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Dezember 2008 - Atlantik von Ost nach West

Zwölfter Brief




Jetzt soll "die große Überfahrt" also losgehen. Wir starten am 29. November 2008, ein paar Tage später als die Teilnehmer der ARC (Atlantic Rally for Cruisers), die mit 214 Yachten von Gran Canaria nach St. Lucia gestartet sind. Unsere Ausreise beginnt dagegen in der Marina Rubicon auf Lanzarote und unser Ziel soll Grenada sein. Etwas weiter, vor allem weiter südlich, als St. Lucia. Das GPS berechnet die Distanz von der Marina Rubicon bis zu unserem Ansteuerungspunkt östlich vor Grenada mit 2.829 nm. Dies ist der kürzeste Weg, den wir leider nicht segeln sollten. Seit der Zeit von Kolumbus, also seit rund 500 Jahren, ist der Ratschlag an die Seefahrer, von den Kanaren aus erst einmal südwestlichen Kurs zu steuern, bis annähernd die Kapverdischen Inseln erreicht sind. Erst dann soll man auf einen stetigen Passat treffen. Wir werden uns an diese Ratschläge halten und unterwegs weitere Entscheidungen treffen.



bunkern 1



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Vorbereitungen


Wir, das sind Helmut, Klaus, die Santa Maria und ich.


abreisefoto



Die vor uns liegende Strecke ist navigatorisch nicht die ganz große Herausforderung. Jurek würde formulieren: "nicht der ganz große burner". Der zu steuernde Kurs wird, sobald wir frei von Fuerteventura sind, 236° sein. Nach ca. 800 bis 1.000 nm können wir voraussichtlich den Kurs nach Westen richten und es dann nicht mehr verhindern, dass wir mit der vorherrschenden Strömung geschoben und vom Passat auf die andere Seite des Atlantiks geblasen werden. Wenn es sehr gut läuft, schaffen wir die Strecke in ungefähr 23 Tagen. Bei einigen zu erwartenden flauen Tagen unterwegs rechne ich aber eher mit bis zu 26 Tagen. Das bedeutet Ankunft um die Weihnachtszeit.

Die größere Herausforderung ist die lange Zeit an sich, die wir unterwegs sind. Wird es gruppendynamische Prozesse geben, die uns entgleiten? Hilft uns unsere berufliche und seglerische Erfahrung? Helmut ist im Erziehungsdienst tätig, er müsste wissen, wie Menschen ticken. Klaus ist ehemaliger Börsenmakler, hat dabei bereits alle Höhen und Tiefen durchschritten. Der Skipper ist seit Jahrzehnten mit wechselnden Crews unterwegs. Garantien sind das alles nicht. Jeder von uns hat sich aber lange genug mit der Aufgabe beschäftigt und dann steckt in uns ja noch der tiefe Wunsch, diese Strecke zu stemmen. Hoffentlich sprechen wir auf der anderen Seite des Atlantiks nicht nur noch übereinander.

Da wir zu dritt sind, werden wir Einzelwachen gehen. Tagsüber sollen es jeweils vier Stunden und nachts drei Stunden sein. Theoretisch kann somit jeder 16 Stunden täglich in der Koje verbringen, was aber wahrscheinlich nicht der Fall sein wird. Stattdessen habe ich die Hoffnung, dass wir tagsüber auch einige Zeit alle zusammen sind, Mahlzeiten gemeinsam zubereiten und einnehmen können, und die Kommunikation nicht nur auf den Austausch von nautischen Nachrichten beschränkt bleibt.

stempel

Die Bunker der Santa Maria sind voll. Verhungern werden wir nicht. Klopapier ist reichlich an Bord. Außer dem vollen Wassertank mit 550 Litern haben wir noch 200 Liter in 5 Liter Kanistern gebunkert. Das alles sollte reichen, damit man sich ab und zu, zur Freude der Anderen, auch noch waschen kann. Für die Schleppangel habe ich noch einige Kleinigkeiten gekauft. Ob wir damit die Bordküche bereichern können, wird sich zeigen. Vorsichtshalber schärfe ich schon einmal die Messer, lasse aber noch kein Öl in die Pfanne.

Am Morgen des 29. November fahre ich mit dem Mietauto noch schnell zum "Deutschen Bäcker" und hole die 12 bestellten, frischen Brote ab. Nach dem Frühstück geht's hinüber zur Tankstelle, 120 Ltr. Diesel bunkern, Ausklarieren im Marinaoffice und um 11.27 Uhr (UTC) starten wir unsere Atlantiküberquerung. Wir haben beschlossen, als Uhrzeit UTC gelten zu lassen. Das bedeutet, wir haben zwar bei der Ankunft in Grenada gegenüber Deutschland einen Zeitunterschied von 5 Stunden, müssen aber nicht alle 15 Längengrade nach Westen die Uhren umstellen. Die GPS an Bord (3 Stück) sind sowieso auf UTC eingestellt.

wolken

Dem Sonnenuntergang entgegen

Nach der Hafenausfahrt können wir bei leichtem Westwind (um 10 Knoten) sofort die Segel setzen. Klar ist bei der herrschenden Windrichtung auch, dass wir auf der Ostseite Fuerteventura passieren müssen. Der Tag trödelt so dahin. Abends beginnen wir unseren Wachrhythmus; um Mitternacht hat uns der Wind fast verlassen. Unsere Geschwindigkeit pendelt zwischen 1,5 und 2,5 Knoten. Obwohl wir wissen, es bleibt nicht so, sind wir beim Mittagsfix am nächsten Tag doch enttäuscht. Genau 100 sm haben wir in 24,5 Stunden Richtung Südwest gutgemacht. Wenn das unser Durchschnitt werden sollte, benötigen wir 30 Tage für die Strecke. Der darauf folgende Tag wird nicht besser. Nach weiteren 24 Stunden haben wir ein Etmal von 98,9 sm. Am dritten Tag dann die Befreiung. Rasmus schaltet den Turbo zu und wir machen ein Etmal von 146 sm. Erst zum Ende der Reise werden wir dieses Ergebnis noch mal toppen können.



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Die Passatsegel sind gesetzt



Vom vierten Tag an kommen die Passatsegel zum Einsatz. Auf jeder Seite wird eine Rollgenua gesetzt, die jeweils mit "Bäumen" aus Aluminium fixiert werden. Trotz einer Wellenhöhe von geschätzten vier bis sechs Metern, bringen diese beiden Segel eine erstaunliche Stabilität ins Boot. Der Wind hat auf 6 bis 7 Windstärken aufgebrist. In den Böen läuft die Santa Maria wie auf Schienen. Die Bewegungen sind weich und wir segeln aufrecht. Kochen an Bord ist überhaupt kein Problem. Der nächste Tag bringt uns endlich die ersehnte Sonne. Es war in den ersten Tagen dermaßen grau am Himmel, dass wir die Maschine zwei Stunden am Tag zum Laden der Batterien einschalten mussten. Jetzt hilft die Solaranlage mit.



afrikanischer sand

Roter afrikanischer Sand als letzter Gruß



arbeitsteilung

Arbeitsteilung

Am siebten Tag haben wir übereinstimmend das Gefühl, das der Passat sich endgültig durchgesetzt hat. Obwohl wir eigentlich noch weitere 300 sm nach Süden segeln wollten, bevor wir auf westlicheren Kurs gehen, entschließen wir uns, doch schon jetzt westlicheren Kurs von Alfredo (Autopilot) steuern zu lassen. Wir befinden uns auf 20° Nord und müssen noch hinunter auf fast 12° Nord. Das liegt noch 480 sm südlicher als unser jetziger Standort. Von Tag zu Tag haben wir das Gefühl, unsere Entscheidung ist richtig. Unsere Etmale haben sich jetzt durchschnittlich auf 120 sm stabilisiert. Damit sind wir zufrieden. 1984 ist die Santa Maria unter ihrem ersten Eigner Egon mit durchschnittlich 4,77 Knoten gesegelt. Da liegen wir bisher gut drüber.



passatsegeln 2

Passatsegeln



bonito anton

Unser erster Bonito "Anton"



Die Bordroutine bestimmt unseren Tag. Jeder hat sich ans Wachsystem gewöhnt und kommt zu ausreichend Schlaf. Tagsüber sind wir regelmäßig mehrere Stunden zusammen. Dabei entwickelt sich folgendes Ritual. Gefrühstückt wird meist allein. Brot, Müsli, was man so will. Gegen 13.30 Uhr gibt es Kaffee oder Cappuccino mit Kuchen oder Gebäck. Um 16.30 Uhr beginnen die Vorbereitungen zum Dinner. Kartoffeln und Zwiebeln werden geschält. Pasta oder Reis wird ausgewählt, Gemüse wird geputzt. Zwischen 17.30 und 18.00 Uhr essen wir gemeinsam. Nach dem Abwasch sitzen wir meist noch bei einem Sundowner zusammen und schnacken dummes Zeug. An manchen Tagen sitzen wir unter Deck und spielen ein Würfelspiel. Mit der hereinbrechenden Nacht zieht sich die Freiwache in die Koje zurück.



zocker

Hier geht's rund: "Heckmeck am Bratwurmeck"



fliegender fisch

Fliegender Fisch



Vom neunten Tag an ist unsere Schleppangel draußen. Wir haben mehrfach Anbisse. Einen Außenbordskameraden können wir bis auf 5 m an die Santa Maria herankriegen, dann bleibt er Sieger. Wir verlieren bei diesen Aktionen mehrere Köder. Jetzt aber kommt unser Siegerkunststofftintenfisch zum Einsatz. Damit hat ein 45 cm langer "Gestreifter Thun" oder auch "Echter Bonito" nicht gerechnet. Am 11. Tag geht er an die Angel, wird geborgen, von Klaus ausgenommen, von mir unter Hilfe von Helmut filetiert und schwupp ist er in der Pfanne. Klaus macht den Chef de Cuisine. Ein bisschen großkotzig glaube ich an unser zukünftiges Anglerglück und schlage vor, den gefangenen Fischen einen Namen zu geben. Es soll nach dem deutschen Alphabet gehen, mit einem männlichen Namen beginnen und immer im Wechsel männlich/weiblich folgen. Helmut und Klaus sind einverstanden und so bekommt unser Bonito den Namen "Anton".



Bergfest

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bergfest 2



Mein Optimismus wird bestätigt. Zwei Tage später haben wir eine 60 cm lange Goldmakrele an der Angel. Wir können "Babsy" an Bord ziehen und sind begeistert von ihren Farben. Nachdem sie ihr Leben ausgehaucht hat, verlieren sich die Farben leider sehr schnell. Na ja, man spricht ja auch von Leichenblässe. Muss bei Fischen wohl auch so sein. Die Filets der Goldmakrele schmecken um einiges besser als unser Bonito.



rauschende fahrt

Rauschende Fahrt im Atlantik



Einen von 24 Tagen können wir Spi segeln



Es vergehen wieder zwei Tage, dann beißt "Charlie" auf unseren Köder. Erneut ein Bonito, diesmal 50 cm lang. Am 22. Tag unserer Reise ein richtiger Erfolg. "Dörte" geht uns ins Netz. Eine 80 cm lange Goldmakrele von geschätzten 4-5 kg. Und dann der Knaller. "Erik", ein 92 cm langer Atlantik Barrakuda, beißt an und wir können ihn bergen. Er lässt sich sehr einfach filetieren und ergibt 6 satte Filets, die ausgezeichnet schmecken. Da haben wir zwei Tage etwas davon. Jetzt erklärt unser Fischbräter Klaus, es reicht. Er möchte bis zu unserer Ankunft keinen weiteren Fisch essen. Helmut und ich, im Jagdfieber, beugen uns.



klausrüdi

Unsere größte Goldmakrele "Dörte"



baracuda

Unerwarteter Fang, ein Baracuda



In der Nacht vom 22. auf den 23.12. sehen wir den Schein von Barbados am Himmel. Es ist nicht mehr weit. Ich schalte das UKW-Radio an und bekomme mehrere Inselsender. Überall Weihnachtsmusik unterbrochen von grässlichen Werbeaussendungen. Am 23.12. sehen wir unser Ziel, Grenada. Wir segeln zwischen der Nordküste der Insel und einem kleinen Steinhaufen Namens "London Bridge" hindurch und befinden uns im Nu auf der Ostseite Grenadas. Nun folgt ein Malheur. Über 3.000 sm hat unser Autopilot das Schiff brav gesteuert. Mit einem Mal gibt er knatschende und knarrende Geräusche von sich. In kürzester Zeit haucht Alfredo sein Leben aus. Eine Inspektion in der Achterkajüte ergibt, dass der Linear Schubantrieb defekt ist. Da können wir mit Bordmitteln nicht mehr eingreifen. Obwohl ich mich schon ein wenig ärgere, bin ich doch über den Zeitpunkt froh. Die Vorstellung, wir hätten ein-, zwei- oder dreitausend Seemeilen die Santa Maria von Hand steuern müssen, ist grässlich. Auf jeden Fall haben wir jetzt wieder ein Projekt, wie Eddi in solchen Situationen zu sagen pflegt.



Begegnung mit einem Segler nach ca. 2.700 sm



Grenada müsste bald zu sehen sein

Um 18.00 Uhr bricht die tropische Nacht herein. 50 Minuten später machen wir an einer Murigboje im Hafen von St. George's fest. Wir sind da. 3.011,1 sm liegen hinter uns. Wir sind stolz und glücklich, und feiern unsere Ankunft angemessen mit einer Flasche Moet Chandon. Die erste Nacht in einem sich nicht mehr bewegenden Schiff. Welch Luxus. Wir haben ein Durchschnittsetmal von 123,12 sm und sind somit 7,5 % schneller gewesen als die Santa Maria bei ihrer ersten Atlantiküberquerung.



ankunftsmail

Wir sind angekommen; jetzt schnell nach Hause "gemehlt"



Am nächsten Morgen fahren Klaus und ich mit dem Beiboot zum Einklarieren. Custom und Immigration befinden sich auf dem Gelände des Grenada Yacht Club. Nach dem Festmachen am Dingisteg betreten wir nach über drei Wochen erstmalig wieder festen Boden. Alles dreht sich, alles bewegt sich. Unser Gleichgewichtssystem ist gehörig aus dem Takt gekommen. Da ich die Einklarierungsformulare bereits aus dem Internet heruntergeladen, ausgedruckt und ausgefüllt hatte, ist die Prozedur relativ schnell erledigt. Wir bekommen unsere Stempel und haben ab jetzt Bewegungsfreiheit in den Grenadinen.


© Rüdiger Kreutschmann


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