. Na, Prost Mahlzeit. Glücklicherweise haben wir hier nicht aus eigenem Antrieb agiert, sondern der Marineiro Aurel trägt die Verantwortung. Also kommt David, der Marinamanager, im Taucheranzug und schneidet uns frei. Das System der vielen Strippen scheint sich ein Ingenieur am Reißbrett ausgedacht zu haben. Da sah es bestimmt ganz toll aus.



leinensalat



Für diesen Liegeplatz, der weder Strom- noch Wasseranschluss hat, zu dem landseitig auch keine Toiletten und Duschen gehören, müssen wir 24 € täglich bezahlen. Wir bleiben zwei Tage, dann legen wir uns vor eigenen Anker zwischen Lazzeretto Creek und Msida Creek. Der Ankerplatz ist etwas unruhig, weil wir genau in der Verlängerung der Hafeneinfahrt liegen. Der Schwell durch die Großschifffahrt und natürlich durch den Wind steht hier voll hinein. Deshalb gehen wir, bevor Johannes abreist, in die komfortable Grand Harbour Marina. Hier gibt es Duschen, hier gibt es Strom und Wasser, ich kann diverse Batterien aufladen (Kamera, Haarschneidemaschine, mobile phone - für das es das schöne deutsche Wort "Händi" gibt -) und last but not least, es gibt Internet.



Als Johannes abgereist ist, bleibe ich noch einen Tag, um den Komfort zu genießen. Bis zu meiner nächsten Verabredung mit Bernd habe ich noch drei Wochen Zeit und so entscheide ich mich, einen kleinen Abstecher nach Sizilien zu machen. Über Porto Palo (SE-Ecke Sizilien) geht's nach Syracusa, das mir im letzten Jahr schon ausnehmend gut gefallen hat. Hier bleibe ich für ca. zwei Wochen vor Anker, schaue mir abends an Land Fußballspiele der Europameisterschaft an und genieße das süße Nichtstun. Warum sollte ich weiter fahren, wenn ich überwiegend doch nur motoren müsste?



paul's shipswreck

Altar der Kirche "St. Paul's Shipswreck" in Valetta



spielzeug

Behördenspielzeug auf Malta



merchants

Es gab schon bessere Tage



syracusa

Mein täglicher Anblick vom Ankerplatz aus auf die Stadtpier von Syracusa



Das Spiel der deutschen Mannschaft gegen die Italiener erlebe ich in einem Restaurant mit lauter Einheimischen am Tisch. Die Sizilianer sind reineweck aus dem Häuschen ob des Sieges ihrer Mannschaft. Sie sind aber nach einigen Minuten des Triumphes so fair und finden tröstende Worte für den "German". Ganz anders drei Tage später: blankes Entsetzen steht in den Gesichtern, als die italienische Mannschaft von den Spaniern vorgeführt und mit einem 4:0 deklassiert wird. Die Spanier sind wohl im Fußball in den letzten vier Jahren (2x Europameister, 1x Weltmeister) das Maß der Dinge. Die große Fiesta, welche die Italiener sich für die Nacht vorgenommen hatten, bleibt jedenfalls aus. Es ist sehr, sehr ruhig in der Stadt.



Anfang der Woche nutze ich noch die guten Einkaufsmöglichkeiten in Syracusa und dann geht es die ca. 82 sm zurück nach Malta. In der nächsten Woche will ich mit Bernd die nächste Etappe (Malta - Mallorca) in Angriff nehmen. Mal sehen, ob Rasmus uns gegenüber dann gnädiger gestimmt ist. Bei der Flaute auf dem Weg nach Valetta habe ich auf jeden Fall noch einmal das Vergnügen, einer Delphinschule zu begegnen.





© Rüdiger Kreutschmann


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