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Juni/Juli 2009 - Nova Scotia (Kanada)

Siebzehnter Brief


Mein erster kanadischer Hafen ist Yarmouth. Eine kleine 8.000 Seelen Gemeinde, die im Südwesten von Nova Scotia liegt. Sie haben Hafenanlagen, aber nach meinen spärlichen Unterlagen sind sie nicht auf Yachten eingerichtet. Umso größer ist die Überraschung, als ich einen kleinen Steg entdecke, Killam's Wharf, an den ungefähr 4 - 6 Yachten passen. Auf dem Kopfsteg steht bereits Dockmaster Paul und weist mich ein. Nach dem Festmachen ein kleiner Plausch. Paul ist der Spaßvogel in persona. Kaum etwas ist vor ihm sicher. Die Amerikaner werden veralbert, über das schreckliche Wetter macht er seine liebevollen Späße, und so geht es eine Weile. Um die Augen herum hat er 3.000 Lachfältchen. Dann ruft er für mich bei Custom an. Es erscheinen zwei gestrenge Herren, welche die Einklarierung sehr penibel vornehmen. Nach einer Weile tauen sie aber auf und ich muss über meine bisherige Reise berichten. Sie geben mir noch allerlei Tipps und verabschieden sich dann, freundlich.

Mein erster Weg an Land führt mich ins Touristenbüro. Dort unterhalte ich mich eine dreiviertel Stunde mit einer netten Kanadierin. Sie schleppt massenhaft Infomaterial heran. Danach der erste Gang durch den Ort. Nicht spektakulär, aber nett. Wie halt so ein kleiner Fischerort in der neuen Welt ist. Alles sehr praktisch, alles dem meist rauen Klima hier angepasst. Obwohl die Wetterbedingungen hundsmiserabel sind, fühle ich mich recht wohl hier. Very kindly people. Es gibt hier ein paar kleine Museen und Art Galleries, die ich besuchen werde.

stempel

Zurück an Bord lasse ich erst einmal das frisch in Stonington gebunkerte Wasser ab. Es war dermaßen mit Chlor versetzt, dass ich meinen Tee nicht trinken mochte. Alle hier beteuern, das Nova Scotia Wasser sei exzellent. Hoffen wir das Beste. Heute Abend werde ich meine Ankunft in Kanada mit einem gehörigen Schluck Cola/Rum feiern. Dazu benötige ich erst einmal kein Wasser. Nachdem 550 Liter im Tank sind, bin ich dann doch neugierig genug. Probiere das Wasser und bin zufrieden. Kein Vergleich mit dem Schwimmbadwasser der Vereinigten Staaten. Nun fragt sich der kritische Leser, hat er das jetzt erst, kurz nachdem er die Vereinigten Staaten verließ, gemerkt. Des Rätsels Lösung ist, ich habe für meinen Tee immer Wasser aus dem Supermarkt genommen.

Von meinem Interessenten aus der Schweiz gibt es auch Neues. David hat sich entschieden, die Strecke Halifax bis nach Ponta Delgarda auf den Azoren mitzusegeln. Somit sind zwei Schweizer, David und Johannes, an Bord. Alle wissen ja, seit dem Sieg der Schweizer Yacht "Allinghi" beim Americas Cup gehört die Schweiz zu den großen Seefahrtnationen. Davids Entscheidung passt ausgezeichnet, denn auf den Azoren will Eddi zu uns stoßen, und wir sind dann wieder zu dritt. David schreibt, er habe noch keine Seesegelerfahrung. Na, ihm werden schon Seebeine wachsen.



Yarmouth

Santa Maria und Julia IV in Yarmouth



julia IV

Jean-François et Dominique aus Montreal



Außer der Santa Maria liegt hier noch die Julia IV aus Montreal, mit Dominique und Jean-François an Bord. Jean-François ist um regen Kontakt bemüht. Seine Frau spricht leider kein Englisch. Mit ihm bespreche ich unter anderem meinen Weg nach Halifax. Es ist ein Weg von annähernd 210 sm, den ich mir in vier Etappen einteile. Nach seinem Rat sollte ich Shelburne, Brooklyn und Lunenburg anlaufen. Besonders Lunenburg legt er mir ans Herz. Lunenburg wurde 1753 von Siedlern gegründet, die überwiegend aus Deutschland, der Schweiz und aus Frankreich kamen. Der Name geht auf König Georg II von England zurück, der unter anderem auch Kurfürst von Braunschweig-Lüneburg war. Die idyllische Altstadt von Lunenburg mit seiner Holzarchitektur gehört seit 1995 zum UNESCO-Weltkulturerbe.

Bereits in Portugal und Spanien wollte ich neuen Teppichboden für die Santa Maria kaufen. Leider war die Suche nach einem entsprechenden Laden nicht erfolgreich. Hier in dem kalten und feuchten Klima kriege ich den Teppichboden nicht mehr trocken. Er hat einiges an Salzwasser abbekommen und das Salz ist nicht mehr aus dem Teppich zu entfernen. Schildere Dockmaster Paul mein Problem, das für ihn keins ist. Er fährt mich mit seinem Auto zu einem carpet store und ich kann endlich einen Neuen erwerben. Zurück an Bord, besorgt Paul auch noch einen amerikanischen Heizlüfter, den ich, nachdem ich den alten Teppichboden entferne und den Bootsboden mit Süßwasser abwasche, einen ganzen Tag ans Netz hänge. Nachdem ich anderentags die Neuerwerbung verlegt habe, besorgt Paul auch noch einen Staubsauger. Der Mann ist so freundlich und hilfsbereit, dass ich mir ein schönes Abschiedsgeschenk für ihn ausdenke.

Gehe abends mit Dominique und Jean-François zum Dinner. Ganz in der Nähe gibt's ein nettes Restaurant, in dem wir neben anderem "Scallops" essen. Scallops sind Jakobsmuscheln. Die Jakobsmuschel besitzt einen zentralen Schließmuskel. Da sie sich schwimmend durch öffnen und schließen ihrer beiden Schalen fortbewegt, ist der Schließmuskel besonders stark ausgeprägt. Der zylinderförmige weiße Muskel ist bei der Zubereitung der Muschel das einzige, was Verwendung findet - außer dem orangeroten Rogen. Das Essen ist hervorragend, es bedient uns Steve, ein Student. Wir haben unglaublichen Spaß miteinander und beziehen auch immer wieder Steve mit ein, der bereitwillig mitmacht. Nach einigen Bier, das hier selbst gebraut wird, spricht selbst Dominique Englisch.

Nach einer Woche Yarmouth muss es weitergehen. Die Tide ist für mich nicht besonders günstig. Hochwasser ist morgens um 02.00 Uhr. Um kurz nach 08.00 Uhr ist Niedrigwasser, danach läuft das Wasser wieder auf. Um nicht den halben Tag gegen die Tidenströmung fahren zu müssen, die hier ziemlich kräftig ist, will ich bereits um 05.00 Uhr auslaufen. Bis zum Kentern der Tide habe ich dann ungefähr 20 sm geschafft. Eine weitere Schwierigkeit hier an der Küste ist der Nebel. Das bedeutet wieder Totaleinsatz aller verfügbaren Technik an Bord.



wetter in nsc

Typisches Wetter in Nova Scotia wie ich es erlebt habe



Tatsächlich muss ich fast den ganzen Tag im Nebel herumstochern. Erst am Nachmittag, als ich in der weiten Bucht von Shelburne vor Anker gehe, habe ich etwas bessere Sicht. Am nächsten Morgen geht es weiter, nicht nach Brooklyn, sondern eine Bucht vorher in den Port Mouton. Nur nach Nordosten ist diese Bucht offen. Wie ich meinte, sehr geschützt. Was bekomme ich stattdessen in der Nacht? Nordostwind. Am Morgen steht beträchtlicher Schwell in die Bucht, so dass ich nicht am Ankerplatz verweilen will. Wieder durch Nebel, Wind von vorn und kurze steile Wellen geht's weiter nach Lunenburg. Hier allerdings eine sehr geschützte Bucht, in der ich vor der malerischen Kulisse des Ortes an eine Muringboje gehe.



Lunenburg's Wasserfront

Lunenburg 1



<Lunenburg 2



Fisheries Museum of the Atlantic

museum



Erst einmal ist es nebelig und unheimlich feucht. Entweder regnet es dazu oder es ist drizzle - leichter Niederschlag, der im nu bis auf die Haut geht. Die Temperatur ist auch nicht so, dass ich in kurzen Hosen rumlaufen mag. Den ersten Tag verkrieche ich mich im Boot. Am zweiten Tag kann ich mich endlich dazu aufraffen, das Dingi ins Wasser zu lassen. Es wird später Vormittag, bevor Nebel und Drizzle sich auflösen, und ich endlich Lunenburg kennen lernen kann. Mit dem Dingi lege ich direkt vor der "Bluenose II" an. Die "Bluenose" ist für die Kanadier und insbesondere für die Menschen in Nova Scotia ein Nationalheiligtum. Die ursprüngliche "Bluenose" wurde 1921 zu Wasser gelassen. Sie wurde für die Fischerei bei Neufundland, auf den Grand Banks, gebaut. Es stellte sich heraus, dass sie ungeheuer schnell war und bei Regatten alles gewann, was zu gewinnen war. Seit Januar 1937 würdigt die Bank of Canada die Leistungen des Schiffes mit der Herausgabe der 10 Cent Münze, auf deren Rückseite die "Bluenose" unter vollen Segeln abgebildet ist. Welche Yacht kann eine solche Ehre sonst noch auf der Welt für sich verzeichnen? 1938 wurde das letzte Internationale Schoner Rennen auf dem Nordatlantik gesegelt. Mit Ausbruch des zweiten Weltkriegs war auch die Zeit der Fischerei im Nordatlantik unter Segeln vorbei. 1942 wurde das stolze Schiff in die Karibik verkauft, wo es ohne Masten - ein Motor war bereits 1936 eingebaut worden - zum Transport von Rum und Zucker eingesetzt wurde. Eine Begegnung mit einem deutsche U-Boot ist überliefert, wobei der deutsche Kapitän gesagt haben soll "You are Bluenose out of Havanna bound for Port Everglades, if I didn' t love that boat, I'd shell you right now". Noch einmal davon gekommen. Aber das Glück war nicht mit dem Schoner. 1946 lief es nahe Haiti auf ein Korallenriff und sank. Die Mannschaft überlebte. Viele Kanadier empfanden dies als eine nationale Tragödie. Aber in der Nachkriegszeit war das Überleben wichtiger als der Traum von einem Neubau der "Bluenose". Erst am 24. Juli 1963 hatte die "Bluenose II" ihren Stapellauf. Sie fährt heute nicht mehr in der Fischerei, auch die Zeit der Schonerregatten kommt nicht zurück. Sie dient aber, als nationales Denkmal, dem Tourismus in Lunenburg, und ist in der Lage, sich selbst zu unterhalten.



bluenose II

Bluenose II



bluenose und sm

Bluenose II im Schatten der Santa Maria

smilie



Dann der Ort. Die Häuser bestehen fast ausschließlich aus Holz. Sie sind hübsch angestrichen und wirken gepflegt. Es gibt reichlich Kirchen hier. Die Katholiken, die Presbyterianer und weitere Kirchengemeinden haben hier ihre Gotteshäuser errichtet. In einer Kirche entdecke ich eine alte Flagge mit der Anfangszeile eines deutschen Kirchenliedes, "Ein feste Burg ist unser Gott ... ". Auf meine Nachfrage, ob es denn hier eine deutsche Gemeinde gäbe und ob die deutsche Sprache gepflegt würde, werde ich enttäuscht. Verschiedene Einwohner, die ich darauf anspreche, sind sich bewusst, dass es hier sehr viele Bewohner mit deutschen Wurzeln gibt; das ist aber auch alles. Nach dem Stadtrundgang besuche ich das eindrucksvolle Fischereimuseum. Sehr detailliert wird die schwere Arbeit des Fischers dokumentiert. In verschiedenen Aquarien kann man Atlantikfische, die Scallops und Lobster betrachten. Ein ausrangierter Fischkutter, der 20 Jahre lang auf den Grand Banks seine Arbeit verrichtet hat, steht zur Anschauung bereit. Der ehemalige Kapitän des Schiffes sitzt zur Beantwortung diverser Fragen im Ruderhaus und freut sich über das Interesse der Touristen.



lunenburg



Als ich zurück zum Dingi komme mache ich eine kuriose Bekanntschaft. Im Hafen liegt ein Schoner aus Flensburg. Ich konnte beobachten, dass eine Crew die Yacht zu einer Muringboje verbracht hat. Sie sprachen allerdings nicht deutsch, sondern englisch untereinander. Einige Mitglieder der Crew stehen nun auf dem Dingisteg. Ich spreche eine junge Frau in Englisch an und frage, ob sie von der deutschen Yacht komme. Sie bejaht und fragt mich, ob ich deutsch spreche. Nun stellt sich heraus, sie ist gar nicht von der Yacht aus Flensburg, sondern ist mit ihren Eltern auf einer anderen Yacht im Hafen, die allerdings keine Flagge zeigt. Sie erzählt mir, ihr Vater sei Franzose und die Mutter Deutsche. Sie haben einige Jahre hier in Nova Scotia gelebt und sind jetzt auf dem Weg nach Europa. Wir palavern noch ein bisschen hin und her, dann heißt es "good bye".

Einige Tage später besuche ich in der anglikanischen Kirche das Konzert einer deutschen Militärkapelle. Sie sind zu einem großen Tatoo in Halifax und geben nun hier in Lunenburg ein hörenswertes Konzert. Der Dirigent führt mit launigen Worten durch das Programm, was von den Kanadiern mit Begeisterung aufgenommen wird. Die Kirche ist ziemlich gefüllt, dabei stelle ich fest, es gibt hier auch einen kanadisch-deutschen Kulturverein.



salomon house

Salomon House von 1775 - eines der ältesten erhaltenen Häuser in Lunenburg -



Nach einer Woche in Lunenburg heißt es Abschied nehmen von dieser zauberhaften Kleinstadt. Ein bisschen fühle ich mich hier wie in eine andere Zeit versetzt. An den Kais liegen alte Segelschiffe, ein Bootsbaubetrieb der nach alten Rissen Boote baut, die freundlichen Menschen, ich werde die Atmosphäre Lunenburgs vermissen. Mit dem ersten Hahnenschrei (kein Quatsch) mache ich die Muringleine los. Das Wetter ist wie immer hier - etwas Regen, schlechte Sicht, dann etwas Aufheiterung, etwas Wind zum segeln, meinem Ziel auf dieser Seite des Atlantiks entgegen - Halifax.

Am Nachmittag erreiche ich das Verkehrstrennungsgebiet vor der Hauptstadt von Nova Scotia und steuere in den Halifax Harbour. In Dartmouth, gegenüber der Waterfront von Halifax will ich nach einem Liegeplatz fragen. Die von mir ausgeguckte Marina erweist sich als völlig ungeeignet, so dass ich meinen ersten Plan ausgrabe und in den Northwest Arm fahre. Am Ende dieses Seitenarms liegt in idyllischer Umgebung der Armdale Yacht Club. Hier bekomme ich für die nächsten zweieinhalb Wochen einen Platz an einer Muringboje für 25 CAD pro Tag.



armdale



northwest arm

Santa Maria im Armdale Yacht Club im Northwest Arm von Halifax



Bitte klicken für Satellitenkarte des Armdale Yacht Club im Northwest Arm von Halifax -Google Maps-


Kartenansicht

Als erstes muss ich ein dringendes Problem lösen. Ich habe noch dreieinhalb Kilo Propangas, was auf keinen Fall für die Rückreise nach Europa ausreicht. Meine ersten Befragungen, ob meine deutschen Flaschen hier gefüllt werden können, erweisen sich als Illusion. Hier gibt es nur das amerikanische System, welches nicht metrisch ist. Der nächste Angriff, welche Firma kann meine Anlage umbauen, so dass ich kanadische Flaschen anschließen kann? Ich fahre mit dem Taxi kreuz und quer durch die Stadt und Umgebung und klappere die Adressen ab, die man mir genannt hat. Alles ergebnislos. Als ich wieder hilfesuchend auf dem Yachtclubgelände herumlungere komme ich ins Gespräch mit einem ehemaligen Dockmaster des Clubs. Er hat gleich einen Mann an der Hand, der aber abwinkt. Er habe zuviel zu tun. Dann fährt der freundliche Kanadier mich mit seinem Auto zu einem anderen Club, wo wir auf einen weiteren Mechaniker treffen. Der winkt auch ab, geht nicht, kann ich nicht, außerdem habe ich anderes zu tun. Wir fahren zurück nach Armdale und nun verweist mich der freundliche Zeitgenosse an einen Mr. Parker. Der könne auf jeden Fall helfen. Er lebe hier mit seinem Hund auf seinem Boot und fahre ein blaues Auto. Eigentlich ist er immer da, nur jetzt nicht. Also warten. Als ich mich gerade entschieden habe, doch mit dem Bus erst einmal zu einer shopping mall zu fahren, kreuzt ein blaues Auto auf. Auf dem Beifahrersitz ein großer schwarzer Hund. Das muss er sein. Gehe zurückhaltend und höflich auf das Auto zu und frage. Ja, er sei Parker. Ich schildere ihm mein Problem und er lächelt verschmitzt. Da sei mal so ein Norweger im Hafen gewesen, der hatte das gleiche Problem, dem habe er geholfen. Er komme morgen früh um 09.00 Uhr zu mir an Bord und sehe sich die Sache an.

Pünktlich um 09.00 Uhr erscheint er mit seinem Dingi. Im Dingi sieht es wie Kraut und Rüben aus. Hoffentlich arbeitet er nicht auch so. Meine Sorge ist aber unbegründet. Mit Akribie macht er sich an die Arbeit. Einige Male fährt er hin und her, um Wichtiges zu besorgen. Er ist etwas unorganisiert, macht aber die Arbeit letztlich ordentlich.

Zum Schluss fahren wir mit seinem Auto zu einer Gasfüllstation, um zwei Flaschen zu erwerben. In seinem Auto sieht es auch schrecklich aus. Ich weiß gar nicht, wo ich meine Beine lassen soll. Er meint dann sarkastisch, ja, ja, er sei ein Sammler.

Das Gasproblem ist gelöst, jetzt kann ich Halifax erkunden. In den nächsten zwei Wochen ist hier allerhand los, ein Jazzfestival, ein Tall Ships Meeting und Paul McCartney ist für ein Konzert in der Stadt. Ob ich dafür eine Karte bekomme?



warten auf mccartney

Warten auf Paul McCartney



paul

Da ist er



Ich habe ein Ticket! Es ist ein open air Konzert. Glücklicherweise haben wir kein typisches Nova Scotia Wetter sondern strahlenden Sonnenschein. Die Tore sollen um 15.00 Uhr geöffnet werden, die Vorbands um 17.00 Uhr beginnen und der Star des Abends ungefähr um 18.00 Uhr erscheinen. Es kommt aber alles ganz anders. Kurz nach 15.00 Uhr stehe ich mit tausenden anderen Fans vor dem geschlossenen Gate. Es wird fast 16.00 Uhr, bevor man uns hineinlässt. Ich habe eine Karte, mit der ich bis auf 30 Meter an die Bühne herankomme. Es wird immer voller, es wird immer enger. Dann die ersten Interpreten. Eine junge Fiddler (-in), die von den Besuchern mit Begeisterung gefeiert wird. Fiddling ist hier, obwohl traditionelles Instrument, aktuell wie eh und je. Darauf folgt eine Heavy Metal Band, die von den meist etwas reiferen Zuhörern mit höflichem Applaus bedacht wird. Zwei weitere Bands heizen die Stimmung weiter an, bevor um 21.00 Uhr Paul die Bühne betritt. Er eröffnet mit zwei ziemlich rockigen Stücken. Dann wird's etwas softer, aber es dauert eine ganze Weile, bis solche Stücke wie "Back To The USSR" kommen. Er hat nichts von seiner Anziehungskraft eingebüßt. Zwar fallen keine Teenies in Ohnmacht, aber hinter mir bricht eine junge Frau in Tränen aus und Männer in den 50ern schreien "I love you Paul". Der alte Knabe ist gut in Form. Während seine Band, zwei weitere Gittaristen, ein Keyboarder und ein Drummer, heftig ins schwitzen geraten, ist der gute Paul ganz "Sir". Zwar entledigt er sich seines Jacketts, aber keine Schweißperlen werden von den Kameras eingefangen. Bis nach Mitternacht zieht er sein Programm ohne Pause durch, zeitweilig auch ohne Band. Ganz knapp vor Ende des Konzerts kämpfe ich mich zurück durch die Massen, um noch eine Chance für ein Taxi zu haben. Völlig erschöpft, nach acht Stunden Stehen in der Menge, erreiche ich die Santa Maria und meine Koje.

Zwei Tage später die endgültige Nachricht von Eddi. Er bekommt keinen Urlaub. Das ist herb, aber leider nicht zu ändern. Es wird sicher eine andere Gelegenheit geben, dass er auf der Santa Maria segelt. So werden wir nur zu zweit die letzten 900 sm bis Portugal segeln.

Die Teilnehmer des Tall Ships Festivals trudeln im Laufe des Donnerstag (16.7.2009) ein. Seit 10.00 Uhr treibe ich mich an der Waterfront herum. Die russische "Krusenstern" ist dabei, natürlich die "Bluenose II", die portugiesische "Sagres" ist avisiert und als einzig gemeldetes Schiff aus Deutschland der "Peter von Danzig" vom ASV Kiel. Auch die "Fazisi" treffe ich hier wieder, neben der ich in New York eine Woche lang geankert habe. Zu meiner Überraschung ist dort Bartek an Bord. Insgesamt sollen über 40 Schiffe gemeldet sein. Für europäische Verhältnisse nicht überwältigend; ich erinnere mich an eine "Operation Sail" in Oslo in den 70er Jahren, an der hunderte von Segelschiffen und Yachten teilnahmen. Trotzdem geben die Segler heute dem Hafen hier in Halifax ein besonders Flair. Die Schiffe sind natürlich am Ankunftstag noch nicht fürs Publikum geöffnet. Überall wird an Deck aufgeklart, die Programmhelfer flitzen von Schiff zu Schiff, in manchem Gesicht ist auch Müdigkeit zu entdecken. Da die Schiffe bis Montag im Hafen sind, wird sich sicher noch die eine oder andere Gelegenheit zur Besichtigung ergeben.



Teilnehmer des Tall Ships Atlantic Challenge

tall ship 1



Der "Peter von Danzig"

peter v0n danzig



Die russische Krusenstern, mit den blauen Jungs in den Rahen

Ex "Padua", der einzige Flying-P-Liner der Reederei Laeisz, der heute noch auf See im Einsatz ist. Heimathafen: Kaliningrad

krusenstern



krusenstern



Was ist mir an Nova Scotia besonders aufgefallen? Die Menschen! Sie sind unglaublich freundlich, sie sind sehr hilfsbereit, sie sind nationalstolz, aber nicht so sehr als Kanadier sondern mehr auf die Region Nova Scotia bezogen. Dieser Stolz und die Liebe zu ihrem Land drücken sich auch vielfältig in der traditionellen Musik aus. Sie wird nicht nur in abgeschlossenen Zirkeln oder Vereinen gepflegt; ich habe vielmehr den Eindruck, dass diese Musik, auch bei jungen Leuten, zur Alltagskultur gehört. Dann etwas sehr Auffälliges: nicht nur Paul in Yarmouth, sondern immer wieder traf und treffe ich auf Menschen, die einen ausgeprägten Sinn für Humor, Spaß und Witz haben. Das ist es, glaube ich, warum ich gerne hier bin.

Neben allen Dingen, die um mich herum passieren, macht sich etwas Aufbruchstimmung breit. Ich räume ein bisschen die einzelnen Stauräume auf und schreibe nochmals eine Proviantliste, in die ich die noch an Bord befindlichen Lebensmittel eintrage. Merke, wie die Spannung langsam zurückkommt. In vier Tagen treffen meine beiden Mitsegler ein. Wir werden einen Tag später groß einkaufen und dann kann die Rückreise nach Europa beginnen. Unseren Kurs werden wir von Halifax aus erst einmal zu der Azoreninsel Faial abstecken. Mit Ost-Südost-Kurs soll es die rund 1.600 sm bis zum Hafen von Horta gehen. Es ist schwer abzuschätzen, wie lange wir für die Strecke benötigen. Abhängig wird es davon sein, ob wir bald den Golfstrom als unseren Verbündeten antreffen, und ob wir den Wind bekommen, den wir laut Monatskarten zu erwarten haben.


© Rüdiger Kreutschmann


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