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Winter 2009/2010 in Lagos

Neunzehnter Brief

Nach der doch viel zu kurzen Rundreise um den Nordatlantik und dem anschließenden Überwintern in Lagos soll es jetzt wieder los gehen.

Zuerst ein kurzes Fazit der vergangenen sechs Monate. Anders als im Winter 2007/2008 war es diesen Winter in Lagos verhältnismäßig ruhig. Nicht zuletzt wegen der allgemeinen wirtschaftlichen Situation waren die Liegeplätze in der Marina de Lagos diesmal zu einem erheblichen Anteil nicht belegt. Auch die grölenden Engländer aus den umliegenden Hotels waren diesmal nicht so zahlreich. Als Folge war in den Bars rund um den Hafen wenig los. Diese Situation wurde noch begünstigt durch eine Regenzeit, die einfach nicht enden wollte. Mich hat das alles wenig gestört, weil ich mich in die Erstellung der Webseite www.segelyacht-santa-maria.de verbissen hatte. Einerseits hat es viel Kraft, Zeit und Nerven gekostet, andererseits konnte ich meinem Kreativitätsaffen so richtig Zucker geben. Ich hoffe, die Betrachter und Leser haben annähernd soviel Spaß daran wie ich.


Als die Sonne ab Ende Januar wieder höher steht, beginne ich mit den Plänen für dieses Jahr. Zur Auswahl stehen fünf Varianten. Zuerst muss ich mich entscheiden, ob ich noch ein weiteres Jahr am Atlantik verbleibe, oder ob ich nunmehr den alten Plan "Mittelmeer" ausgrabe.


Meine Vorstellung, das Jahr im westlichen Mittelmeer zu verbringen und den nächsten Winter auf Malta, ist ziemlich schnell geplatzt. Malta stellte ich mir als ideale Basis für eine Weiterreise nach Griechenland vor. Außerdem gibt es von dort gute Flugverbindungen nach Deutschland und das Wetter im Winter ist vergleichbar mit dem an der Algarve. Leider teilte mir der dortige Marinamanager auf Anfrage mit, die Liegeplätze seien voraussichtlich alle belegt.


Der nächste Versuch ist der "port yasmine hammamet" in Tunesien. Sie wollen mir einen Platz reservieren, ich solle aber erst einmal 600 € überweisen. Für den Fall, dass ich dann doch nicht komme, sind die Euros nicht rückzahlbar. Das bindet mich natürlich für eine recht lange Zeit. Was ist, wenn ich es mir im Laufe von acht Monaten anders überlege? Sollte ich mich doch noch für diese Variante entscheiden, werde ich lieber auf gut Glück dorthin segeln. Ich habe nicht den Eindruck die Marina sei überlaufen.

Dann die Frage, warum nicht gleich bis nach Griechenland segeln? Vertiefe mich in den Greek Waters Pilot und finde auf Kreta eine Marina, die meine Vorstellungen für eine Überwinterung ziemlich perfekt erfüllt. Die Voraussetzungen sind guter Marinastandard (Blue Flag - the international symbol of quality), Anbindung der Marina an einen Ort, WiFi im Hafen und in der Nähe einen Flughafen mit Anbindung an Deutschland. Die Marina of Aghios Nicolaos im Nordosten Kretas erfüllt all diese Voraussetzungen.

Eine Alternative zum Mittelmeer ist der Verbleib am Atlantik für ein weiteres Jahr. Marocco wäre ein mögliches Törnziel. Die Reise würde an der afrikanischen Küste entlang bis nach Agadir gehen und danach wieder nach Norden. Entscheide mich letztlich dagegen, weil die Reisemöglichkeiten für einen Zeitraum von sechs Monaten doch zu gering sind.

Dann wäre da noch die Idee, erneut zu den Azoren zu segeln und sich diesmal etwas mehr Zeit zu nehmen.

Die Entscheidung fällt doch schneller als ich dachte. Die Marina of Aghios Nicolaos will mir einen Platz für den kommenden Winter reservieren. Sie wollen zwar auch eine Anzahlung haben, die ist aber mit 100 € moderat und ich sage zu. Vier Wochen nach meiner Zusage meldet sich die Marina auf Malta erneut. Nun könnten sie mir einen Platz anbieten - zu spät.



Ebenfalls Ende Januar beginne ich mit den Arbeiten an der Santa Maria. Einige Lackierarbeiten stehen an, die Halterung fürs Dingi an den Davits will ich von Draht auf Leine umbauen, ein Segel muss zum Segelmacher, na ja, und die eine oder andere Kleinigkeit, die man schon vergessen hat, sobald sie erledigt ist.

Beim lackieren der Niedergangstreppe entrinne ich knapp dem Tod, oder doch wenigstens der irreparablen Körperbehinderung. Ich habe die Treppe ausgebaut und zum Lackieren ins Cockpit gestellt. Bei mindestens 7 Anstrichen will ich nicht dauernd über ein Schild "frisch gestrichen" stolpern. Das aber wird mir nach dem dritten Anstrich zum Verhängnis. Verträumt will ich noch schnell das Holz am Vorluk streichen, denke natürlich überhaupt nicht an die fehlende Treppe, in der einen Hand eine geöffnete, halbvolle Lackdose, in der anderen Hand den Lackierpinsel, gehe ich in den freien Flug über. Erkenntnisgewinn: der Mensch kann zwar fliegen, aber nicht ordentlich landen. Weitere Flugstunden habe ich daher erst einmal abgesagt. Die Sauerei ist beträchtlich. Reichlich Lack im Teppich, am Shirt, im Bart, an der Armbanduhr und zu allem Überfluss eine schmerzende Abschürfung am linken Schienbein. Dass ich mir selbst nicht mehr getan habe verdanke ich mal wieder meinen Schutzengeln; sie sind wohl doch nicht im Winterschlaf.


Ende März läuft meine Mietzeit hier in der Marina aus. Am 31. März wird die Santa Maria aus dem Wasser genommen, um die üblichen Polierarbeiten und einen neuen Unterwasseranstrich zu erledigen. Danach heißt es wieder "arise, arise ".


Soweit meine Vorstellungen für dieses Jahr, die jäh unterbrochen werden durch eine ernsthafte gesundheitliche Beeinträchtigung. Ich will hier nicht meine Krankengeschichte auswälzen, aber eins ist doch erwähnenswert.

Am 22. März bekomme ich einen Herzinfarkt und werde mit der Ambulance nach Faro ins Hospital gefahren. Dort beginnt man unverzüglich mit der Operation. Eine Woche verbringe ich im dortigen Krankenhaus und entrinne nur knapp dem Hungertod. Es liegt an dem grässlichen Essen. Zweimal täglich gibt es immer die gleiche "Suppe", die man sich folgendermaßen vorstellen muss: Grundlage ist eine Flüssigkeit, die entsteht, wenn man mit dem Abwasch fertig ist und das schwindende Geschirrspülmittel den Blick freigibt auf ein Grau, das gesprenkelt ist von kleinsten Fettäuglein. Eingelagert in dieses Grau gibt es leuchtend gelbe Farbtupfer, die mit Wohlwollen mit einem Rapsfeld verglichen werden können. Weniger wohlwollende Zeitgenossen werden eher erinnert an eine Wunde, die etwas aus dem Ruder läuft. Gekrönt wird die "Suppe" von kleinen dunkelgrünen Gemüsestreifen, die vielleicht von dem Teil Lauch stammen, den der gewöhnliche Koch nicht zur Zubereitung von Speisen nutzt. Da ich diese Flüssigkeit einmal probiert habe, kann ich versichern, dass sie absolut frei von jeglichen Gewürzen ist. Das übrige Essensangebot ist ebenfalls gekennzeichnet von Kontinuität (von 7 Tagen gibt es an 6 Tage den gleichen Fisch) und von totaler Geschmacklosigkeit.


Nach sieben Tagen kann ich zurück auf die Santa Maria, darf aber noch nicht nach Deutschland fliegen. In dieser Zeit kümmern sich Ricarda und Manfred um mich. Sie kaufen für mich ein, Manfred holt mich zum Duschen ab und auch ansonsten haben sie ein wachsames Auge auf mich. An dieser Stelle nochmals ein herzliches Dankeschön.

Ende der ersten Aprilwoche kann ich endlich nach Deutschland fliegen. Dort geht es mit der ärztlichen Behandlung weiter. Die Saison 2010 ist damit für uns gelaufen. Frühestens 2011 kann ich meine Pläne erneut in Angriff nehmen. Die Santa Maria steht hoch und trocken bei Sopromar an Land und ich hoffe, dass ich sie evtl. im September wieder ins Wasser setzen lassen kann.


Durch die letzten Ereignisse ist dies natürlich nur ein unvollständiger Bericht. Es existieren zum Beispiel keine Fotos. Im Winter lernte ich in Lagos allerdings Michael kennen. Michael ist Fotograf und lebt seit etlichen Jahren hier in Lagos. Er hat hervorragende Delphinfotos an der Algarve geschossen und mir die Erlaubnis erteilt, diese für meine Homepage zu verwenden. Schwierig war, eine Auswahl zu treffen, weil eigentlich alle Bilder es wert wären, veröffentlicht zu werden. Ausdrücklich möchte ich auf das Copyright verweisen, das bei Michael liegt (© admin@delta-photo.de).



© Rüdiger Kreutschmann

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