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April/Mai 2009 - Ostküste USA - Lake Worth bis Portsmouth/Norfolk

Fünfzehnter Brief


Nachdem ich mal wieder in den letzten Stunden vor einer Ausreise Frischeproviant eingekauft habe, geht es los. "Nassau harbour control, Nassau harbour control, this is Santa Maria. I would like to leave the harbour." Das, was der Operator mir antwortet, interpretiere ich als: "Santa Maria, no traffic in the harbour, have a good trip." " Thank you, harbour control, over."

Na, dann kann's ja losgehen. Der Wind ist passend und so kommen Großsegel und Genua II zum Einsatz. Kurs setze ich auf die Great Bahama Bank ab, um von dort zu den Bimini Islands zu segeln. In North Bimini soll sich seinerzeit Hemingway mit seinen Anglerfreunden zum Zechen getroffen haben. Auch einige seiner Liebschaften teilten mit ihm die Vorliebe für Bimini.

Auf der flachen Bahama Bank ist es zu unruhig zum Ankern, also beschließe ich, die Nacht durchzusegeln. Eine zehnminütige Regenböe zwingt mich kurz vor Mitternacht, schnell das Großsegel zu bergen. Da streckt viel Wind drin, ansonsten haben wir frischen Wind um 5 Beauforts. Im ersten Morgengrauen erreiche ich die Bimini Islands. Bin natürlich, wie nach jeder Nachtfahrt die ich allein unternehme, müde zum umfallen und suche mir einen Ankerplatz aus, der den schönen Namen Honeymoon Hbr. trägt. Leider erweist er sich als völlig ungeeignet am heutigen Tag. Die kleinen, ihn umgebenen Inselchen sind viel zu flach, außerdem sind die Räume zwischen den Steinhaufen so groß, dass ungehindert der Schwell von der Bahamabank hineinsteht. Also nix mit ruhigem Ausschlafen.



Tribut an die Seefahrt

Defekter Bugspriet



Erfahrungen der Bahamas, Dingi gehört aufs Vorschiff



Weiter geht's nach North Bimini, wo ein weiterer Hafenplatz lockt. Die neun Seemeilen bis dorthin schaffe ich in eineinhalb Stunden. Nach der Seekarte, die ich von der Insel habe, soll es eine betonnte Rinne in den Hafen geben. Die versprochenen Tonnen kann ich leider nicht ausmachen, stattdessen zeigt das Echolot bedrohliche Werte an. In den flachen Gewässern der Bahamas habe ich mir eine gewisse Gelassenheit bezüglich der Wassertiefen angewöhnt, was ich jetzt hier erlebe lässt meinen Mut sinken. Links und rechts ist es extrem flach. Ohne weitere Anhaltspunkte traue ich mich nicht weiter. Spontan entscheide ich mich gegen Bimini. Dann soll es eben sofort Florida sein.

Ich setze erneut die Segel. Das Lake Worth Inlet, etwas nördlich von Fort Lauderdale gelegen, das mein erstes Ziel in den USA sein soll, liegt weitere 74 sm entfernt. Dazu muss ich die Straits of Florida kreuzen. Hier presst sich der Golfstrom durch, der nach Angaben der Karten mit 2,5 bis 3 Knoten nach Norden fließt. Genau das, was ich jetzt brauche. Das dürfte bis zum Abend zu schaffen sein - nur keine weitere Nachtfahrt in vielbefahrenen Gewässern. Der Nordostwind zeigt weiter eine breite Brust. Die See geht manchmal ziemlich hoch. Santa Maria gibt ihr Bestes und wir schaffen zeitweise neun Knoten über Grund. Kreuzfahrer und Containerfrachter kreuzen unseren Kurs, weitere Segler sehe ich heute nicht. Eine geordnete Essensversorgung gelingt mir bei den Verhältnissen nicht. Merke, die durchgesegelte Nacht steckt mir in den Knochen. Mit dem allerletzten Büchsenlicht schaffen wir tatsächlich die Einfahrt nach Lake Worth. Die Ankerplatzsuche verläuft dann schon im Dunkeln. Ein amerikanischer Segler ist mir behilflich und macht mich auf eine ausgelegte Muringboje aufmerksam. Festmachen, kalte Cola trinken, Insulin spritzen, Zähne putzen, dann falle ich todmüde in meine Koje.




Erste Eindrücke bei der Annäherung an Florida





Letztes Büchsenlicht bei der Ankunft - Lake Worth Inlet -



Selten schlafe ich eine ganze Nacht durch, heute Nacht gelingt es mir. Am frühen Morgen erstmal vernünftige Körperpflege; meine Solardusche kommt zum Einsatz. Will schließlich bei der angepeilten Marina nicht unangenehm auffallen. Ganz zu schweigen von einem eventuell bevorstehenden Behördengang. Rufe über UKW die Lake Park Harbour Marina. Der Dockmaster fragt mich doch tatsächlich, ob ich der mit dem gelben Boot sei. Muss mal prüfen, ob die Amerikaner kein Wort für "beige" haben (haben sie, es schreibt und spricht sich genauso wie in Deutschland). Dann steht er schon auf dem Steg und erwartet mich. Erst einmal verkauft er mir, bevor ich einen Liegeplatz bekomme, zwanzig Gallonen Diesel. Der Literpreis für umgerechnet 0,46 €. Eingedenk der europäischen Dieselpreise tankt man hier doch gern einmal. Mit wenig Bürokratie bekomme ich einen Liegeplatz. Er versucht auch, bei der zuständigen Behörde (Department of Homeland Security U. S. Custom and Border Protection) telefonisch meine Ankunft zu melden. Leider versteht er die Fragen des Anrufbeantworters der Behörde nicht - soll ja auch bei deutschen Behörden schon mal vorkommen. Nach dem Festmachen stromere ich ein bisschen in der Umgebung herum. Dabei entdecke ich, die Behörde ist ganz in der Nähe, nur heute ist Sonntag, da arbeitet eine ordentliche Behörde nicht. Am nächsten Morgen stellt sich dann heraus, es ist das falsche Gebäude.

Als ich auf den U. S. Virgin Islands ankam hatte ich festgestellt, dass ein amerikanisches Angebot im Supermarkt überwältigend auf mich gewirkt hat. Ganz in der Nähe der Marina entdecke ich einen Markt, der im Angebot noch erheblich besser ist, dazu außerdem gesittete Preise, die zeigen, dass die Karibik einschließlich der Bahamas extrem teuer ist. Hier halte ich einen Zipfel des Schlaraffenlandes in den Händen. Entsprechend überrascht und neugierig streife ich durch die Gänge und kaufe gleich einiges lange Entbehrtes.

Das, was ich hier in wenigen Stunden schon erlebt habe, gibt mir ein Wohlgefühl. Amerika, ich bin da.

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Am Montag früh kommt der Dockmaster zu mir und drückt mir ein Informationsblättchen in die Hand. Danach ist es "mit Androhung der Todesstrafe" verboten, ohne Registriernummer bei U. S. Custom zu erscheinen. Es gibt hier zwar kein öffentliches Telefon, im Supermarkt lässt man mich aber kostenlos telefonieren. Ich versuche es mehrfach; das Gespräch endet immer mit "thank you for your calling", nur eine Nummer erhalte ich nicht. Also entschließe ich mich, den Brüdern doch auf die Pelle zu rücken. Ich befinde mich auf der 34. Straße und muss bis zur 11. hinunter. Ein elender Fußmarsch. Kein Mensch läuft hier. In Amerika fährt man Auto. Endlich bin ich dort, im Vorraum des Geschehens eine Handvoll Amerikaner. Ich quatsche sie an und schildere mein Problem. Sie wiegen bedenkenvoll die Köpfe. Einer gibt mir sein cell phone und ich versuche es ohne Erfolg noch mal. Dann bin ich dran. Der officer hinter dem Schalter drückt mir sein Telefon in die Hand und meint, ich müsse Geduld haben. Das gleiche Spiel wie immer, erst eine Automatenstimme, dann ein Mensch. Letztlich doch wieder erfolglos. Jetzt wird's selbst dem officer zuviel. Bärbeißig verlangt er meinen Pass und die Schiffspapiere. Ich sehe ihn an einen Computer verschwinden. Nach einer ganzen Weile kommt er zurück und meint, alles sei ok. Dann verabschiedet er mich mit einem "auf Wiedersehen" und lächelt dabei. That's America!





Die wichtigste Hürde ist erst einmal genommen. Jetzt heißt es, Kontakt zu einer Firma hier vor Ort aufzunehmen, die meine große Rollfockanlage repariert. Am Telefon ist Tonya. Sie verspricht zurückzurufen, sobald ihre Monteure wieder im Haus sind. Den restlichen Tag warte ich vergebens auf den Rückruf. Am späten Nachmittag lasse ich mir vom Dockmaster ein Taxi rufen, um mal nach dem Rechten zu sehen. Der Taxidriver ist politisch so weit rechts, dass ihm schon der Ruß aus den Hosenbeinen rieselt. Obama ist Sozialist, was soviel heißen soll wie Kommunist, Bush jr. war ein guter Präsident für Amerika, in Deutschland wird die alte Bundesrepublik von den Sozialisten aus dem Osten überrannt. Er bringt mich hin und wieder zurück. Gott sei Dank hält er auf der Rückfahrt den Mund. Vor Ort komme ich mit Tonya überein, dass ich morgen früh um 09.00 Uhr erneut anrufe. Versprechen will sie nichts.

Meinen Teilerfolg des Tages, den ich aber nicht gering achte, feiere ich am Abend gebührend mit Planters Punch. Natürlich mit Muskatnuss, so wie er nur auf Grenada serviert wird.

Am Dienstagmittag erscheint David. Er misst alles Mögliche an der Rollanlage aus. Wir besprechen, dass er nicht nur den angebrochenen Draht erneuert, sondern auch ein neues Fockfall einschert. Diesmal nicht aus Draht, sondern aus einem High-tech Kunststoffmaterial. Er verspricht, morgen nach dem Lunch zu kommen um alles zu richten. Und tatsächlich, er bringt Chris mit. Die beiden machen einen kompetenten Eindruck; sie wissen was sie tun. Ich sehe ihnen auf die Finger, was Handwerker ja besonders gerne haben, und stelle fest, sie sind sehr sorgfältig. Um 17.00 Uhr sind sie fertig. Alles geht auf Vertrauen. Sie haben sich einen Zettel ausfüllen lassen, auf dem ich unten meine Kreditkartennummer notierte. Verglichen hat David sie nicht mit meiner Kreditkarte. Morgen wird Tonya mir in die Marina die Rechnung faxen, das war's. Alle Spannung weicht von mir und ich kann den letzten Abend hier richtig genießen.



Übeltäter waren wohl die "Fachleute" in Greifswald



Abenteuer Intracoastal Waterway ich komme. Mittags geht es los. An Segeln ist leider nicht zu denken. Der Wind ist sehr schwach und kommt auch noch von vorne. Das Fahrwasser ist eng. An den meisten Stellen ungefähr 50 Meter breit, manchmal weniger. Um Lake Worth herum, besonders auf der dem Atlantik zugewandten Seite, eine Menge Hochhäuser. Sieht nicht sehr einladend aus. Später dann niedrige Bebauung. Zum großen Teil gepflegte, repräsentative Häuser. Die Gartenanlagen sehr gepflegt. Das machen hier nicht Hausfrau und Hausherr. Die Fensterfronten in einer Größe, dass man sicher einen Fensterputzer braucht. Der Baustil erinnert vielfach an Italien. Am Ufer Anlagen, mit denen ein, zwei, drei oder vier Motoryachten aus dem Wasser gehoben werden. Man will schließlich immer ein sauberes Unterwasserschiff haben. Was ich vermisse ist Leben. Auf kaum einem der Grundstücke sehe ich Menschen, keine Erwachsenen, keine Kinder spielen. Das können doch hier nicht alles nur Ferienhäuser sein? Doch!



Neben den Fahrwassertonnen wird's schnell flach

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Die Gegend wird einsamer. Links und rechts Mangroven. Dann weite Wasserflächen, leider so flach, dass nicht mal die Pelikane nasse Füße bekommen. Zwischendurch immer wieder Brücken, die ich auf Kanal 09 rufe und um Öffnung bitte. Meistens sind hier Motoryachten unterwegs, für die die Brückenhöhe im Regelfall ausreichend ist. Als Segler ist man da etwas schlechter dran. Am späten Nachmittag eine Möglichkeit vor Anker zu gehen, die ich dann auch nutze. Für den ersten Tag reicht es.

Am zweiten Tag komme ich abends in Vero Beach an, gehe an eine Boje und mache innerhalb einer Stunde gleich zwei Bekanntschaften. Zuerst kommt John mit seiner Frau und einem befreundeten Ehepaar. Sie leben in Main, sind ganz begeistert von der Santa Maria, insbesondere dass sie aus Schweden kommt (natürlich jetzt deutsche Flagge). John's Vater stammte aus Stockholm. Sie berichten begeistert von ihrem Aufenthalt in Schweden. Mit einem Segelboot seien sie dann auch in Deutschland gewesen, durch den Kiel Kanal und hätten anschließend mit der ARC den Atlantik überquert. Zum Schluss unseres Gesprächs erhalte ich noch Adresse und Telefonnummer und eine Einladung zum Dinner, wenn ich dann im weiteren Verlauf der Reise in Portland (Main) vorbeikomme.

Meine neuen Bekannten sind gerade verschwunden, da höre ich schon wieder "hallo Santa Maria". Deutsche Zunge. Es handelt sich um ein Ehepaar, das vor 50 Jahren aus Deutschland nach Amerika ausgewandert ist, und das mit seiner Motoryacht von den Bahamas kommend nun auf dem Nachhauseweg (auch nach Main) ist. Auf die schnelle bekomme ich erst einmal ein paar Tipps. Außerdem überreden sie mich, doch übers Wochenende hier zu bleiben. Ich willige ein. Der Kontakt reißt dann leider ab, so dass ich mich am Sonntagvormittag entscheide, doch noch weiterzufahren.



"Kleine" Anwesen am ICW. Ob das Beamtenheimstättenwerk sowas finanziert?












GARANTIERT KEINE MEHRFAMILIENHÄUSER!


Die Fahrt im ICW trödelt so dahin. Zwischendurch setze ich zur Unterstützung des Motors Segel und siehe da, es nützt was. Allein zu fahren ist hier ziemlich anstrengend, weil das Fahrwasser sehr gewunden und höchste Konzentration erforderlich ist. Obwohl ich mich im Fahrwasser befinde kann ich es nicht verhindern auf eine Sandbank aufzulaufen. Gott sei dank komme ich mit eigener Kraft wieder runter. Im Laufe des Tages etwas zu Essen oder zu Trinken zuzubereiten bedeutet strategische Planung. Der Gang zum Klo ist nichts für Leute, die viel Zeit dabei brauchen.



Jedes Anwesen hat seine eigene Steganlage



Eine Woche nach dem Start in Lake Worth will ich mal wieder in eine Marina, um meine Vorräte zu ergänzen. Ich gucke mir den Comachee Cove Yacht Harbor in Saint Augustine aus, weil es nach der Broschüre von Skipper Bob (ein unbedingtes Muss; Skippers Bibel) hier einen Supermarkt in unmittelbarer Nähe geben soll. Im Hafenbüro erklärt man mir, dass "Winn Dixie" ein paar Meilen entfernt sei. Man wolle mir Morgen aber ein Auto, ein so genanntes "courtesy car", zur Verfügung stellen, damit ich zum Einkauf kann. Na das woll'n wir doch mal sehen. Nachdem die Santa Maria versorgt ist mache ich mich auf den Weg. Zwischendurch will ich immer wieder aufgeben aber, das ist nicht mein Ding. Ich frage einen Polizisten nach dem Weg, der guckt mich komisch an. Leute die ohne Auto unterwegs sind, scheinen in Amerika suspekt zu sein. Nach einer Stunde habe ich den Supermarkt gefunden und entscheide, morgen das Angebot mit dem Auto anzunehmen. Das Auto wird mir kostenlos zur Verfügung gestellt und so kann ich unter anderem Getränke in größeren Mengen heranschaffen.



Begegnung

Begegnung im ICW



Saint Augustine gilt als die älteste permanente Niederlassung der Europäer auf dem Gebiet der heutigen Vereinigten Staaten. Im Jahre 1565 besiedelte der spanische Forscher/Eroberer Pedro Menéndez de Aviles mit 700 Soldaten und Kolonisten das Gebiet von St. Augustine, um die spanischen Schiffe abzusichern, die mit Gold und Silber aus Mexiko und Peru auf dem Weg nach Spanien hier vorbeikamen. Im Jahre 1586 wurde die Siedlung von Sir Francis Drake und im Jahre 1668 von Robert Searles attackiert. Das Castillo de San Marco war aber ein guter Schutz. Für die nächsten 200 Jahre stand die Siedlung unter spanischem Recht, bevor 1783 Spanien Florida an England verlor. Die "Goldene Ära" begann für St. Augustine aber erst in den späten 1880ger Jahren, als der legendäre und in Florida allgegenwärtige Henry Flagler hier anfing elegante Hotels und Kirchen zu bauen. Der Tourismus ist bis heute das beherrschende Element im "sunshine state".

Von St. Augustin sind es bis zur Staatsgrenze nach Georgia nur noch ungefähr 50 sm. Der Grenzort Fernandina soll mein nächstes Ziel sein. Die Landschaft verändert sich allmählich. Es sind immer weniger Palmen und Mangroven zu sehen. Auch das Wetter ändert sich leicht. Die Nächte sind nicht mehr so warm wie im Süden. Als ich Georgia erreiche wird es sehr einsam. Ich fahre/segle durch weitläufiges Marschland. Kein Haus, keine Siedlung unterbricht die eintönige flache Landschaft. Für Ornithologen muss es hier ein Paradies sein. Ich sehe natürlich wie immer reichlich Pelikane, dann verschiedene Reiher, Seevögel und in erheblicher Anzahl Seeadler. Die Adler haben in großer Zahl die Seezeichen am ICW für ihren Nestbau bestimmt. Manchmal sind die Nester so groß, dass ich die Nummer des Seezeichens nicht erkennen kann. Oft kann ich sie beobachten, wenn sie am Himmel ihre Kreise ziehen. Das ist schon sehr beeindruckend. Dann nach einigen dutzend Meilen doch eine Stadt, Brunswick. Ich gehe hier aber nur für die Nacht vor Anker. Die Weitläufigkeit der Ostküste habe ich mir nicht so vorgestellt. Manchmal komme ich nicht so richtig nach Norden voran, weil das Fahrwasser sehr gewunden ist. Ich fahre viele Meilen, aber immer im Lande hin und her. Die Entfernung nach New York, mein nächstes großes Ziel, verringert sich nur allmählich. Da ich jeden Tag fleißig fahre, erreiche ich dann doch endlich Charleston in South Carolina.



Adler gibt es hier reichlich

Adler



Adlerhorst



Wieder hat sich die Landschaft verändert. Während man in Florida zeigt was man hat, Georgia zumindest am ICW recht einsam ist, sieht man hier an den Ufern alte, gediegene Anwesen. Alles nicht so strahlend wie in Florida, dafür aber Südstaatenwohlstand. Die Häuser von einer unglaublichen Größe. Ob hier Großfamilien wohnen? Zu sehen sind jedenfalls so gut wie keine Bewohner, obwohl auch hier die Grundstücke sehr gepflegt sind.

In Charleston lege ich mit meinem kleinen Schiffchen am Megadock der City Marina an. Allerfeinster Standard, um mich herum Megamotoryachten. Aber auch ein paar kleine Segler haben außer mir hier noch festgemacht. Umgerechnet zahle ich hier 69 € pro Nacht. Geboten wird dafür Liegen, Strom und Wasser, sehr gute sanitäre Anlagen, Internetanschluss, 40 Kabelfernsehprogramme, die ich allerdings nicht nutze und ein Shuttledienst, der einen in die Stadt fährt, der einen zum Supermarkt fährt und wieder abholt, der einen zum Bootsausrüster auf der anderen Seite der Stadt fährt und wieder abholt. Alles zusammen sicherlich angemessen, leisten kann und will ich mir das aber nicht dauernd. Also kaufe ich kräftig ein, um mindestens eine bis zwei Wochen vor Anker zu überstehen.



charlston

Megadock in Charleston



Charleston ist außerhalb der USA sicher am bekanntesten durch den hier in den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts kreierten und gleichnamigen Tanz. In Europa wurde er bekannt durch Josephine Baker, die 1926 den Charleston im Folies Bergère in Paris tanzte. "Obwohl der Tanz ursprünglich von Afroamerikanern entwickelt wurde, konnte er sich in den USA schnell als weißer Gesellschaftstanz etablieren. Er wird eng verbunden mit Flappern- und Speakeasy-Lokalen. Dort tanzten Frauen, alleine oder zusammen, um sich über die Alkoholprohibition der USA zu mokieren. Dies führte dazu, dass der Tanz im Allgemeinen als provokativ und unsittlich galt." (Wikipedia)

Wie des öfteren, werde ich auch hier von einem deutschen Auswanderer angesprochen. Hans kam vor vierzig Jahren aus Köln hierher. Er lebt in Fort Meyers und hat gerade seinen Katamaran verkauft. Da er kaum Gelegenheit hat deutsch zu sprechen, ist seine diesbezügliche Fähigkeit mittlerweile sehr eingeschränkt. Er ist froh, wenn ich mit ihm englisch spreche. Das ist schon merkwürdig, ich ertappe mich aber auch dabei, dass ich manche deutschen Wörter mit einem amerikanischen Akzent ausspreche. Wenn ich es merke, finde ich mich ziemlich albern.

Mit Hans und seinen beiden amerikanischen Käufern berede ich meine weiteren Reisepläne. Immer wieder, wenn ich die Seekarten studierte, war ich unsicher, wie man nördlich von Norfolk weitersegelt. Es gibt zwei Möglichkeiten. Entweder segelt man draußen auf dem Atlantik, die schnelle und kürzere Strecke, oder man segelt die Chesapeake Bay hinauf, durch den Chesapeake and Delaware Canal Richtung Philadelphia, und dann den Delaware River wieder hinunter. Alles in allem eine Strecke, die um ungefähr 100 sm weiter ist. Ab dem Cape May kann ich dann wieder eine Art ICW befahren, der hier aber nicht mehr so heißt. Ungefähr 50 sm vor New York geht's auf jeden Fall wieder hinaus auf den Atlantik. Während ich anfänglich den längeren Weg präferierte, ändert sich meine Meinung, je näher die Entscheidung rückt. Immerhin kann es bei einem schönen Südost- oder Südwind eine Quälerei werden, den Delaware hinabzusegeln.

Ich verlasse Charleston und bin wild entschlossen, vor Portsmouth/Norfolk keine Marina mehr anzulaufen. Die ersten Tage begleitet mich weiterhin das schöne und warme Wetter, das ich nun seit Monaten genieße. Dann aber, an der Grenze von South zu North Carolina, am frühen Morgen 14° C in der Kajüte. Dazu Regen, Starkwind und das Gefühl, Norddeutsches Frühjahr zu erleben. So hatte ich mir das nicht gedacht. Die gesamte Strecke, die ich in North Carolina unterwegs bin, ändern sich die Verhältnisse nicht mehr. Im Gegenteil, die Wassertemperatur sinkt auch kontinuierlich, und am Ende messe ich 17° C. Das auf einem Breitengrad, der ungefähr dem von Zypern entspricht. Grässlich.



Friedliche Stimmung am Ankerplatz im ICW



Tagsüber komme ich, mit der Strömung, flott voran (7,9 Knoten)



Das ist natürlich garnichts gegen die Amerikaner

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big, bigger, biggest



Aber auch North Carolina ist irgendwann vorbei und es empfängt mich Virginia mit Sonnenschein. Dabei beobachte ich am Himmel ein Phänomen, das ich bis dahin so ausgeprägt noch nicht erlebt habe. Wie mit dem Lineal gezogen befindet sich der Staat, den ich gerade verlasse, unter einer geschlossenen Wolkendecke. Dahinter trübt kein Wölkchen den blauen Himmel.

Eineinhalb Wochen bin ich jetzt unterwegs. Habe abends immer einen Ankerplatz gefunden, obwohl es manchmal nicht ganz einfach war. Wasser gibt es hier jede Menge. Es gibt auch traumhafte Buchten, in denen man gerne geschützt liegen möchte. Aber, die Wassertiefe ist meist nicht ausreichend. Riesige Wasserflächen mit 3 bis 5 feet Wasser (entspricht ungefähr 90 cm bis 1,5 m). Das ist bei einem Tiefgang von 1,5 m leider nicht ausreichend. Ich fahre manchmal an Ankerplätze, die in der Karte mit 10 bis 16 feet angegeben sind. Nicht nur einmal muss ich erleben, dass mein Echolot Null anzeigt. Da der Grund hier aus weichem Schlick besteht, gehe ich das Risiko ein, bei fallender Tide einzumoddern. Es gelingt mir aber jeden Morgen wieder in tieferes Wasser zu kommen.



Begegnungen mit einem amerikanischen Fischer ...



... und verückten Südstaatlern



Denkmal für die toten Südstaatensoldaten des Am. Bürgerkriegs in Portsmouth

Die überwiegende Strecke des Intracoastal Waterway, den ich einen Monat lang befahren habe, ist etwas für Leute, die die Einsamkeit lieben. Es beginnt zwar in Florida noch ziemlich tropisch und besiedelt, ändert sich dann aber schnell in endloses, menschenleeres Marschland. Die Publikationen, die ich über den ICW lesen konnte, halten mehr oder weniger ein Plädoyer für diesen Wasserweg. Ich hab's gemacht, würde aber meine frühere Vorstellung, den Sommer im Norden (Main) und den Winter in der Karibik zu verbringen, nicht weiter verfolgen. Bis nach Nova Scotia habe ich zwar noch eine beträchtliche Strecke zu segeln, kann aber eine gewisse Sehnsucht nach Europa nicht leugnen. Jetzt bin ich erst einmal in Portsmouth/Virginia, gegenüber der großen Navibasis Norfolk. Die Leute hier im Ocean Marine Yacht Center sind sehr nett. Mit unendlicher Geduld beantworten sie meine vielen Fragen. Dann fragen sie nach meinem Weg von Germany hierher und sind ganz begeistert. Für meine beabsichtigten Einkäufe stellen sie mir wieder einmal ein Auto zur Verfügung. Diesen Service genieße ich sehr, weil ich sonst bei den Entfernungen zu den Supermärkten aufgeschmissen wäre.




Erinnerungen an das industrielle Zeitalter - im Hintergrund die Navibasis Norfolk



Ein erster Bummel durch die old town von Portsmouth zeigt einen recht hübschen Ort mit vielen aus dem 19. Jahrhundert stammenden Häusern. Was ich auch hier wieder vermisse ist Leben. Es gibt hier nicht wie in Europa zentrale Einkaufsmeilen, in denen die Leute zum Bummeln unterwegs sind. Vermutlich wird es so etwas Ähnliches in den shoppping malls geben.



Bürgerliches Portsmouth





Nach einem Gespräch mit einem Mann der Marina habe ich mich entschlossen, meinen weiteren Weg nach New York vom Wetter abhängig zu machen. Die "Drei Tage Prognose" verspricht über Ost nach Süd drehende Winde. Das wäre die Chance, den kurzen Weg offshore zu wählen. Zunächst muss ich aber dringend meine Vorräte ergänzen, dann wollen wir mal sehen, ob die amerikanischen Wetterpäpste mit ihrer Prognose richtig liegen.

Also geht's am nächsten Tag los. Ich bekomme einen alten Lincoln und fahre damit in die angegebene Richtung, in der sich der Supermarkt befinden soll. Er liegt etwas abseits der Straße und so fahre ich erst einmal daran vorbei. Hilfesuchend halte ich vor einer Autowerkstatt an und bekomme die erbetenen Informationen. Als ich los will, springt der Wagen nicht wieder an. Also das ist ja Glück im Unglück. So was direkt vor den Zuständigen. Ich also wieder rein in die Werkstatt und mache jetzt etwas intensiver Bekanntschaft mit Frank. Er kommt mit einem Batterietester und stellt fest, die Batterie ist hinüber. Er kann mir aber sofort eine Neue einbauen. Was soll ich machen? Ich willige ein, denn weg muss ich hier. Aus dem sofort wird dann doch eine Stunde, denn die Batterie muss erst angeliefert werden. Derweil zeigt mir Frank seine Schätze. Ein Offroader, mit dessen Rädern man wahrscheinlich den Himalaja hinauffahren kann. Dann im hinteren Teil der Werkstatt zwei superschnelle Motorboote. Eins davon ein powerboat mit einem 300 PS starken Außenborder. Frank erklärt mir, damit könne er ca. 110 Meilen schnell sein. Das sind fast 180 Stundenkilometer. Er meint, es sei natürlich kreuzgefährlich, er benötige schon entsprechende Sicherheitskleidung und glattes Wasser. Das Boot würde dann ausschließlich auf der Schraube und auf den Trimmklappen fahren. Na ja, Hobbys gibt's. Er gehört zu der Sorte Amerikaner, die ich schon des Öfteren kennen gelernt habe. Alles muss groß sein, alles muss schnell gehen und alles muss Krach machen. Hauptsache: Fun. Letztlich wird die neue Batterie dann eingebaut und ich löhne 101 $, die ich später von der Marina anstandslos wieder bekomme.



Die große Dänische Reederei Maersk ist auch hier mit einem eigenen Terminal und in den eigenen Farben vertreten



© Rüdiger Kreutschmann


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