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Winter 2011/2012 in Agios Nikolaos (Kreta)

Vierundzwanzigster Brief


Für die Winterlieger in der Marina of Agios Nikolaos beginnt die Wintersaison mit einem schönen Fest, das die Marinaverwaltung ausrichtet und zu dem alle Winterlieger eingeladen sind. Es gibt Grillfleisch bis zum Abwinken, dazu Salate und andere kretische Spezialitäten. Auf den Tischen steht Retsina, dem wir natürlich gerne zusprechen wollen. Nach dem ersten Schluck merken wir, der Wein hat's in sich. Auf den Tischen stehen aber kleine Karaffen, in denen sich nach meiner Vorstellung Wasser zum Verdünnen befindet. Großzügig verdünne ich damit unseren Wein. Der nächste Schluck wird zur Katastrophe. Das ist kein Wasser in den Karaffen, sondern Raki! Eine wirklich gelungene Mischung, die sofort ihren Weg auf den Rasen findet. Max, mein Nachbar vom Steg, verschwindet zu sich an Bord und kommt mit einer gut getarnten eigenen Flasche Weißwein zurück. Wir anderen bekommen dann doch noch Wasser und können unsere kräftigen Drinks etwas entschärfen. Nach dem die Getränkefrage geklärt ist, laben wir uns an den reichhaltigen Speisen.

Ein Trio junger Musikanten spielt derweil griechische Musik. Als die Raubtierfütterung weitgehend abgeschlossen ist, beginnt eine Tanztruppe in traditioneller Kleidung uns zu unterhalten. Die Segler sind begeistert und als die Truppe nach einer Weile ihre Tänze beendet hat, entern die Segler die Tanzfläche und schwingen als Gruppe, die immer größer wird, das Tanzbein.










Trotz des gelungenen Auftakts werde ich aber nicht so richtig warm mit den hiesigen Verhältnissen. Ich will versuchen, die Achterbahnfahrt, auf der sich meine Gefühle befinden, zu beschreiben.

Seit September 2011 bin ich nun mit der Santa Maria hier in Agios Nikolaos (Ag'Nik). Ich habe den Eindruck, es geht mehr bergab als bergauf. Die Bifteki und Suflaki schmecken in Berlin eindeutig besser als auf Kreta. Ein Restaurantbesuch lohnt sich hier im Regelfall nicht und auch die anderen Segler können keine Tipps geben, wo man denn gut essen kann. Der Verdacht liegt natürlich nahe, es könne sich dabei um einfache Touristenabfütterung handeln, und die Einheimischen hätten geheim gehaltene Lokalitäten. Aber ich sehe auch Einheimische, die sich das Essen antun. Also ziehe ich den Schluss, die Griechen sind nicht die großen Küchenmeister und ich werde meine Potpourriplatte zukünftig wieder in Deutschland essen.

Auch das Einkaufen ist nicht der große Hit. Beispielsweise finde ich keine grünen Bohnen, kein Creme Fresh und nach so manch anderer Kleinigkeit suche ich vergeblich. Selbst Lidl ist auf das Niveau der Griechen abgesunken. Feta allerdings gibt es in Mengen und ich tröste mich letztlich mit einem Ouzo. Ich habe allerdings Zweifel, ob man sich nur von Feta und Ouzo ernähren kann.

Nun mal zum Ort. Von Lagos war ich es gewöhnt, dass der Ort im Winter trotz der fehlenden Touristen durch die Einheimischen belebt ist. Hier dagegen ist die Hose ziemlich tot. Ein paar Fotos mögen das verdeutlichen. Wahrscheinlich liegen die Geschäftsinhaber jetzt alle am Strand von Malibu oder haben sich in die Karibik verkrümelt. Eingefleischte Kretafans werden mir jetzt entgegen halten, die alten Männer säßen doch nach wie vor im "kafenion". Ja, ja, es ist schon so, der Ort wirkt für mich dadurch trotzdem nicht lebendiger und auch nicht ursprünglicher.


Trostlosigkeit, wo man auch hinschaut







Als Fußgänger im Ort unterwegs zu sein ist auch nicht gerade die große Freude. Der kretische Autofahrer ist wohl so das rücksichtsloseste Subjekt, was ich bisher kennen gelernt habe. Da kann ich mich bereits auf einem Zebrastreifen befinden, die Roller- und Autofahrer finden immer noch einen Weg, mich zum stehen bleiben zu zwingen. Oder ich gehe einen schmalen Bürgersteig entlang und treffe auf ein paar Einheimische, die den neuesten Klatsch palavern. Keiner von ihnen würde auf die Idee kommen, für mich Platz zu machen. Meist bleibt mir nichts anderes übrig, als mich zwischen parkenden Autos auf die Straße zu zwängen und die Palavernden zu umgehen. Beim Bäcker auch ein gewöhnungsbedürftiges Verhalten der Einheimischen. Da wird vorgedrängelt was das Zeug hält. Wenn man nicht energisch die Leute in ihre Schranken verweist, wird das mit dem Brotkauf erst was, wenn man nur noch der einzige Kunde im Laden ist. Was ist bloß mit den Griechen los?

Es handelt sich hierbei nicht um Einzelfälle die natürlich überall passieren können, sondern wenn ich es zufällig mal anders erlebe, ist es ein Einzelfall




Das Liegen in der Marina: auf den ersten Blick eine normale Marina internationalen Standards. Die Staffs sind sehr freundlich und versprechen auch, einen bekannt gegebenen Mangel umgehend zu beseitigen. Leider passiert dann aber nichts. Eine defekte Glühbirne auf der Toilette wird wochenlang nicht ausgetauscht. Ein defekter Klodeckel ziert unendlich lange das "Örtchen". Die Reinigung des Sanitärbereichs lässt auch zu wünschen übrig. Die Segler sind angehalten, den Wasch- und Duschbereich selbst sauber zu halten. Das machen sie auch, aber natürlich immer nur gerade dort, wo sie Wasser verspritzt haben. Jenseits dieses Bereichs sieht es so aus, als sei seit Wochen nicht gereinigt. Dabei gibt es wohl Personen, die dafür zuständig sind. Ein Segler erzählte mir, er habe eine Reinigungskraft rauchend in einer Abstellkammer entdeckt. Hoffentlich war es keine Besenkammer à la Boris Becker.

Statt sich um die vorhandenen Einrichtungen zu kümmern, wird lieber ein feudaler Grill gebaut (siehe Fotos). Jemand, den ich hier kennen gelernt habe, der aber nicht namentlich genannt werden möchte, meint dazu sarkastisch: "Bei solch einem Objekt wie dem Grill kann man doch viel besser einige Euros in die eigene Tasche wirtschaften als bei einem Klodeckel". Andere Segler bezeichnen das als die Griechischen Verhältnisse. Zu diesem Thema passt ein Witz, den mir Klaus sendet, und den ich meinen Lesern nicht vorenthalten will:

"Ein griechischer Bürgermeister besuchte vor vielen Jahren einen Kollegen in einer kleinen spanischen Stadt. Der Grieche staunt nicht schlecht. Der spanische Bürgermeister hatte ein üppiges Anwesen mit großem Garten und schönen Möbeln. Da fragt der Grieche: "Wie hast du das bezahlt?" Der Spanier meint: "Siehst du die Brücke da hinten? Die EU gab uns 10 Mio. für eine vierspurige Straßenbrücke. Wir haben eine zweispurige mit Ampel gebaut." Ein Jahr später besucht der Spanier den Griechen in Griechenland und staunt. Der griechische Bürgermeister hat ein Haus mit vergoldeten Zäunen und großen Säulen sowie überall Personal. Er fragt ihn: Wie hast du das bezahlt?" Der Grieche sagt: "Siehst du die Brücke da drüben?" Der Spanier: "Nein."




Fertiges Grillhaus



Die Liegeplätze in der Marina sind eine geräuschvolle Angelegenheit. Schon bei geringen Windstärken, die aber draußen Seegang entstehen lassen, ist es im Hafen zum Teil unerträglich laut. Die Hauptwindrichtung in der Ägäis ist Nordwest. Dadurch steht meistens Schwell gegen die Hafenmauer und bei deren Bau waren die Griechen besonders schlau. Damit es immer zu Wasseraustausch kommt, hat man unter Wasser in der Mole große Löcher gelassen. Der beabsichtigte Zweck wird erreicht. Die Wasserqualität im Hafen ist bestechend gut. Aber die Geräusche. Die Schwimmstege fangen bereits bei dem geringsten Schwell von draußen an zu arbeiten. Die Ketten, Metallfedern und Schäkel veranstalten ein Konzert, das ich keinen zweiten Winter hören will.

Aber nicht nur der Geräuschpegel stört. Wenn es etwas aufbriest, so ab 5 bis 6 Windstärken, kommen große Belastungen auf die Festmacherleinen. Gleich zu Anfang bricht mir in einer Nacht bereits eine Gummifeder. Seit dem habe ich erstens auf Stahlfedern umgestellt und zweitens alle Leinen verdoppelt. Ich habe noch in keiner Marina gelegen, wo ich so in Sorge um mein Schiff war.

Da ich bereits die Hauptwindrichtung, nämlich Nordwest, angesprochen habe, komme ich auch gleich zu einem weiteren Problem. Der Nordwest ist so konstant, dass eine freie Wahl der Segelziele weitgehend ausscheidet. Ich habe mir jetzt eine Strategie überlegt, um ein wenig die Inseln der Ägäis kennen zu lernen. Ich will versuchen, gegen den Uhrzeigersinn in den Athener Raum zu gelangen, um von dort aus zu entscheiden, ob ich durch die Straße von Korinth nach Westen gehen will, oder südlich um den Peleponnes. Segler, die sich bereits seit Jahren hier befinden meinen, im Frühjahr gäbe es allerdings ein Wetterfenster mit Südwind, welches man nutzen sollte.



Segler brauchen für ihr Boot dauernd irgendetwas. Dafür gibt es die bekannten Bootsausrüster-läden, die immer schon Lösungen für Probleme haben, die ich noch gar nicht habe. In Ag'Nik gibt es einen schlecht sortierten und preislich völlig überteuerten solchen Laden. Da geht man nicht mal hin, auch wenn man nur zwei Schrauben braucht. Etwas umständlich, weil weiter weg, gibt es aber in Elounda einen Laden, der einerseits gut sortiert ist und andererseits sensationelle Preise hat. Tauwerk wird hier nicht nach Metern verkauft, sondern nach Gewicht. Eine Leine, für die ich in Deutschland 60 € bezahlen müsste, erstehe ich hier für ganze 12 €. Das versöhnt ein wenig. Wahrscheinlich werde ich im April, wenn ich in der Bucht von Spinalonga vor Anker sein werde, dem Laden nochmals einen Besuch abstatten und Tauwerk für die nächsten 64 Jahre kaufen.

Apropos Spinalonga. Hierbei handelt es sich um eine kleine Insel nördlich von Ag'Nik, auf der bis 1957 Leprakranke verbannt waren. Die Engländerin Victoria Hislop hat darüber einen Roman mit dem Titel "Insel der Vergessenen" geschrieben. Heute kann man die Insel besuchen und einen kleinen Eindruck von den Lebensverhältnissen gewinnen, unter denen die Kranken seinerzeit hier gelebt haben.

Dieser Bericht ist ziemlich kritisch und ich bin mir darüber im Klaren, dass alle geschilderten Argumente natürlich auch irgendwie zu entkräften sind. Einige, mit denen ich darüber gesprochen habe, halten es auch für schade und mich für verrückt, dass ich so schnell wieder zurück an den Atlantik will. Es bleibt letztlich neben den Argumenten ein Gefühl, das schwer in Worte zu fassen ist, das mich aber wieder nach Westen treibt.

Trotz allem, hier noch einige "schöne" Fotos von Ag'Nik.









© Rüdiger Kreutschmann


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