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Januar/Februar 2009 - Die Kleinen Antillen

Dreizehnter Brief


Einen Liegeplatz im Yachtclub bekommen wir leider nicht. Wir versuchen es auf der anderen Seite der Bucht in der Port Louis Marina und mieten uns dort für vier Tage ein.

Es ist Chrismas Eve (Heiligabend). Unser erster Erkundungsgang in die Stadt. Obwohl normalerweise nur Samstags Markt in St. George's ist, gibt es für Weihnachten wohl eine Ausnahme. In der Stadt Massen von Menschen. Laute Musik, fröhliche Menschen, lautes Autogehupe. Es ist unglaublich quirlig. Fühle mich nach kürzester Zeit wie besoffen, obwohl wir ausschließlich einen karibischen Milchshake trinken. Bald nach Einbruch der Dunkelheit verliert sich aber alles wieder schnell.

Kleine Eindrücke aus St. George's


carenage

Carenage



drink

Sorglose Insulaner - Hauptsache keine harten Drugs



tunnel

Durch den Sendall Tunnel ...



chrismas eve

... hinein ins karibische Leben



kreuzfahrer

Die Kreuzfahrer sind auch schon da



ankerbucht

Unsere Ankerbucht in St. George's



parliament

Hurrikan "Ivan" zerstörte auch das "House of Parliament"



reverend

that's caribbean



maggi

Unerwartet



old airport

Das ist wirklich der alte Flugplatz

Am Weihnachtstag vermittelt uns Dockmaster Junior einen Fahrer für den nächsten Tag (Boxing Day) für eine Inselrundfahrt. Wir lernen Boney kennen. Er will uns "the real Grenada" zeigen. Wir sind als Europäer natürlich, ob solch vollmundiger Ankündigung, gehörig skeptisch, werden aber eines Besseren belehrt.

Er verspätet sich um eine halbe Stunde, hat aber eine plausible Erklärung. Er musste erst noch Bananen für die Monkeys und Brot für die Fische besorgen. Er fährt mit uns in den Regenwald, ein Naturreservat mit Namen Grand Etang Forest. Alle Augenblicke hält Boney an und erklärt uns Pflanzen. Hier wächst wirklich alles, was die Küche gebrauchen kann. Natürlich Muskat, der selbst in der Flagge Grenadas seine Würdigung findet. Aber auch Nelken, Ginger, Chili, Lorbeer, Pfefferschoten, Safran und einiges mehr. Daneben Kakao, verschiedene Sorten von Bananen, Mango, Guave, Papaya. Leider hat der Hurrikan "Ivan" 2004 einen erheblichen Teil der Agrikultur vernichtet. Dieser Sturm, der erste seit 1955 ("Janet"), vernichtete 90% aller Hausdächer auf Grenada.



Boney

boney



boney

Eigenwillige Fangmethode



Weiter geht's zu den Monkeys. Boney hupt und ruft und schon kommen sie an. Gierig fangen sie die Bananen, klauen ihm auch schon mal eine aus der Tüte. Die hübschen Tiere sind seinerzeit mit den Sklavenschiffen aus Afrika hier herüber gebracht worden. Danach fahren wir zum Lake Grand Etang. Hier zeigt uns Boney ein weiteres Kunststück. Mit Brot lockt er Fische an. Als genügend da sind, hält er seine offene Hand mit einem Stück Brot ins Wasser und füttert die Tiere. Blitzschnell greift er dann zu und fängt mehrere der kleinen Fischchen. Nicht nur uns, sondern auch andere Touristen kann er damit erfreuen. Klaus versucht sein Glück ebenfalls. Nach einer kleinen Einarbeitungsphase gelingt im tatsächlich auch ein Fang. Ich bin skeptisch, ob wir damit zukünftig auf unsere bewährten Fangmethoden verzichten können.



monkey

Mein Lieblingsmonkey



Nun wollen wir zu den St. Margrets Wasserfällen. Auf einem kleinen Parkplatz stellen wir das Auto ab. Jeder bewaffnet sich mit einem der Wanderstöcke, die reichlich angeboten werden. Helmut gesteht zwischenzeitlich, dass er den Wanderstock ziemlich albern fand, ihn aber unterwegs zu schätzen gelernt hat. Es geht über einen steilen Abstieg hinunter ins Tal. Das Gelände ist extrem glitschig, dauernd droht man auf dem Hosenboden zu landen. Boney meint später, der Weg zurück, dann aufwärts, sei einfacher. Von den veranschlagten 20 Minuten für den Weg werden locker 45 Minuten. Dann aber ist es geschafft. Vor uns liegen terassenförmig zwei Wasserfälle mit jeweils kleinen Seen davor. Helmut und Klaus können es gar nicht erwarten und sind im Nu im Wasser. Boney und ich bleiben zurück, ich schwer atmend. Der Aufstieg später ist wirklich einfacher, obwohl die Muskeln in den Oberschenkeln brennen.

Als nächstes will Boney mit uns zum Essen zu einer Kakaomanufaktur. Als wir dort ankommen, hat das Restaurant leider nicht geöffnet. Dafür bekommen wir von einer netten Lady, die gerade noch mit den Füßen die Kakaobohnen gewendet hatte, einen launigen Vortrag über den Kakaoanbau, die Ernte und die Weiterverarbeitung.

Boney ist wirklich ein Tausendsassa. Wegen des Essens hängt er sich ans Telefon und ruft ein Hotel an der Südküste an. Wir können telefonisch unsere Wünsche äußern und Boney ordert das Essen so, dass es fertig ist, wenn wir ankommen. Wir werden von der Hotelchefin Nancy persönlich begrüßt. Der Tisch ist bereits gedeckt, und kaum nehmen wir Platz, wird aufgetragen. Das Essen ist köstlich. Wir sitzen auf der Veranda dieses kleinen Hotels, der Beach ist 20 m entfernt, inmitten einer wuchernden Vegetation. Wir können nicht widerstehen, und bleiben nach dem Essen noch auf zwei weitere Rumpunsch sitzen.

Unser Ausflug endet an der Bar der Port Louis Marina. Hier lernen wir ein deutsches Ehepaar mit zwei kleinen Kindern kennen. Außerdem ein amerikanisches Paar aus Washington D.C. Die netten Amerikaner schenken mir zum Schluss vier Bücher über den Intercostal Waterway.



clinic



carib beer



Endlich folgt nach den vielen Feiertagen ein Tag mit offenen Geschäften. Ich muss mich dringend um den defekten Autopiloten kümmern. Der Bootsausrüster in St. George's führt leider nicht das erforderliche Fabrikat, verweist uns aber an einen Händler in der Prickly Bay. Wir lassen uns ein Taxi kommen. Michael fährt uns zu Budget Marine. Nach einigen Verhandlungen entscheide ich mich für einen komplett neuen Autopiloten. Nur die Ersatzteile zu kaufen wäre nicht viel preiswerter gewesen. Jetzt aber beginnen die Schwierigkeiten. Um zollfrei einkaufen zu können, benötigt der Händler von uns die Einklarierungspapiere. Wir also wieder mit dem Taxi zu Santa Maria, Papiere geholt und erneut zum Händler. Dort angekommen erklärt uns der Zauberkünstler hinter dem Tresen, er benötige nicht nur die Einklarierungspapiere, sondern auch die Schiffsregistrierung. Als nächstes wird er noch verlangen, dass ich das Schiff vorführe. Ich könnte ihn erwürgen. Wir einigen uns schließlich darauf, dass die Order rausgeht und die Schiffspapiere in zwei Tagen nachgeliefert werden können. Ein Kuriosum noch am Rande: der Verkaufspreis wird in US $ angegeben. An der Kasse hingegen wird mein Konto mit EC $ belastet.

Nachdem ich bei Budget Marine alle bürokratischen Hürden genommen habe, der neue Autopilot für in 14 Tagen avisiert ist, nehmen wir Kurs auf die nördlicheren Inseln. Bei Nordostwind um 6 Beaufort nicht das große Vergnügen. Wir werden stark nach Westen vertrieben und entscheiden uns nach einigen Stunden, mit der Maschine gegenan zu dampfen. Das Handbuch rät, die Häfen und Buchten nicht bei Dunkelheit anzulaufen. Das gelingt uns leider nicht ganz. Als wir vor der Tyrell Bay auf Carriacou ankommen ist es stockfinster. Unsere bewährte Technik kommt wieder zum Einsatz. Auf dem Radarbild erscheint die Bucht rappelvoll mit Ankerliegern. Wir tasten uns an den Rand und gehen auf 6 m Wassertiefe vor Anker.



solardusche

Solardusche



Am nächsten Morgen erscheint uns alles nicht mehr so voll und wir trauen uns weiter hinein. Bei einem Landgang stellen wir fest: vierundzwanzig Häuser, sieben Kneipen, zwei Einkaufsläden mit magerem Angebot (außer Rum) und zwei Rumläden. Am Abend gehen wir ins "Lazy Turtle". Hier gibt es Pizza mit Lobster, selten eine so gute Pizza gegessen.

Da wir anderntags weiter nach Norden wollen, müssen wir auf Carriacou ausklarieren. Die "Hauptstadt" Hillsborough liegt gleich hinter einer Huk. Bevor wir dort vor Anker gehen, besuchen wir noch die Postkartenidylle Sandy Island. Wie aus einer Werbung für die Karibik, kleines Sandeiland, ein paar Palmen, türkisfarbenes Wasser. Einfach traumhaft.

Von Hillsborough bis Union Island sind es nur 8 sm. Hier befinden wir uns bereits in einem anderen Karibikstaat und müssen erneut einklarieren für St. Vincent und die Grenadinen. Vor dem kleinen Ort Clifton gehen wir hinter einem schützenden Riff vor Anker. Als wir den Ort betreten, haben wir das Gefühl, jetzt in der Karibik angekommen zu sein. Eine Straße, ein kleiner Markt, der sehr gutes Obst und Gemüse hat, bunte Häuser, freundliche Menschen. So gut wie jeder grüßt mit einem "Hi" oder "Hello". In der "Blue Pelican Bar" nehmen wir nach dem Einklarieren erst einmal einen Drink. Die Bar liegt an einem Hügel, ist nach allen Seiten offen, so dass wir eine phantastische Aussicht über Clifton Harbour haben. Der Hafen ist voll mit Ankerliegern. Heute ist Sylvester und alle wollen an Land feiern. Wir auch.



blue pelican bar

Blue Pelican Bar



lambi

Das Lambi's



Einige Angebote nehmen wir in Augenschein und entscheiden uns dann fürs "Lambi". Für 50 US $ pro Person können wir an einem Buffet teilnehmen, an dem es 100 verschiedene Dinge geben soll. Außerdem ist Trinken bis zum Abwinken im Preis inbegriffen. Wein, Bier, Rumpunch, "all what you can drink". Dazu spielt die "Lambi Steelpan Band" auf. Der Abend hält was er verspricht. Wir können uns an den kreolischen Spezialitäten kugelrund essen. Die Namensgeberin des Restaurants wird auch in Mengen angeboten. Lambi ist das Fleisch der "Conch", der Fechterschnecke. Eigentlich steht sie unter striktem Artenschutz, das stört hier aber scheinbar niemanden. Die Schalen der Schnecke sind groß und dekorativ, die Einfuhr nach USA oder Europa ist aber unter Strafe gestellt.



Steeldrummer






Die Musik ist hinreißend. Man sieht den Bandmitgliedern an, dass sie großen Spaß haben. Der Leader spielt wie in Ekstase auf zwei Trommeln. Da wir bereits um 19.00 Uhr das Etablissement betreten, gierig das Buffet plündern, sind wir um 23.00 Uhr bereits hinüber. Die Rückfahrt zur Santa Maria ist etwas feucht, da zwischenzeitlich ein kräftiger tropischer Schauer niedergegangen ist.

Neujahr vertrödeln wir am Ankerplatz. Helmut geht zwischenzeitlich wandern. Sobald es etwas weniger regnet, wollen wir in die Tobago Cays, eine kleine riffgesäumte Insellandschaft, in der man mit Glück sogar noch Schildkröten sehen kann. Das Paradies teilen wir dann mit annähernd 100 weiteren Yachten. Am Abend erscheint Walter, ein fliegender Händler. Bei ihm bestellen wir für den nächsten Morgen ein Stangenbaguette und ein Bananabread. Mit der üblichen Verspätung von einer halben Stunde liefert er uns die teuersten Brote unseres Lebens. Das Bananabread kostet umgerechnet 8,33 €. Der Preis kommt wahrscheinlich durch 80% Lieferservicegebühr zustande.



Walter bringt uns Brot in die Tobago Cays


walter



walter



In Clifton, wohin wir zum Ausklarieren segeln, habe ich ein entscheidendes Erlebnis mit meinem Dingi, und gehe in die Geschichte des Dorfes ein. Es war mir schon klar, dass es in den vorherrschenden kleinen Wellen an den Ankerplätzen ziemlich labil ist. Durch eine unbedacht scharf gefahrene Kurve kentere ich. Natürlich habe ich die Notstoppleine nicht am Handgelenk, so dass das Boot um mich herum Kreise fährt. Ich habe keine Chance, vom Wasser aus den Motor abzustellen. Leichte Panik macht sich breit. Nach kurzer Zeit kommen mir Einheimische zur Hilfe. Sie bringen mich und das Dingi zu Lambi's Steganlage. Der dicke Lambi, Inhaber des Ladens, kann sich vor Lachen kaum halten. Na, wer den Schaden hat ... Meine Helfer bringen mich samt Dingi zur Santa Maria zurück. Da der Motor unter Wasser war, springt er nicht mehr an. Einer der Helfer behauptet, Mechaniker zu sein und er könne den Motor wieder zum Leben erwecken. Bei seinen Bemühungen steht nach kurzer Zeit der Motor in Flammen. In Gang setzen kann er ihn leider nicht. Am nächsten Tag schaffen es aber meine beiden Motorradfahrer Helmut und Klaus.

Mein Entschluss steht fest, ich brauche ein neues Dingi. Also zurück nach Grenada, weil es dort zwei große Bootsausrüster gibt. Bei Island Water World werde ich fündig. Ich erstehe ein hier in der Karibik sehr gebräuchliches Boot vom Typ Caribe. Die Boote werden in Caracas, Venezuela hergestellt. Später erfahre ich, dass sie in Venezuela aber keineswegs zu erwerben sind. Gegen harte Dollar machen sich solche Geschäfte auch besser. Über den Preis reden wir besser nicht, hier ist außer Rum alles teuer. Nach einigen kleinen Probefahrten bin ich überzeugt, die richtige Entscheidung getroffen zu haben. Das Boot hat bis zur Wasserlinie einen festen Kunststoffrumpf und rundherum drei unabhängige Luftkammern. Die Beschläge, die Haltegriffe, die Schleppöse, alles sieht sehr solide aus.



Die teure Neuerwerbung ...


... aber wie man sieht, es geht auch billiger



Der bestellte Autopilot sollte nach zwei Wochen abholbereit sein. Ist er nicht. Der Verkäufer verspricht mir nächsten Dienstag. Er ist wieder nicht da. Ich werde auf Morgen vertröstet. Angeblich soll er bereits auf Grenada sein, der Zoll gebe ihn aber nicht frei. Wahrscheinlich fahre ich jetzt jeden Tag voller Hoffnung mit dem Sammeltaxi zur Prickly Bay, um immer wieder das gleiche zu hören.

Sammeltaxis sind hier eine tolle Sache. Man läuft eine Straße entlang und wird dauernd von den Taxen angehupt. Ist man bereit einzusteigen, hält das Taxi an. Alle rücken zusammen und man bekommt einen Platz. Nun geht die Fahrt los, oft halsbrecherisch, dann wieder ganz sanft über Schlaglöcher in der Straße. Wenn man aussteigen will klopft man gegen das Blech des Autos. Das ganze Vergnügen kostet 2,50 EC $ (umgerechnet ca. 0,70 €), egal wie weit man fährt. Mir ist es auch passiert, dass ich eine Weile als einziger Fahrgast mitfuhr, der Fahrer eine größere Gruppe erblickte, mit der er mehr Geld verdienen konnte. Er bat mich auszusteigen, ich bekam mein Fahrgeld zurück und er besorgte noch das nächste Taxi das mich weiterbeförderte.

Mittwoch ist der Autopilot endlich da. Ich kann die teuren Teile mitnehmen. An Bord fange ich gleich mit der Installation an. Bohren kann ich am Ankerplatz leider nicht. Dazu gehe ich am anderen Morgen in die Port Louis Marina. Als alles installiert ist, der erste Test. Es funktioniert. Mit der Kalibrierung des Systems komme ich nur zur Hälfte voran, den restlichen Teil kann ich nur draußen, auf See, machen. Die Santa Maria muss dazu in Fahrt sein.



Rum is the answer - what's the question?



Am Sonntag geht es endgültig nach Norden. Da mein angekündigter Besuch aus der Schweiz Opfer des kalten nordischen Wetters geworden ist, bin ich jetzt erst einmal allein. Die ersten Stationen kenne ich bereits. In Clifton macht der Außenborder des Dingis Theater, so, als wolle er mir übel nehmen, dass ich zum Ort seines Untergangs zurückgekehrt bin. Im nu habe ich wieder einen Freund, der einen Freund hat, der Mechaniker ist. Obwohl ich sehr skeptisch bin habe ich keine Wahl. Wir bringen das Teil gemeinsam an Land und begeben uns auf die Suche nach dem Mechanikerfreund. Nach einer Weile wird es mir zu dumm und ich verabschiede mich zu "ERIKA". Bei Erika kann man ins Internet. Nachdem ich meine e-mails und anderes gecheckt habe, kehre ich zurück zum Ort der Haupthandlung. Der Mechaniker hat mittlerweile den gesamten Motor demontiert und zeigt mir die Spuren der Wasserung. Na ja, vielleicht weiß er ja doch was er tut. Mein eigentlicher neuer Freund bringt mich mit seinem Wassertaxi zurück an Bord der Santa Maria und verspricht, in wenigen Stunden den Außenborder, wie neu, zurück zu bringen. Tatsächlich, nach zweieinhalb Stunden erscheint er freudestrahlend, der Motor läuft tatsächlich und ich bin wieder 600 EC $ los.



Ankern hinterm schützenden Riff



Mit dem Gefühl, im Moment sei alles wieder in Ordnung, segle ich weiter nach Bequia (sprich: beck wey). In der legendären Admirality Bay gehe ich vor Anker und will mir anschließend die malerische kleine Siedlung ansehen. Wer nicht anspringen will, ist mein Außenborder. Über das Paradies legt sich allmählich ein ziemlich dunkler Schatten. Ein anderer deutscher Segler, der meine Bemühungen sieht, kommt mit seinem Dingi und will mir behilflich sein. Leider sind wir auch nach gemeinsamem Kriegsrat erfolglos. Immerhin haben wir das Gefühl, es kann nur am Zündsystem liegen. Er fährt mich an Land, wo ich mich erfolglos auf die Suche nach einer passenden Zündkerze begebe. Na dann eben nicht.

Anderen Tags fahre ich die 8 sm hinüber nach St. Vincent und bekomme bei Sunsail in der Blue Lagoon einen Liegeplatz. In der Nähe gibt es einen Händler, bei dem ich eine Zündkerze erwerbe. Zurück an Bord das Wunder. Der Motor springt mit der neuen Zündkerze sofort an. Die Schatten werden wieder etwas heller, hoffentlich bleibt es mal für eine Weile so. Mein Bedarf an technischen Katastrophen ist im Moment reichlich gedeckt. Wenn man nur noch Opfer der technischen Unzulänglichkeiten ist und dazu erlebt, wie man schamlos abgezockt wird, kann auch das Paradies sehr irdische Züge annehmen.



Auf dem Weg nach Norden



Die nächste Insel und damit der nächste Staat ist St. Lucia. In der zauberhaften Marigot Bay bekomme ich eine Muringboje neben einer deutschen Yacht, deren Eignerehepaar ich bereits auf Union Island kennen gelernt hatte. Sie überreden mich, gleich mit ihnen zur happy hour ins "Doolittle's" zu fahren. 1966 war die Marigot Bay Kulisse des Films "Dr. Doolittle" mit Rex Harrison. Das Restaurant und das dazugehörende Hotel erinnern an diese Geschichte. Der Rumpunsch ist nicht ganz so gut wie im Grenada Yacht Club, aber er schmeckt trotzdem.

Außenborder und kein Ende. Nach einer Fahrt zum Immigration Office gibt er endgültig seinen Geist auf. Getriebeschaden. Damit ist sein Schicksal besiegelt. In der Rodney Bay, die ich im Norden St. Lucias anlaufe, erstehe ich einen Neuen. Das ist unerlässlich, denn ich will nach Fort de France und dort kann ich nur auf Reede ankern. An den offenen Ankerplätzen, wie zum Beispiel Fort de France auf Martinique, ist es meist etwas unruhig durch den Grundschwell des Atlantiks und der Karibischen See. Die Vorstellung, man könne ja auch rudernd an Land kommen, ist nur was für Leute, die täglich in die Muckibude gehen.

Mit Martinique betrete ich wieder ein Stück Europa. Diese Insel ist eine französische Überseeregion und ein französisches Überseedépartement. Hier gilt als Zahlungsmittel der Euro. Als ich die Stadt erkunde, habe ich das Gefühl mich in Frankreich zu befinden. Von karibischem Flair fast keine Spur. Im Supermarkt gibt es wieder einmal einigermaßen vertraute Artikel, zum Beispiel französischen Käse, dafür sind die übrigen Läden ausschließlich auf Touristen aus dem fernen Mutterland eingerichtet. Nicht gerade das, was ich hier suche. Als einziges Sehenswerte finde ich die Bibliothèque Schoelcher. Das Gebäude wurde 1889 für die Pariser Weltausstellung erbaut, anschließend in seine Einzelteile zerlegt, hierher geschafft und wieder aufgebaut. Schoelcher soll die Sklaverei abgeschafft haben.



Die Yachtreede von Fort de France



Bibliothèque Schoelcher



Von Martinique segle ich über Dominika nach Guadeloupe. Wieder Frankreich. In Pointe à Pitre bekomme ich in der Marina einen Platz. Leider ist mein Aktionsradius hier auf das Marinaumfeld begrenzt. Es wird nämlich gestreikt. Einige Segler kommen hier nicht weg, weil sie den dringend benötigten Diesel nicht bekommen. Die Autovermieter machen keine Geschäfte, weil es keinen Sprit an den Tankstellen gibt. Der gemeine Segler kommt nicht in die Stadt oder über die Insel, weil die Busse entweder gar nicht oder unkalkulierbar fahren. Im Supermarkt soll man schnell noch einkaufen, weil die Waren auszugehen drohen. Merde! Ich wage es trotzdem in Richtung Stadt zu laufen. Nach einer Weile sieht es ziemlich runtergekommen aus. Mir begegnen Gestalten, die finster dreinschauen. Der Mut verlässt mich und ich kehre um. In der Marina erfahre ich von Nachbarn, dass ich da wohl in Richtung "Hemd hoch Viertel" gelaufen bin. Davon rate man dringend ab.

Nach drei Tagen, die ich zum Bilder sortieren und bearbeiten nutze, mache ich die Leinen los. Guadeloupe teilt sich in einen flachen östlichen und einen bergigen westlichen Teil. Zwischen diesen beiden Teilen gibt es ein enges Fahrwasser, die Rivière Salèe-Passage. Sie führt durch einen Mangrovensumpf. Es sind zwei Brücken zu passieren. Nachdem man das Sumpfgebiet verlassen hat, fährt man nochmals 4,5 sm durch ein teilweise betonntes Riffgebiet. Wenn alles geschafft ist, habe ich einen sehr günstigen Segelkurs nach Antigua (sprich: Anteega). Jetzt kommt der Clou. Die erste Brücke öffnet morgens um fünf Uhr, und zwar nur! Zu der Zeit ist es hier noch finster wie im ... Gehe am Abend vorher schon vor der Brücke vor Anker. Bin ziemlich aufgeregt. Immerhin trauten sich meine neuen Bekannten aus Heidelberg hier nicht durch, denn sie haben mit ihrem Boot 2,1 m Tiefgang. Mit den 1,5 m der Santa Maria dürfte es zu schaffen sein. Trotzdem, der Stressfaktor steigt, so dass ich in der Nacht extrem schlecht bis gar nicht schlafe. Entsprechend bin ich morgens um 04.00 Uhr gut beieinander.



Der Markt findet hier auf der Straße statt



Pünktlich um 05.00 Uhr öffnet die Gabarre-Brücke. Da die zweite, die Alliance-Brücke, nach meinen Unterlagen erst eineinhalb Stunden später öffnen soll, fahre ich sehr verhalten das zum Teil verschlungene Fahrwasser entlang. Es ist aber gut betonnt und alle technischen Hilfsmittel der Santa Maria sind im Einsatz. Als ich ankomme, ist die Brücke bereits offen und man erwartet mich. Durch zwei blendende Scheinwerfer werde ich etwas irritiert und fahre einen kleinen Schlenker. Das irritiert scheinbar die Brückenmannschaft. Auf Französisch geben sie mir per Lautsprecher einen Hinweis, den ich leider nicht verstehe. Meinen kleinen Fehler habe ich aber schon selbst korrigiert und fahre nun anstandslos zwischen den Brückenpfeilern durch. Im Riffgebiet ist es danach nicht mehr so schwierig, da es bereits dämmert und ich die jetzt spärlichere Betonnung gut ausmachen kann. Als auch das Riffgebiet hinter uns liegt, setze ich Segel und habe einen schönen Törn nach English Harbour auf Antigua.

In English Harbour gehe ich im letzten Loch, in der Ordnance Bay, direkt gegenüber von Nelsons Dockyard, vor Anker. Der Naturhafen gilt als "Hurrican Hole". Obwohl, wenn ich mir den halb gesunkenen kleinen Inselfrachter in der einen Ecke der Bay und zwei ziemlich abgewrackte, an Mangroven festgebundene Segler so betrachte, bin ich nicht sicher, ob ich hier einen Hurrikan abwettern möchte. Aber jetzt ist alles ganz friedlich und ich bin erst einmal rundherum zufrieden.



Pechvogel im Schatten der Millionärsyachten



Warten auf alle zukünftigen Hurrikans



Man sichert sich möglichst früh einen Platz ...



sonst ...



Hier findet allerdings Pelicano ein neues Zuhause



Englisch Harbour spielte für die Englische Marine eine wichtige Rolle. Auch ihr überragender Seeheld, Horatio Nelson, kam als 26jähriger Kommandant der Fregatte "Boreas" hierher und machte am Dockyard fest. Irgendwann verkamen aber die alten Militäranlagen und Unterkünfte. Bis 1949 die Familie Nicholson hier vor Anker ging. Sie waren, von England kommend, auf dem Weg nach Neuseeland und wollten dort ein neues Leben beginnen. Hier blieben sie allerdings hängen und begannen, die alten Offiziersunterkünfte wieder aufzubauen. Kontinuierlich entstand so im Laufe der Jahre ein Ensemble, mit dem sich Geld verdienen ließ und lässt. Die historischen Gebäude beherbergen heute Restaurants, kleinere Läden, ein kleines Hotel u.a. Täglich laden Touristenbusse hier ihre Fracht ab. Nicht zu reden von den 3500 bis 4000 Yachten, die jährlich hier vor Anker gehen.

English Harbour




carribian color



carribian color





Um nicht aus der Übung zu kommen, hier wieder eine kleine Geschichte von der Außenborder Front. Ich war heute mit dem Dingi schon an Land. Nach drei Stunden will ich erneut, besteige das gute Stück, löse die Festmacher und reiße am Anlasserseil. Nichts geht. Ich versuche es immer wieder. Ich treibe langsam nach Lee weg. Treibe an einem englischen Boot vorbei. Die Jungs wollen mir helfen. "Four eyes see more than two"! Paddle zu ihnen heran und wir halten gemeinsam Kriegsrat. Bis ein slowenischer Segler vorbei kommt und meint, da könne er mir helfen. Er habe auch gerade so einen schönen kleinen Motor gekauft und habe das gleiche Problem. Er nimmt meine Vorleine und wir fahren zu seiner Yacht, nur wenige Meter entfernt. Der Knabe hat wirklich Ahnung. Jetzt lerne ich erst einmal mein kleines Maschinchen kennen. Lerne natürlich auch den Begriff "carbureter", das englische Wort für Vergaser. Er nimmt ein bisschen was auseinander, säubert es, schraubt alles wieder zusammen, und die Maschine läuft. Eine Erwähnung in meinem Abendgebet ist dem Segelkameraden garantiert, zumal er als Nichtalkoholiker die angebotene Flasche Wein ausschlägt.

Mittlerweile glaube ich, dass es in der Natur von Außenbordern liegt, Ärger zu machen. Wenn ich sehe, wie auch andere Segler an den Ankerplätzen verzweifelt an ihren Anlasserseilen reißen, wenn sie mit allerlei Werkzeug den Dingern zu Leibe rücken, glaube ich, dass es ein Außenbordernaturgesetz gibt. Das lautet: "wenn du gerade noch glaubtest dein Außenborder läuft, verlass dich nicht darauf".

Nachdem alles wieder schick ist, mache ich Pläne für mein nächstes Ziel. Es soll die Insel Sint Maarten sein, die zu den niederländischen Antillen gehört. Es sind bis dorthin ungefähr 100 sm, also nicht in einer Tageslichtphase (12 Stunden) zu schaffen. Ich beschließe, am Nachmittag auszulaufen, die Nacht durchzusegeln und am Vormittag in Philipsburg anzukommen. Der Passat ist zuverlässig, der Kurs mit Raumschotswind total easy. Trotzdem ist natürlich beim Alleinsegeln die Zeit von 02.00 bis 06.00 Uhr ein hartes Brot. Ich lege mich immer mal für 20 bis 30 Minuten unten hin. Wenn ich hoch komme treibt sich irgendein Kreuzfahrtschiff in der Nähe herum. Dabei soll man entspannen.



Es geht alles gut und am späten Vormittag stehe ich vor der Great Bay. Nichts ist so wie im Handbuch beschrieben. Eine ordentliche Marina zum festmachen ist nicht in Sicht. Bobby's Marina ist nicht das was ich erwartet habe. Also gehe ich in der weitläufigen Bucht, dicht vor dem Strand, vor Anker. Beim Landgang stelle ich fest, Philipsburg ist eine Freihandelzone. Der Ort ist gespickt mit Juwelierläden. Alle internationalen Marken sind vertreten und die Touristen von den cruiser ships kaufen wie verrückt Schmuck, Uhren und was die Händler sonst noch anbieten. Ich habe meinen Spaß bei cash and carry. Erstehe dort ein komplettes Dinner für 13 US $, bestehend aus einem Liter feinsten Appleton Estate Rum, ein sixpack Cola und eine Packung Pringles. Das ist schon sensationell preisgünstig, die Frage ist nur, kann man das nun jeden Abend als Dinner gelten lassen?

Bei Island Water World begebe ich mich auf die Suche nach Zündkerzen und einem entsprechenden Steckschlüssel. Der Manager des Ladens, John, verspricht mir, bis Morgen die Zündkerzen zu besorgen, für den Steckschlüssel will er mich zu einem anderen Laden fahren. Tatsächlich sind die Zündkerzen am anderen Tag da. Anschließend lädt er mich in seinen Landcruiser und auf geht's. Unterwegs erzählt er mir, dass er aus Jamaika komme. Die meisten Leute auf Sint Maarten kämen von anderen Inseln und seien sehr arbeitswillig. Die Sint Maartener seien eher faul und man finde sie überwiegend bei der Polizei, Custom, Immigration und anderen Behörden. Auf meinen Hinweis, ich sei im fernen Germany auch ein government official, ernte ich Heiterkeit. Nach einigen Kilometern erreichen wir den Werkzeugladen und ich erstehe das erforderliche Teil. Auf der Rückfahrt palavern wir weiter über Migration hier wie auch in Deutschland. Ich habe den Eindruck, die Probleme gleichen sich. Als wir von unserem kleinen Ausflug zurück sind, mache ich einen Diener und bedanke mich ob der außergewöhnlichen Dienstleistung. Bei diesem Manager ist der Kunde noch König. In seinem Laden habe ich für ganze 7,95 US $ eingekauft!



Als nächstes will ich zu den Virgin Islands. Die Virgins teilen sich in drei Einflusssphären, der britischen, der amerikanischen und der spanischen. Wieder eine Strecke von annähernd 90 sm, und das bedeutet erneut eine Nachtfahrt. Sie ist diesmal nicht ganz so entspannend, weil wir Wind von um die 28 Knoten haben und die See ziemlich hochgeht. Drei-, viermal in der Nacht verirrt sich ordentlich Platschwasser ins Cockpit. Beim ersten Mal bin ich noch so unvorbereitet, dass ich anschließend meine nassen Plünnen gegen trockene tauschen muss. Am Morgen erreiche ich die Virgin Gorda, "fette Jungfrau"; von Kolumbus so getauft, weil ihn die Silhouette der Insel an eine auf dem Rücken liegende Frau erinnerte. Sinnfreudig war der Knabe schon.

Nach einem ersten Inselerkundungsgang stelle ich fest, hier gibt es außer Gegend nicht viel. Ein paar verstreut liegende Wohnhäuser, das war's schon. Werde schnell nach Tortola hinübersegeln in der Hoffnung, dass dort mehr anzuschauen ist.

In Road Town, der Hauptstadt der British Virgin Islands auf der Insel Tortola komme ich um die Mittagszeit an. Entgegen der Angaben des Handbuchs fahre ich bis ans Ende der Bucht und finde einen total geschützten Platz an einer Muring. Die Liegeplätze, die das Handbuch vorschlägt, sind mir alle zu unruhig. Mit dem Dingi kann ich bequem an einem Dingidock festmachen und schon bin ich in der Stadt. Ja, was ist Road Town für mich? Außer dem Wetter erinnert hier nicht viel an die Karibik. England ist es aber auch nicht. Vereinzelt sieht man noch die traditionelle Bebauung mit ihren fröhlichen bunten Farben, daneben aber eine Urbanisation, die eigentlich nicht hierher passt. Aber, Fortschritt ist nicht aufzuhalten, auch wenn er nicht unbedingt Gutes bedeutet. Die kleinen Läden sind auf die schnell durchziehende Karawane der Kreuzfahrttouristen ausgerichtet.

Das soll von dieser Insel aber noch nicht alles gewesen sein. Als nächstes segle ich zu Soper's Hole. Ein altes Seeräubernest, in dem man total geschützt liegt und wo ich auch für die US Virgin Islands ausklarieren kann. Deutsche Segler begegnen mir hier überhaupt nicht mehr. Es sind nur noch Engländer und Amerikaner und vereinzelt Kanadier zu sehen. An Land gibt es zwei kleine Charterfirmen und natürlich Pusser's Landing. Auch klein Rüdi trifft man dort an der open air Bar. Allerfeinste Mixgetränke und auch ein bisschen finger food gibt's hier. Die "Baby Ribs" sind köstlich.



Begegnung in den Virgin Islands - Club Med -



Widersprüche?



Dann folgt ein Tag, an den ich noch lange zurück denken werde.

Ich klariere am Nachmittag aus und will den nächsten Tag hinüber nach St. John (US Virgin Islands), um in Cruz Bay für US Territorialgewässer einzuklarieren. Morgens um 07.45 Uhr gehe ich Anker auf und, da keine Luft sich bewegt, fahre langsam mit der Maschine die 6,6 sm hinüber. Obwohl der Hafen durch die vielen Fähren die hier fahren wenig Platz bietet, finde ich eine Möglichkeit zum Ankern. Bewaffne mich mit den Schiffspapieren, besteige das Dingi und fahre zur Obrigkeit. Officer Schwein vom Department Of Homeland Security (Heimatschutzbehörde) blättert in meinem Pass. Was er zu finden hofft, findet er natürlich nicht, ein Visum für die Vereinigten Staaten. Ich erkläre ihm, dass ich im Rahmen des "visa waiver program" für 90 Tage einreisen möchte und dafür kein Visum benötige. Er erklärt mir, dass dies mit einem "private boat" nicht ginge.

Stehe kurz vor einem Herzkasper. Officer Schwein macht seinem Namen aber keine Ehre, sondern zeigt sich von einer Dienstleistungsfreundlichkeit, von der sich Beamte aller Nationen eine Scheibe abschneiden können.

Es gäbe einen einfachen Weg, um aus dem Dilemma herauszukommen. Ich möge zurück zu den British Virgin Islands fahren, dann mit einer Fähre ("commercial boat") wieder herkommen. Ich bekäme so einen Stempel in meinen Pass, der mich zum 90tägigen Aufenthalt in den USA berechtige. Ich müsse dann mit der Fähre wieder ausreisen und könne anschließend mit meinem "private boat", der Santa Maria, einreisen. Froh, dass es überhaupt eine Möglichkeit gibt, realisiere ich seinen Vorschlag. Um kurz vor 12.00 Uhr bin ich in Soper's Hole am Fährterminal. Um 12.15 Uhr fährt die Fähre los. Als ich kurz vor ein Uhr Officer Schwein mit einem "here I am" begrüße, antwortet er trocken: "here you are" und grinst dabei. Zwischenzeitlich hatte ich natürlich wieder diverse Papiere ausgefüllt und Erklärungen abgegeben und bekomme anstandslos meinen Stempel. Um 15.30 Uhr geht die Fähre zurück. Auch auf der Britischen Seite zum wiederholten Male Immigration und Custom. Der Zollobergeneral fragt mich bei Germany nach "abbreviation", weil er es nicht in seinem Computer findet und ich verstehe nur Bahnhof. Es dauert eine ganze Weile, bis herauskommt, dass er nach der Abkürzung für Deutschland fragt und die Abkürzung eben nicht "G" für Germany ist, sondern "D" für Deutschland. Als ich mir später meinen Pass anschaue, stelle ich fest, dass rechts oben in der Ecke ein fettes "D" eingraviert ist. Dieser Dussel. Nachdem alle Hürden genommen sind, kann ich endlich mit der Santa Maria nach Cruz Bay fahren. Natürlich komme ich für den heutigen Tag zu spät zum Einklarieren an. Officer Schwein hatte auf meine diesbezügliche Frage aber schon erklärt, ich könne das auch morgen Früh um 07.00 Uhr machen, dann sei er wieder da.

Nachdem ich die Formalitäten erledigt habe, fahre ich hinüber nach St. Thomas, zur Hauptstadt Charlotte Amalie. Cruz Bay hatte ich durch meinen Kurzaufenthalt zwischen den beiden Fährpassagen bereits kennen gelernt und insofern kein Bedürfnis mehr für einen längeren Aufenthalt. Charlotte Amalie wurde 1666 von den Dänen nach ihrer damaligen Königin benannt. 1917 kauften die Vereinigten Staaten die Inseln St. Thomas, St. John und St. Croix für 48 Tonnen Gold den Dänen ab.



Bank of St. Thomas in Charlotte Amalie



In Charlotte Amalie führt mich mein erster Weg in einen Supermarkt. Wegen des strikten Einfuhrverbots für Früchte, Gemüse, Fleisch u.ä. in die USA hatte ich mich schweren Herzens von meinem letzten Kilo Charlotten und von meinem Knoblauch getrennt. Andere frische Sachen hatte ich in den letzten Tagen schon nicht mehr gekauft. Nun brauche ich aber Nachschub und bekomme in dem Supermarkt fast einen Kulturschock. Die Supermärkte der letzten zwei Monate waren von dürftig bis na ja, hier erlebe ich Überfluss in solch einem Maße, dass ich erstmal staunend durch jeden Gang flitze.

An einem der nächsten Tage besuche ich "Coral World" auf der anderen Seite der Insel. Hier kann man durch ein Korallenriff laufen, ohne nasse Füße zu kriegen. Die Vielfalt der Farben, mit denen Fische ausgestattet sind, ist bemerkenswert. Nebenan gibt es ein Haibecken, an dem aber zurzeit gebaut wird. Einige träge Kandidaten sind trotzdem zu bewundern. Ein paar Schritte weiter ein Becken mit Stingrays. ich übersetz das mal frei mit Rochen. Ihre eleganten Bewegungen sind beeindruckend. Die Besucher kommen so nah an die Becken heran, dass sie die Tiere berühren können. Die Stingrays sind zum Teil ganz muntere Burschen. Sie schwimmen dicht am Beckenrand, so als wollten sie sich die Haut schubbern. Dabei ist einer so wild, dass er fast aus dem Becken springt. Am bemerkenswertesten fand ich allerdings die Leguane, die einem zuerst einen Schreck einjagen, weil sie den Weg des Besuchers kreuzen. Ich vermute, dass Landleguane sehr ortstreu und für Menschen ungefährlich sind. Man trifft sie in der gesamten Anlage und es ist schon gewöhnungsbedürftig, wenn diese urzeitlichen Gesellen einem über den Weg laufen.



Leguane in Coral World





Zurück nach Charlotte Amalie bringt mich ein Sammeltaxi mit einem verrückten Driver. Wenn er seine Gäste nicht gerade mit seiner Sangeslust erfreut, unterhält er sich sehr angeregt mit einem Londoner Fahrgast über Kricket. Die beiden können sich ausschütten vor Lachen, wenn sie über bestimmte Spiele palavern. Dabei erfahre ich so nebenbei, dass der Driver schon mal in London zur Beerdigung seines Onkels war. Der Straßenverkehr ist ihm zeitweise ziemlich Schnuppe, er fährt aber sehr verhalten mit seinem Riesenvan, so dass er im letzten Moment immer noch reagiert.

Nach diesem Erlebnis gehe ich in Charlotte Amalie auf Shoppingtour. Nicht dass es mir die überall angebotenen Klunker angetan hätten. Nein, ich kaufe hier sehr preiswert Rum ein und verschaffe mir mit einem Hut von "Panama Jack" ein neues outfit.

Der Zeitpunkt rückt näher für meine Verabredung mit Eddi in Puerto Rico. Bis dorthin sind es ungefähr 70 sm und ich will die Strecke wieder in einer Nachtfahrt bewältigen. Die Ausklarierungsprozedur verläuft harmonisch. Ich kann endlich auch mal meine Frage klären, ob, wenn ich von Puerto Rico aus zu den Bahamas segle und dann später wieder in Florida in US Gewässer komme, beim erneuten Einklarieren die 90-Tage-Frist erneut zu laufen beginnt. Dies wird zu meiner Erleichterung mit "ja" beantwortet. Ich hatte schon die Befürchtung, dass ich zwischenzeitlich die USA verlassen müsste, zum Beispiel Richtung Europa, und dass ich danach erst erneut in den Genuss des "visa waiver program" käme.



San Juan - Puerto Rico -



Nach einer Nachtfahrt bei leichtem Wind komme ich morgens in San Juan, der Hauptstadt Puerto Ricos, an. Im San Antonio Channel gehe ich vor Anker und fahre mit dem Dingi zum Marinaoffice. Das Einklarieren hat es diesmal in sich.

Phase 1:

Die Marinalady stellt mir ihr Telefon zur Verfügung und ich kann mit einem Officer vom Airport sprechen. Er will alles telefonisch erledigen und ich suche schon mal nach meiner Verwunderungsmütze. Erst einmal freut er sich, einen Deutschen am Telefon zu haben, er könne schließlich ein paar Sätze in Deutsch. Dann fragt er nach persönlichen Daten. Name, Registriernummer des Bootes usw. Er benötigt jeweils unendlich viel Zeit um meine Antworten zu notieren und fragt ewig oft nach. Verdammt, wo ist die Verwunderungsmütze? Das Gespräch dauert ungefähr 20 Minuten, dann wird es abrupt unterbrochen. Der Grund? I don't know. Die Marinalady schüttelt auch nur den Kopf und bietet mir jetzt

Phase 2

an. Sie rufe ein Taxi, dass mich zum Immigration Office bringe. Der Fahrer wisse bescheid und ich solle oben an der Straße auf ihn warten. Er spricht erstmal kein Wort Englisch und versucht über seine Zentrale Hilfe zu bekommen. Er gibt mir sein Telefon und ich erkläre dem Englisch sprechenden Zentralmensch mein Anliegen. Dann übernimmt der Fahrer wieder das Telefon und lässt sich mein Ziel erklären. Jetzt geht es quer durch die halbe Stadt und ich lande wirklich vor einem riesigen Gebäude, in dem es auch ein Immigration Büro gibt. Der (The) Officer hinter dem Schalter kann mit mir nichts anfangen. Sie zieht eine Kollegin zu Rate. Die tut ganz wichtig und erklärt mir, ich brauche hier keine Einklarierung, da ich ja schon in St. Thomas für die Bahamas ausklariert habe und dies Island, Puerto Rico, sei schließlich auch US Territorium. Wo ist bloß diese verdammte Verwunderungsmütze. Die erste Lady ist auf jeden Fall so nett, dass sie mir ein Retourtaxi ruft. Auf dies warte ich geschlagene 20 Minuten, der dämliche Fahrer findet dann nicht die Marina. In der Nähe, 15 Minuten Fußweg, lässt er mich aussteigen. Ich bin natürlich total frustriert, und versuche es mal mit Logik. Somit leite ich die letztlich erfolgreiche

Phase 3

ein. Als ich in den weitläufigen Hafen einfuhr, bin ich an den cruise ship docks vorbeigekommen. Wenn hier soviel Ausländer über den Seeweg hereinkommen, muss es in der Nähe der Docks auch eine entsprechende Behörde geben. Ich setze mich also ins Dingi und fahre in Richtung cruise ships. Es gibt leider kein Dingidock, aber einen kleinen vergammelten Schwimmsteg, an dem ich festmache. Oben gibt es ein Tor, welches verschlossen ist. Links und rechts Stacheldraht. Dazwischen eine Möglichkeit über den Zaun zu klettern. Ran an die Bulette. Oben angekommen stehe ich auf einem umzäunten Gelände, auf dem Straßenarbeiten stattfinden. Ich frage einen der Arbeiter, wie lange das Tor, das es auch hier noch einmal gibt und jetzt offen steht, noch geöffnet ist. Er beruhigt mich und meint, sie würden heute mindestens noch vier Stunden hier arbeiten. Ich bin aber auch immer was leichtgläubig.

Ich trabe also Richtung cruise ships. Dort angekommen frage ich eine Uniformierte nach dem Weg. No problem, am Ende der Straße, ein Haus im spanischen Stil, dort sei U.S. Custom and Border Protection. Heilige Bürokratie. Nachdem ich zwei Sicherheitsschleusen bewältigt habe, lande ich bei Special Officer Angelita Betancourt-Cruz. Nach kurzer Zeit sind wir etwas miteinander warm geworden und sie stellt sich als überaus reizend dar. Sie gibt mir ein dutzend Tipps und ich erhalte sogar noch ein Cruising Permit, das ich in jedem US Hafen vorlegen soll. Sofort erschließt sich nicht der Sinn für mich, sie gibt mir aber ein Merkblatt mit, so dass ich an Bord nachlesen kann. Letztlich geht es darum, dass ich in jedem zukünftigen Hafen der USA keine Gebühren mehr bezahlen muss ("no payment of entry, no clearing fees, no tonnage tax, no light money"). Zum Schluss soll ich bezahlen. Damit habe ich überhaupt nicht gerechnet. Sie will 37 US $. Nachdem ich 60 $ für die beiden Taxifahrten ausgegeben hatte, finde ich jetzt in meinem Portmonee nur noch 32 $. Mit Karte kann ich leider nicht bezahlen. Sie nimmt erst einmal meine Kohle und stundet mir die fehlenden 5 $ bis zum nächsten Tag. Angelita, wenn du jetzt noch kochen könntest, würde ich dich heiraten.

Als ich zu meinem Dingi zurück will, haben die Arbeiter bereits Schicht. Das Tor ist verschlossen. Aber zwischen den beiden Torflügeln ist soviel Platz, dass ich mich ohne Rucksack durchquetschen kann. Was ich hier so alles anstelle, Gott sei Dank ruft Niemand die Polizei.



old town





Nachdem ich ausgiebig geschlafen habe, mache ich mich anderntags erneut auf den Weg. Zuerst meine Schulden bei Angelita loswerden. Dann erkunde ich die Old Town. Gehe in einer library kostenlos ins Internet und schaue mir ausgiebig die alte Festungsanlage San Christóbal an. In dem richtig alten Viertel photographiere ich munter drauf los. Am Straßenrand sitzen zwei junge Frauen, wovon eine mich anspricht. Ich solle mal meine pretty camera in meinen Rucksack stecken. Nehme sie erst nicht so ernst und meine zu ihr, sie sei schließlich auch ganz pretty. Dann erklärt sie mir aber, hier treiben sich zum Teil finstere Gestalten herum und es sei besser, so eine teure Kamera nicht offen zu zeigen. Ansonsten sei es aber hier keine "no go area", sie wohne schließlich auch hier. Ich beherzige ihren Rat und höre auf zu photographieren.

new town






© Rüdiger Kreutschmann


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