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Ein weiterer Winter in Portugal

Einundzwanzigster Brief


Seit dem 7. November 2010 bin ich wieder an Bord. Eine weitere Überwinterung hier in Lagos, nicht geplant, aber aus meiner Sicht unvermeidlich, steht an.



marina



Als erstes kann ich feststellen, es gibt nunmehr definitiv keine Cucarachas mehr an Bord der Santa Maria. Im September ahnte ich es schon, jetzt bin ich sicher. Fünf Monate stand sie in praller Sonne, ohne weitere Nahrungs- oder Flüssigkeitszufuhr. Das hat wohl die Erkenntnis in den Tierchen reifen lassen, dass es sich nicht mehr um eine Arche handelt. Die Ratt äh, Cucarachas verließen das verlassene Schiff.



Kirche Santa Maria mit Don Henrique



Ende November habe ich meine Planung für die kommende Saison fertig und veröffentliche sie hier unter "News". 2011 möchte ich nun endlich nach Griechenland segeln. Etwas abweichend von der Planung für das Jahr 2010, will ich mich ungefähr zwei Monate im Gebiet der Balearen aufhalten. Südfrankreich, Korsika und Sardinien werden ausgelassen, weil in der fraglichen Zeit die Spanier, Franzosen und Italiener Urlaub haben. Die Häfen sind übervoll und, sollte man einen Platz ergattern, schrecken die Liegeplatzgebühren. Die Balearen sind zwar auch sehr teuer, hier haben wir jedoch die Möglichkeit öfter zu ankern. Von Mallorca soll es nonstop nach Sizilien gehen. Für den Besuch bei der Cosa Nostra sind drei Wochen vorgesehen, so sie mir nicht ein Angebot machen, welches ich nicht ablehnen kann. Von Sizilien aus ist es ein Katzensprung nach Malta. Zwei Wochen sollten fürs Kennen lernen der zwei kleinen Inseln genügen. Dann nochmals ein etwas kräftigerer Sprung (ca. 450 sm) nach Kreta. Hier, in der im Nordosten der Insel gelegenen Marina of Aghios Nikolaos, hoffe ich den Winter 2011/2012 verbringen zu können.



Lagos



Die ersten Mitsegelinteressenten melden sich schnell. Mitte Januar sind die Zeiträume soweit besetzt, dass ich zumindest auf den etwas längeren Strecken nicht allein segeln werde. Wieder einmal lerne ich durch die Webseite "hand gegen koje" interessante Menschen kennen, zumindest erstmal elektronisch. Da ich bisher mit meinen Mitseglern, die dadurch an Bord kamen, in überwiegendem Maße gute Erfahrungen gemacht habe, bin ich auch für die Zukunft optimistisch.



Azulejos



Im Januar bekomme ich Besuch von Klaus, der 2008 den Atlantiktörn mitgesegelt ist. Er hat sich mindestens in einem Punkt nicht verändert. Seine Lust, an der Santa Maria zu arbeiten, ist ungebrochen. Ich hatte schon einige Arbeiten seinetwegen verschoben, jetzt sollten sie verwirklicht werden. Die Projekte heißen: neuer Teppichboden, Spi-Baum auf Vordermann bringen, den Außenborder reparieren, Wellenabdichtung nachziehen, neue Acrylabdeckung für den Kartentisch außen und last but not least, die elektrische Ankerwinde in Gang setzen. Die Arbeiten kommen gut voran. Bei der Ankerwinde ist es mit einer Reparatur leider nicht getan. Nachdem wir einen Blick auf das Innere der Winde werfen ist klar, da muss was Neues her. Nach 32 Jahren im Einsatz, immer den härtesten Bedingungen auf dem Vorschiff ausgesetzt, hat sie sich den Ruhestand redlich verdient.



Klaus mit neuer Ankerwinde



Ich ordere bei dem Bremer Bootszubehörhändler SVB eine neue Winde. Innerhalb von fünf Tagen ist das gute Teil hier in Portugal, und da ist sogar noch ein Wochenende mit eingerechnet. Bei diesem Tempo kommt einem die EU doch mal ganz positiv nahe. Nachdem wir die Verpackung geöffnet haben sehen wir, Elektrokabel sind im Lieferumfang nicht dabei. Die können wir hier ohne Probleme erwerben, sind aber nicht sicher, ob wir ohne Elektriker auskommen. Immerhin müssen hier Quetschverbindungen von ziemlicher Dimension angebracht werden und ob das mit Bordmitteln geht, wissen wir noch nicht. Wir haben beide keine Erfahrung damit. Nachdem wir die erforderlichen Teile gekauft haben, machen wir uns ans Werk. Es ist zwar eine Arbeit, die uns einen ganzen Tag in Anspruch nimmt, einen Elektriker brauchen wir aber letztlich nicht. Nachdem alles installiert ist, der bange Moment vor dem ersten Einschalten. Sie funktioniert - und selbst die Drehrichtung ("up and down") haben wir richtig angeschlossen. Am Abend belohnen wir uns mit feinen Lammkoteletts bei "Gilberto".



Lagos



Klaus ist natürlich nicht nur zum Arbeiten hierher gekommen. Mit dem von ihm gemieteten Auto kommen wir zu den wichtigsten Sehenswürdigkeiten der Algarve. Wir beginnen mit dem Ponta da Piedade. Ein stark zerklüftetes Felskap, direkt vor den Toren von Lagos. Hier gibt es Grotten, Tunnel, Tore sowie einzelne Felsbrocken. Für die Touristen wurde eine Treppe mit 193 Stufen gebaut, die uns hinab auf Meeresniveau führt. Man kann sich auch von Lagos aus mit dem Fischerboot hier herbringen lassen. Da es in dieser Gegend immer wieder zu schweren Felsabbrüchen kommt, ist mir hier unten nicht ganz wohl und ich bin froh, als wir den Rückweg antreten. 193 Stufen wollen natürlich auch wieder nach oben erobert werden. Zurück auf dem Hochplateau, erfreuen wir uns an den unzähligen Blumen, die gerade in dieser Jahreszeit und bei diesen klimatischen Bedingungen hervorragend gedeihen.



piedade

Piedade



lf piedade

Lf. Ponta da Piedade



blume

10. Januar 2011



193 stufen

193 Stufen nach oben sind endlich geschafft




Unser nächstes Ausflugsziel ist Ponta de Sagres. Hier soll angeblich Heinrich der Seefahrer vor ca. 500 Jahren seine Schifffahrtsakademie (escola nautica) gegründet und betrieben haben. Wie portugiesische Historiker bereits Anfang des vorigen Jahrhunderts bewiesen, handelt es sich dabei aber um eine Legende. Die Ausbildung der Seefahrer fand im Wesentlichen in Lissabon und in Lagos statt. Es gibt eine Ausgrabung (siehe Foto), die von manchen als Kompassrose interpretiert wird. Andere wiederum halten es für eine Sonnenuhr. Auf jeden Fall reichlich Stoff für Legenden. Von dem Hochplateau aus hat man einen fantastischen Blick auf den Atlantik und kann bei guter Sicht bis zum Ponta da Piedade sehen, immerhin fast 30 km entfernt. Natürlich fahren wir auch noch die wenigen Kilometer zum Cabo de Sao Vicente. Hier steht der Leuchtturm, der in Europa als der mit der größten Nenntragweite gilt (rund 90 km). Das Verkehrstrennungsgebiet für die Schifffahrt befindet sich ca. 15 sm vom Felsen entfernt und ist ca. 20 sm breit. Für die Sportschifffahrt hat es soweit kaum Bedeutung, wenn man von Nordeuropa kommend an die Algarve oder nach Gibraltar will. Richtet man seinen Kurs allerdings zu den Azoren oder kommt von dort, muss man das Verkehrstrennungsgebiet vorschriftsmäßig (im 90° Winkel) kreuzen.



escola nautica

"escola nautica" (umstritten) auf dem Hochplateau Ponta de Sagres



angler

Angler im Felsen



sao vicente

Lf Sao Vicente



Einen Tag später fahren wir an die Westküste in Richtung Carrapateira. Hier gibt es lange Sandstrände, eingerahmt von wildem Felsgestein, mit angenehm wenigen Menschen. Im Sommer ein Paradies für Brandungssurfer. Der Strand wird von kleinen Bächen durchzogen, die bei Niedrigwasser bizarre Muster in den Sand malen.

Auf einer Schotterpiste kann man eine Weile, hoch oben, an der Küste entlangfahren. Zwischendurch gönnen wir uns kurze Stopps, um die atemberaubende Aussicht zu genießen. Auf dem Rückweg nehmen wir unseren obligatorischen Cappuccino in einem kleinen Restaurant mit dem Namen "Hänsel und Gretel". Nicht gerade portugiesisch; der Betreiber schien Holländer zu sein.



westküste

An der Westküste



wasserspiele

Wasserspiele am Strand



felsenküste

Raue Felsküste



Natürlich wollen wir auch nach Faro in die Altstadt. Auf dem Weg dorthin sollen meine beiden deutschen Alugasflaschen gefüllt werden. Vor drei Jahren ging das - jetzt finden wir den Gashändler leider nicht wieder, vielleicht gibt es ihn auch nicht mehr. Schweren Herzens trenne ich mich von diesen Flaschen, denn ich will sie nicht weitere Jahre leer mit mir herumfahren.

In Faro besteigen wir den Turm der Catedral de Faro aus dem 14. Jahrhundert. Wir können weit über die Lagune von Faro schauen und auf den hübschen Platz vor der Kathedrale, der mit Pomeranzenbäumen gesäumt ist. Pomeranzen (auch Bitterorange) sind eine Kreuzung aus Pampelmuse und Mandarine. Sie sollen aus China ihren Weg nach Europa gefunden haben. In den Orten der Algarve findet man die Bäume recht häufig im Ortsbild. Ich vermute, sie sind von den Mauren hier eingeschleppt worden, als die hier noch das Sagen hatten.



faro

Faro Altstadt



pomeranzen

Pomeranzen



catedral

Catedral de Faro



störche

Störche sind an der Algarve allgegenwärtig


störche



Unterbrochen werden unsere Sightseeingtouren immer wieder durch Bastelarbeiten an Bord.

Als letztes Ausflugsziel besuchen wir auf Anraten von Andreas, mit dem ich von Mallorca nach Sizilien segeln will, den kleinen Ort Feragudo. Feragudo liegt sehr malerisch an der Ostseite des Rio Arade, ca. 20 km von Lagos entfernt. Auf der anderen Seite des Rio liegt Portimao. Während Feragudo seine alte, malerische Bebauung erhalten hat, grüßt Portimao mit moderner Bebauung hinüber, die an Großsiedlungen in Deutschland erinnern. Hier kommen wir leider nur zu netten Fotos und einem Cappuccino in einem Cafe. Die erhofften Sardinen vom Holzkohlegrill können wir nicht genießen. Bei den wenigen Touristen, die in dieser Jahreszeit hier sind, werden die Grills am Hafen nicht angeheizt.



feragudo

Feragudo am Rio Arade



mandelblüte

18. Januar 2011 Mandelblüte in Feragudo



feragudo-portimao

Hübsches Feragudo vs. Modernes Portimao



Nach knapp zwei Wochen ist die Zeit für Klaus an Bord vorbei. Der kleine Wermutstropfen der bei dem Gedanken entsteht, aus der Sonne in die Kälte, wird dadurch gemildert, dass Klaus sich entscheidet, im April wieder herzukommen. Wir wollen dann gemeinsam von Lagos in die Bucht von Cadiz segeln.

Bereits bevor Klaus an Bord kam, hatte ich eine weitere Leidenschaft von mir neu entdeckt. Die Fotografiererei. Angeregt durch tolle Profifotos fragte ich mich, was können die, was ich nicht kann. Auf der Suche nach Antworten stieß ich erstmal auf technische Fragen in Richtung Kameras, als nächstes auf die erforderliche Nachbearbeitung am Computer. Klaus brachte aus Düsseldorf einige Bücher von Holger zu diesem Thema mit, die mir schnell verdeutlichten, welch schrecklich dumme Sachen ich bisher mit meinen Fotos angestellt hatte. Ich gelobe Besserung in Richtung Fotoqualität, auch wenn mir zurzeit der Kopf raucht vor neuen Begriffen wie RAW-, Tif- und jpg-Format, Gradiationskurve, Tonwertkorrektur, unscharf maskieren und tausend andere Begriffe. Fühle mich wie im ersten Lehrjahr und bin es ja wohl auch.


IMPRESSIONEN AUS LAGOS



grünes haus

Das grüne Haus



blasinstrument

Blasinstrumente verboten



tür



river

Auf dem River



Noch ein paar Worte zu der Yachtiegemeinde hier in Lagos. Bereits letzten Winter stellte ich fest, viele Liegeplätze in der Marina sind frei. Die Situation hat sich weiter verschärft. Auch unter den Seglern, die auf ihren Booten leben, gibt es kaum noch nennenswerte Kommunikation. Mit meinem schottischen Nachbarn an Backbord habe ich ab und zu einen kleinen Plausch, meistens sehe ich ihn aber in seinem Deckshaus vor dem Computer sitzen. Meinen Nachbarn an Steuerbord sehe ich den ganzen Winter überhaupt nicht. In drei Jahren ist hier eine völlig neue Situation entstanden. Ich bin gespannt, ob es im Mittelmeer auch dieses Phänomen zu beobachten gibt. In Griechenland sind zurzeit die Liegeplatzkosten fast um die Hälfte billiger als in Lagos. Vielleicht sind aus diesem Grunde von dort nicht so viele Segler geflüchtet.

Dann habe ich noch eine Begegnung der besonderen Art. Im letzten April brachte mich ein amerikanisches Ehepaar, Cathy und Jim, mit dem Auto zum Airport nach Faro. Sie wollten zu Beginn der Saison 2010 mit ihrem Katamaran ins Mittelmeer, also so gut wie keine Chance auf ein Wiedersehen. Auf dem Weg zur Dusche steht plötzlich Cathy vor mir. Auf meine verdutzte Frage, ob sie wieder zurück in Lagos seien, erzählt sie mir folgende Geschichte: Jim habe den Katamaran verkauft und sei mit dem Geld und ohne sie zurück nach Amerika. Sie dagegen sei erstmal zu ihrer Mutter nach Dublin gezogen. Männer ! Ihr trockener Kommentar dazu: "That's life".



Anfang März fliege ich für gut zwei Wochen nach Berlin. Wenn ich zurück bin, kommt die Santa Maria für ein paar Tage aus dem Wasser, um für die Saison aufgehübscht zu werden. Danach soll es endlich wieder mit der Seefahrt weitergehen.



© Rüdiger Kreutschmann


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